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AUSSTELLUNG

Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«

»Opfer rechter Gewalt«

Die Wanderausstellung erinnert an die Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2005.

opfer-rechter-gewalt.de

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Christoph Schulze/Ella Weber (Hg.): Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, »No Go Areas« und »National befreite Zonen«

Kämpfe um Raumhoheit

Gibt es sie, die viel diskutierten »national befreiten Zonen«? Dieser Frage geht u.a. unser Mitarbeiter Christoph Schulze in dem Buch »Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, ›No Go Areas‹ und ›National befreite Zonen‹ nach

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2010-08-20

»Die Probleme sind Ausgrenzung, falsche Schuldzuweisungen und das Unverständnis für Notlagen.«

Irena Petzoldova ist Psychologin und Psychotherapeutin. In der Flüchtlingshilfe arbeitet sie seit 1988. Zuerst war sie in verschiedenen Flüchtlingswohnheimen in Berlin tätig. Seit 1993 wirkt sie in der Zentralen Beratungsstelle für ausländische Flüchtlinge, die sich seit 2005 unter dem Namen Zentrum für Flüchtlingshilfe und Migrationsdienste (zfm) in Trägerschaft des Behandlungszentrums für Folteropfer (bzfo) befindet.

Können sie kurz die neue Einrichtung vorstellen, die sie in Brandenburg aufbauen?

Die Behandlungsstelle für traumatisierte Flüchtlinge begann mit ihrer Arbeit im November 2009, anfangs noch von Berlin aus. Das Projekt wird vom europäischen Flüchtlingsfonds und aus Landesmitteln unterstützt. Es hat seinen Sitz im südöstlich von Berlin gelegenen Fürstenwalde. Ich werde aber weiterhin zwei Tage die Woche in Berlin arbeiten, damit Flüchtlinge, die aus Nord- oder Westbrandenburg anreisen, kürzere Wege haben. Unsere Räume in Fürstenwalde sind beim Haus Hoffnung angesiedelt, eine Einrichtung für psychisch labile und traumatisierte Menschen. Vor Ort befindet sich auch das Wohnheim ALREJU, ein Angebot für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge.

Was gehört neben der unmittelbaren Beratungsarbeit mit den Flüchtlingen noch zu ihrer Aufgabe?

Ein Teil der Arbeit wird die Ermittlung des Bedarfs in der Erstaufnahmestelle Eisenhüttenstadt sein. Dort will ich regelmäßig vor Ort sein, um die besonders Bedürftigen unter den neuangekommenen Flüchtlingen auszumachen. Sie erwartet nach ihrer Ankunft zuerst eine Anhörung von Befragern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die zentral für den Verlauf des Asylverfahrens ist.

Sie wollen also die Asylsuchenden auf das Erstgespräch vorbereiten. Warum ist das so wichtig?

Optimalerweise würde ein Flüchtling nach seiner Einreise rechtzeitig vor dem Interview an mich weitergeleitet. Ich kann dann feststellen, welche Schwierigkeiten er hat, und bereite ihn auf das Interview vor. Ich mache ihm Mut, in dieser Situation wirklich offen zu sein und alles zu sagen. Wir versuchen, die Befragungssituation zu üben. Hierzu gehört auch der Umgang mit Symptomen, die die Schilderung behindern könnten. Nicht selten kommt es während der Flucht zu schweren Konfliktlagen, ganze Familien werden auseinandergerissen. Das alles können Ursachen dafür sein, dass Schutzsuchende im Erstgespräch mit dem BAMF sich unnötigerweise in ihren Aussagen widersprechen. Unter Umständen kann man um eine Verschiebung des Interviews bitten, wenn der Mensch sehr traumatisiert oder blockiert ist. Im günstigen Fall bekommt die Person nach der Anhörung eine Anerkennung durch das BAMF. Wenn sie von selbst nicht deutlich erklären, dass sie sehr krank sind, werden die Flüchtlinge einfach nach einem bestimmten Schlüssel auf Sammelunterkünfte oder Wohnungen umverteilt.

Übrigens reisen nicht nur Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) ein. Es gibt auch Flüchtlinge mit Psychosen, die bei ihnen Verfolgungswahn auslösen. Ich habe Fälle von solch schwer kranken Menschen erlebt, die aufgrund einer eingebildeten Verfolgung den Asylantrag stellten. Andere reisen mit schwerer Depression oder akuter Belastungsstörung nach kurz zurückliegenden schlimmen Erlebnissen ein. Mit ihnen schnell in Kontakt zu kommen, ist wichtig, denn nur so kann gegebenenfalls verhindert werden, dass eine PTBS entsteht.

Werden sie auch Weiterbildung für Personen anbieten, die in ihrer beruflichen Praxis mit Flüchtlingen zu tun haben?

Auch die Fortbildung von niedergelassenen Ärzten steht auf dem Programm des neuen Zentrums. Dabei geht es nicht darum, die Ärzte weiter zu belasten, die wegen des Kostendrucks oftmals nur eine Viertelstunde Zeit für einen Patienten haben. Aber ich denke, manche Hilfe wird alleine deshalb unterlassen, weil man nicht weiß, was man tun muss.

