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AUSSTELLUNG

Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«

»Opfer rechter Gewalt«

Die Wanderausstellung erinnert an die Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2005.

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2009-10-27
Source: OPP

»Wann fährst du wieder nach Hause?«

Herr Z. studiert Jura und Politikwissenschaften an der Universität Potsdam. Noch vor wenigen Jahren lebte der Kameruner in einer ehemaligen sowjetischen Militärbaracke in einem Waldgebiet im Süden Brandenburgs, in der Asylbewerber untergebracht wurden. Herr Z. gehörte zu einer Gruppe Flüchtlinge, die sich mit dieser Situation nicht abfinden wollten und sich in der Flüchtlingsinitiative Brandenburg zusammenschlossen. Um die schlechten Lebensverhältnisse zu thematisieren, haben sie Appelle veröffentlicht und Demonstrationen organisiert. Herr Z. wirkte an zwei Dokumentarfilmen mit. Seit einigen Jahren hat er einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

»Ich finde, es geht zu weit, wenn man heute Begriffe wie ›Mohrenkopf‹ oder ›Negerkuss‹ nicht mehr verwenden soll.« Zustimmung: 61 % (Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Ich hatte meine allererste Vorlesung. Der Professor kam und hat sich vorgestellt. Wie es Tradition ist, wird am Anfang die Bibliografie, also die ganzen Bücher und Texte, vorgestellt, die wir lesen sollten. Als er die Autoren aufgelistet hat, kam ein Autor, der sehr bekannt ist, und sein Nachname war Mohr. Eine Studentin, die ganz hinten saß, fragte: »Wie bitte? Können Sie das bitte noch mal wiederholen?« Sie hatte den Namen nicht richtig verstanden. Und anstatt diesen zu wiederholen, sagte der Professor: »Mohr. Mohr, Sie wissen doch, wie der Neger, Mohr.« Alle haben ein biss-chen gelacht, aber komischerweise haben alle verstanden, als er mit »Neger« erklärt hat, wie man Mohr schreibt. Ich war so überrascht, dass ich aufgehört habe, zu schreiben.

Ich war interessanterweise der einzige dunkelhäutige Student im 1. Semester. Es gibt in Jura im 1. Semester immer ein Seminar zur Rechtsgeschichte. Diese Vorlesung hat das Ziel, den Studierenden den Ursprung von Jura zu zeigen, also seit wann der Mensch gedacht hat, man könnte Regeln erstellen, und welche Prinzipien könnte man nehmen, um das Leben in der Gesellschaft zu reglementieren. Der Professor hat gesagt, dass wir, die Europäer, leider keinen Beweis haben, wie das Leben vor der Antike war. Um das zu recherchieren, müssen wir Juristen uns an Anthropologen wenden. Die Anthropologen sind dann zu Bevölkerungen in der Welt gegangen, die noch keine Ahnung von Wissenschaft haben, um dort zu sehen und sich vorzustellen, wie das Leben früher war. Deshalb sind Anthropologen nach Afrika gefahren und haben dort Studien und Recherchen über die Bevölkerung gemacht. Durch die Strukturen, die sie analysiert haben, können wir uns heute vorstellen, wie auch wir vor ein paar Tausend Jahren waren. Ich fand das Konzept furchtbar. Weil ein Student, der so etwas lernt, wie soll er seinen Nachbarn, seinen Kommilitonen, der neben ihm sitzt und genau aus diesem Afrika kommt, wie soll er Respekt haben? Wie wird er mit ihm zusammen eine Hausarbeit schreiben, wenn er weiß: »Du bist so, wie ich vor Tausend Jahren war«?

Ich habe nur mit sehr wenigen Kommilitonen Kontakt gehabt. Also Leute, die, wenn ich sie sehe, Hallo sagen und die auch außerhalb der Vorlesung grüßen. Aber die ganzen anderen, die sehe ich nicht jeden Tag, aber wir arbeiten manchmal sogar in AGs zusammen, weil das müssen wir machen. Aber danach kennen wir uns nicht mehr. Ich habe sie manchmal gegrüßt, aber sie haben überhaupt nicht geantwortet. Einige sind zu mir gekommen und haben gefragt: »Warum studierst du Jura?«, »Warum bist du nach Deutschland gekommen?«, »Seit wann bist du da, wann fährst du wieder zurück?« Diese typischen Fragen. Blöd ist diese Frage »Warum Jura?« Es gab Leute aus Frankreich, aus Polen, ich hatte einen Kommilitonen aus der Ukraine, aber die wurden nie gefragt, warum sie Jura studieren, und das in Deutschland. Aber ich habe ständig diese Fragen bekommen, warum studierst du überhaupt und warum dann Jura.

(mabe)

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