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Christoph Schulze/Ella Weber (Hg.): Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, »No Go Areas« und »National befreite Zonen«

Kämpfe um Raumhoheit

Gibt es sie, die viel diskutierten »national befreiten Zonen«? Dieser Frage geht u.a. unser Mitarbeiter Christoph Schulze in dem Buch »Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, ›No Go Areas‹ und ›National befreite Zonen‹ nach

AUSSTELLUNG

Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«

»Opfer rechter Gewalt«

Die Wanderausstellung erinnert an die Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2005.

opfer-rechter-gewalt.de

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2009-10-27
Source: OPP

»Die Weißen unternehmen nichts gegen ihre Leute«

Herr D. wohnt in einem Zimmer in einem Flüchtlingsheim. Es liegt am Stadtrand in der Nähe einer Kläranlage.* Das Gelände ist ruhig, BesucherInnen mögen die Lage am Waldrand fast idyllisch empfinden. Ohne ein Auto ist es aber schwer, hier her zu kommen. Seit mehr als fünf Jahren wohnt Herr D. hier. Er kam als politischer Flüchtling aus Nigeria nach Deutschland. Wie den meisten Flüchtlingen wurde ihm die Anerkennung verweigert. Herr D. wird lediglich geduldet und muss jederzeit mit seiner Abschiebung rechnen. Er spricht hervorragend Deutsch und ist in einer christlichen Gemeinde aktiv.

»Ich habe Angst, wenn mir dunkelhäutige Männer auf der Straße begegnen.« Zustimmung: 24 % (Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Ich hatte so gute Laune, ich kam gerade von der Chorprobe und wollte einfach in die Straßenbahn einsteigen und plötzlich kommt jemand und hält mich mit seinem Fahrrad auf und dann ist er auf mich los. Das hat mich überrascht. Ich habe ihn gefragt, was soll denn das? Aber anstatt sich zu entschuldigen oder mich zu ignorieren, hat er mich direkt ins Gesicht geschlagen. Das war über der Grenze. Es gab viele Leute in der Straßenbahn. Der Nazi hat am Ende gesagt: »Neger, dich kenne ich und wir werden sehen.« Und als er »Neger« gesagt hat, da habe ich ihn gefragt, und da waren alle anderen schon aufmerksam: »Was hast du gerade gesagt?« – »Neger!« Keiner hat reagiert, keiner hat gesagt: »Hey, warum sagst du so etwas?« Keiner!

Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass es Leute gibt, die keine Ausländer hassen, die sich aber auch nicht für Ausländer einsetzen würden. Das heißt, sie unternehmen nichts gegen ihre Leute. Ich verstehe das, weil der Mann, der hinter mir stand und der, als dann die Polizei kam, zu mir gesagt hat, er würde für mich aussagen, hatte auch alles beobachtet. Als die Polizei kam, fühlte er sich sicher. Er hat der Polizei gesagt: »Ich kann jetzt meine Aussage nicht machen, weil ich dringend weg muss, aber ich komme später und mache eine Aussage.« Der hat alles gehört. Vielleicht hat er auch Angst gehabt, dass er von dem Nazi erkannt wird und dann später auch angegriffen wird. Jetzt habe ich richtig Angst. Jedes Mal, wenn ich in die Straßenbahn einsteige, muss ich jetzt vorne und hinten die Leute, die um mich herum sind, angucken. Wenn ich mir nicht so sicher bin, bleibe ich lieber stehen, ich setze mich nicht hin. Vorher habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich bin einfach in die Straßenbahn eingestiegen. Aber jetzt muss ich immer gucken, wer sich um mich herum befindet. Ich gucke nach Leuten, die schon ein komisches Gesicht machen, wenn du rein kommst.

Beleidigt wurde ich in Potsdam schon oft: »Hey Schwarzer!», »Neger!«, oder so. Aber wenn man mich nicht angreift, dann ist das kein Problem. Ich gehe einfach weiter, ich schaue nur. Das nehme ich nicht ernst, weil ich kann nicht jeden anzeigen, der zu mir »Neger« sagt. Es passiert vielleicht einmal im Monat. Wenn mich jemand beleidigt, reagiert eigentlich nie jemand anderes. Ich war einmal in einer Telefonzelle – damals hatte ich kein Mobiltelefon – und war dort vielleicht 15 oder 20 Minuten drin. Und als ich ’rauskam, stand dort jemand, der gewartet hat, dass er rein gehen kann. Ich weiß nicht genau, vielleicht war er ja unter Zeitdruck, aber er hat dann gesagt: »Warum bist du so lange drin geblieben?« Ich habe ihn gefragt, was das denn soll, es ist ja mein Geld. »Affe!« hat er erwidert. »Kannst du das wiederholen?«, habe ich dann gefragt. An diesem Tag war ich sehr gereizt und bereit, alles zu machen. So fühle ich mich manchmal. Wenn sie viele sind, dann hat man Angst, aber nicht, wenn sie alleine sind, dann habe ich keine Angst. Da hat er Angst bekommen. Aber wenn sie zehn gewesen wären, dann hätte er sicher gesagt: »Hey Affe, was willst du hier? Geh zurück nach Hause.«

Beleidigungen sind auch nicht so einfach hinzunehmen. Es ist anstrengend und auch kein schönes Gefühl, wenn man jeden Tag beleidigt wird. Ich glaube, dass die Ausländer und besonders die Schwarzen begriffen haben, dass sie, selbst wenn sie etwas dagegen machen, nichts tun können. Viele von ihnen, auch ich, leben einfach mit dieser Situation. Manchmal drehen wir einfach den Kopf nicht um und schauen nicht hin. Wenn du hinschaust, dann kann es explodieren. Aber wenn sie »Neger« sagen und man sagt nichts, dann hören sie auf. Man muss die ganze Zeit daran denken, aber wenn man die ganze Zeit nichts dagegen tun kann, dann muss man damit leben. Es ist kein gutes Gefühl, aber man muss damit leben.

  • Inzwischen befindet sich das Potsdamer Flüchtlingswohnheim nicht mehr weit außerhalb der Stadt in der Nähe der Kläranlage Nord, sondern im Stadtteil Schlaatz.

(mabe)

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