Es ist ja nicht schwierig, jemanden, der bestimmte Symptome aufweist, zu fragen, ob er in der Vergangenheit schlimme Erfahrungen gemacht hat. Mancher Arzt kommt gar nicht auf diese Idee. Andere haben die Befürchtung, dass der Patient dann anfängt, eine Stunde lang zu erzählen. Möglicherweise versteht der Arzt auch sein Gegenüber nur schlecht. Und da ist nur eine Tochter zum Übersetzen – und vor dem Mädchen will der Vater oder die Mutter nicht reden. Es gibt viele Hindernisse, die einer vernünftigen Anamnese im Weg stehen. Von ihr hängen aber die Diagnose und die vernünftige Weiterleitung des Flüchtlings ab.

Nicht selten sind Flüchtlinge aber auch ganz zufrieden, vom Hausarzt Tabletten verschrieben zu bekommen. Das ist etwas, was sie kennen. Das ist bei Deutschen nicht anders. Die medikamentöse Behandlung psychischer Erkrankungen ist oft erstes Mittel der Wahl, Psychotherapie lehnen viele ab. Menschen sind gewöhnt, gegen Beschwerden Medikamente einzunehmen. Manche Flüchtlinge können sich unter einer Therapie auch einfach nichts vorstellen. Oder sie haben nur Schlimmstes davon gehört, zum Beispiel weil Psychiater in ihrem Herkunftsland nur im Zusammenhang mit Strafvollzug oder Alkoholabhängigkeit auftauchen.

Wie können sie in so einem Fall Flüchtlinge doch zu einer therapeutischen Behandlung bewegen?

Der Ansatz des bzfo funktioniert recht gut. Hier kommen psychologische und sozialarbeiterische Kompetenzen zusammen. Den Menschen zu etwas Fassbaren zu verhelfen, beispielsweise zu einer besseren Unterkunft, schafft Vertrauen. Dadurch entwickeln Flüchtlinge eine Bereitschaft, über Dinge zu reden, über die sie sonst nicht reden können.

Gehört die Unterbringung der Flüchtlinge auch zu ihrem Aufgabengebiet?

Wir wollen mit den Mitarbeitern der Heime zusammenarbeiten. Wir wollen sie dafür sensibilisieren, bei neu eingetroffenen Flüchtlingen zu erkennen, ob es jemanden gibt, der dringend Hilfe braucht, also sie zu »screenen«.

Im Übrigen will ich Heime nicht verteufeln. Ich war selbst mehrere Jahre in solchen Einrichtungen tätig. Mitunter denke ich, dass die Unterbringung in einem gut geführten Heim für eine gewisse Zeit besser sein kann als in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Neubauwohngebiet. Im Heim ist die Chance größer, dass Sozialarbeiter mit dem Neuangekommenen sprechen, ihn zu seiner Vergangenheit befragen, seinen Gesundheitszustand versuchen einzuschätzen und für ihn einen Betreuungsplan erstellen. Unter Umständen ist eine solche Betreuung in der Anfangsphase für Familien besser, bis sie sich alleine zurechtfinden.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre. Deswegen sollte es in Heimen abgeschlossene Wohneinheiten geben. Absolut fatal sind Gemeinschaftsduschen und -toiletten, aber auch Gemeinschaftsküchen. Sie besitzen ein enormes Stresspotenzial. Wenn Menschen aus verschiedenen Ländern, ohne gemeinsame Sprache und mit vielen Problemen zusammen in einem Haus leben, dann gibt es Konflikte. Nicht wenige dieser Personen sind gewaltbereit, immer wieder kommt es zu Eskalationen. Das ist für einen Traumatisierten eine Katastrophe.

Was muss sich hinsichtlich der psychosozialen Versorgung im Umgang mit Flüchtlingen im Land Brandenburg ändern?

Die generelle Abschaffung der Residenzpflicht ist absolut notwendig. Sie isoliert Flüchtlinge und befördert den Ausschluss aus der Gesellschaft.

Es muss möglich sein, dass Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthaltsstatus Sprachkurse besuchen können. Denn die Unfähigkeit sich auszudrücken, kann das Gefühl der Hilflosigkeit massiv verstärken und ein Trauma verschlimmern. Die Menschen werden nicht zuletzt immer wieder zu Opfern, weil als fremd gilt, wer sich nicht verständigen kann.

Insgesamt haben wir es im Zusammenhang mit psychisch traumatisierten Flüchtlingen nicht nur mit den Problemen schwer kranker Menschen zu tun, sondern mit gesellschaftlichen Problemen: der allgemeinen Bereitschaft zur Ausgrenzung von Menschen, falschen Schuldzuweisungen und Unverständnis für Notlagen. Die Landesregierung muss Verantwortung für diese Flüchtlinge übernehmen, darf sie nicht auf Nichtregierungsorganisationen und Kircheneinrichtungen abwälzen. Aus vielen Flüchtlingen werden später Migranten. Sie haben Kinder und sie werden Teil der Gesellschaft sein. Wenn man sie erst jahrelang schlecht behandelt, werden sie zu Menschen, die unglücklich sind, voller Aggression, Hass und Wut. Das übertragen sie auf ihre Kinder und das ist nicht gut für diese Gesellschaft. Ist es da nicht besser, wenn man sie willkommen heißt und ihnen Hilfe anbietet?

(mabe)

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