Vorwort
Viele Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil sie verfolgt werden, Folter erleiden, in Kriegen und Bürgerkriegen ihre Lebensgrundlagen zerstört werden oder weil ihr Leben bedroht ist. Einige Tausend haben den Weg nach Brandenburg gefunden.
Als Asylsuchende und sogenannte Geduldete leben die meisten am Rand der Gesellschaft. Aufgrund rechtlicher Regelungen können sie meist nicht arbeiten. Für ihren Lebensunterhalt erhalten sie einen reduzierten Hartz-IV-Satz. Sie sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Früher ausschließlich in Sammelunterkünften weitab der Zen-tren untergebracht, werden ihnen in jüngster Zeit häufiger Wohnungen zugewiesen.
Ihr Leben ist gekennzeichnet durch eine unsichere Perspektive und erschwerten Zugang zu sozialen Leistungen. Wir in der Opferperspektive und im Flüchtlingsrat erleben häufig, wie diese Lebenssituation der Flüchtlinge ihre Gesundheit und Psyche beeinträchtigt.
Jede zweite rechte Gewalttat in Brandenburg war im Jahr 2009 von Rassismus motiviert. Oftmals wird ein Angriff nur als eine gewaltsame Zuspitzung alltäglicher Erfahrungen wahrgenommen. Dies gilt insbesondere für Flüchtlinge. Nach einem Angriff erhält jede rassistische Beleidigung, jeder abschätzige oder hasserfüllte Blick ein neues Bedrohungspotenzial. Oft sind körperliche Verletzungen zweitrangig; schwerwiegender können in solchen Fällen die psychischen Folgen sein. Flüchtlingen und Geduldeten steht per Gesetz jedoch nur ein eingeschränkter medizinischer Versorgungsanspruch zu. Die Verarbeitung der Gewaltfolgen wird durch diese restriktive Regelung erschwert.
Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass nach einem rechten Angriff Menschen mit Migrationshintergrund und insbesondere Flüchtlinge besonderer Unterstützung bedürfen. Bei vielen Betroffenen sind verschiedene Problemlagen eng miteinander verwoben. Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Isolation, Suchtsymptomatiken, Konflikte in der Familie, Schulprobleme der Kinder, gesundheitliche Probleme.
Häufig ist der Kontakt mit der Opferperspektive die erste Situation, in der die Betroffenen eine Atmosphäre vorfinden, in der sie sich mit ihren Sorgen aufgehoben fühlen. Andere Beratungsstellen wie z.B. die schulpsychologischen Beratungsangebote oder Familienberatungen wissen oft zu wenig über die spezifische Problemlage von Flüchtlingen oder scheinen mit der Situation überfordert. Diese Erfahrung teilen wir mit anderen FlüchtlingsberaterInnen. Entsprechende Hilfe in Brandenburg zu erhalten, ist für die Betroffenen schwierig.
Diese Broschüre will dazu beitragen, mehr Informationen über die spezifischen Problemlagen von Flüchtlingen bereitzustellen. Sie gibt einen Einblick in die mangelnde psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen im Land Brandenburg, den behördlichen Umgang mit diesem Problemfeld und die alltäglichen Auswirkungen auf die Betroffenen. Die Interviews haben nicht den Anspruch, die Brandenburger Realität vollständig wiederzugeben. Wir wissen, dass es auch positive Beispiele gibt. Damit sich aber die Situation in Zukunft für alle Betroffenen verbessert, dafür wollen wir mit dieser Veröffentlichung Impulse und Anstöße geben.
Wir danken allen GesprächspartnerInnen für ihre Mitwirkung und der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg für die finanzielle Unterstützung.
Opferperspektive e. V. und Flüchtlingsrat
Brandenburg
(mabe)


