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AUSSTELLUNG

Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«

»Opfer rechter Gewalt«

Die Wanderausstellung erinnert an die Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2005.

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2009-10-27
Source: OPP

»Man wird ständig angeglotzt«

Frau T. wuchs in einer Kleinstadt bei Potsdam auf. Zum Studium zog sie in die Landeshauptstadt, wo sie seither lebt. Die Sozialpädagogin ist mit einem schwarzen Mann verheiratet, zusammen haben sie drei Kinder, die zweisprachig aufwachsen. Vor einigen Jahren konvertierte Frau T. zum Islam und trägt seitdem als Zeichen ihres Glaubens ein Kopftuch.

»Nicht die Ausländer werden diskriminiert, sondern die Einheimischen.« Zustimmung: 40 % (Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Verglichen mit anderen Städten in Brandenburg, wo ich mich mit Tuch alleine nicht hintrauen würde, ist Potsdam anders. Ich fühle mich hier eigentlich wohl und bin hier sehr eingebunden. Das macht es mir vielleicht auch einfacher als Menschen, die zuziehen und erst einmal niemanden kennen. Dass ich als »Türken-Schlampe« oder so beschimpft werde, das ist selten. Mir ist das im Ganzen vielleicht fünf, sechs Mal passiert, seitdem ich das Tuch trage. Was häufig passiert, ist so eine Anmache. Manchmal ist es so, da werden nicht direkt die rassistischen Sprüche geklopft, aber man merkt diese Anmache ganz deutlich. Zum Beispiel wenn man in der Bahn sitzt und ständig angeguckt wird. Man weiß, man ist gemeint, aber man wird nicht direkt angesprochen, und das ist auch etwas Unangenehmes. Wenn man direkt angesprochen wird, kann man ja irgendwie reagieren. Aber wenn man eben nicht direkt angesprochen wird, dann ist da immer so ein Unbehagen. Wenn es extrem wird, dann gehe ich schon mal hin und frage die Leute, ob sie speziell ein Problem mit mir haben, oder nur einen schlechten Tag, und ob ich ihnen irgendwie helfen kann? Also, wenn ich gut drauf bin.

Ich glaube nicht, dass ich schon verschroben bin. Häufig wird ja Afrikanern und auch Muslimen unterstellt, wir hätten so eine Opferhaltung und wir würden jede negative Kritik gleich als rassistische Anmache werten. Aber ich denke, dass ich schon einschätzen kann, warum mich jemand anmacht.
An einer Haltestelle ist mir einmal passiert, das ist eigentlich noch krasser, dass sich zwei Opis in meinem Beisein über mich unterhalten haben. Die dachten, dass ich gar nichts verstehe. Der eine Opi sagte zum anderen: »Guck‘ dir die mal an, sicher hat die auch fünf Kinder zuhause.« Ich war gerade schwanger und hatte ein Kind dabei. »Die kommen her und wollen Kindergeld kassieren«, und solche Geschichten. Ich habe mir das eine Weile angehört, sie standen direkt hinter mir. Ich bin dann aufgestanden und habe gesagt: »Es erstaunt mich wirklich, dass Sie in diesem Alter ein so schlechtes Benehmen haben.« Dem einen war das so peinlich, dem fiel richtig die Farbe aus dem Gesicht. Der andere brummelte noch etwas, dann hörte das aber auch auf.

Ich mache häufig die Erfahrung, dass das schnell umschlägt, wenn ich mich in akzentfreiem Deutsch zur Wehr setze. Das habe ich ganz oft in Behörden, auch in Schulen erlebt, wo danach durchaus ein normales Gespräch möglich war. Ich gehe häufig mit Eltern mit Migrationshintergrund zur Begleitung in Schulen, wenn die nicht so gut Deutsch können oder einfach jemanden dabei haben wollen. Das war ja früher mein Arbeitsgebiet. Da begegnen einem wirklich häufig so Sachen wie: »Bildest du dir ein, dass du das auch bei euch machen kannst?« Damit ist ja immer gleich das Land oder der Kulturhintergrund gemeint. Manchmal kommen auch wirklich krasse Sachen: »Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, dann schicken wir dich zurück, dann kannst du Rock und Kopftuch tragen, dann ist es vorbei mit Jeans.« Das hat ein PB-Lehrer* gesagt.

Bei unseren Kindern tut mir das besonders weh, weil die können dagegen ja nichts machen. Die werden eingeordnet aufgrund unserer Äußerlichkeit, klar, sie sind ja farbig, es fällt auf, dass sie nicht rein deutsch sind. Die Kinder erzählen mir manchmal Sachen, von denen ich völlig schockiert bin. Für sie ist das aber völlig normal, weil denen das einfach ständig passiert. Einem Kind zu sagen: »Geht doch wieder zurück, wo ihr hergekommen seid, wenn es dir hier nicht passt«, das geht einfach nicht. Ich denke, dass man grundsätzlich einem Migrantenkind nur Sachen sagen kann, die man einem deutschen Kind genauso sagen würde. Wenn man der Meinung ist, denen was sagen zu können, was man nie wagen würde, einem Deutschen zu sagen, dann ist das Rassismus. Das ist zumindest meine Meinung.

  • Mit PB ist das Schulfach Politische Bildung gemeint.

(mabe)

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