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Christoph Schulze/Ella Weber (Hg.): Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, »No Go Areas« und »National befreite Zonen«

Kämpfe um Raumhoheit

Gibt es sie, die viel diskutierten »national befreiten Zonen«? Dieser Frage geht u.a. unser Mitarbeiter Christoph Schulze in dem Buch »Kämpfe um Raumhoheit. Rechte Gewalt, ›No Go Areas‹ und ›National befreite Zonen‹ nach

AUSSTELLUNG

Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«

»Opfer rechter Gewalt«

Die Wanderausstellung erinnert an die Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2005.

opfer-rechter-gewalt.de

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2003-12-14
Source: beraten – informieren – intervenieren, Koordinator

»Es sind die kleinen Dinge, die zählen.«

Judith Porath (Opferperspektive Brandenburg), Zissi Sauermann (Mobile Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt in Sachsen-Anhalt) und Kay Bolick (LOBBI Mecklenburg-Vorpommern) erläutern im Gespräch die Arbeitsweise ihrer Projekte, die Rahmenbedingungen ihrer Beratungstätigkeit und beurteilen die Nachhaltigkeit ihrer Arbeit.

In Brandenburg wurde die erste Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt aufgebaut. Wie sieht die Situation bei Ihnen in Brandenburg aus, und was ist für Sie das Hauptproblem in Ihrer Arbeit?

Judith Porath: Die Situation in Brandenburg unterscheidet sich deutlich von den Bedingungen in den anderen Bundesländern. Vorläufer der Mobilen Beratungsteams arbeiten hier bereits seit 1992. Die Opferperspektive existiert seit 1998. Insgesamt wurden in Brandenburg schon seit mehreren Jahren Projekte gegen Rechts gefördert und unterstützt. Es gibt ein Netz unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Akteure, die Anknüpfungspunkte für unsere Arbeit bieten. Das fängt bereits bei der Recherche an. Weil wir in dieses Netz eingebunden sind, finden wir leichter Ansprechpartner und können besser an die Betroffenen herantreten, um ihnen unser Angebot vorzustellen. Dazu kommt, dass es in den Kommunen, in denen wir tätig werden, oft Beratungsstellen, Bündnisse oder engagierte Einzelpersonen gibt, die wir ansprechen können. Positiv zu bewerten, ist auch die Nähe zu Berlin. Dort gibt es einen großen Pool von Anwältinnen und Anwälten sowie therapeutischen Einrichtungen, zu denen wir unsere Klienten vermitteln können. Ich denke, Brandenburg zeigt, was sich in vier, fünf Jahren verändern kann und was auch in den anderen neuen Bundesländern möglich ist.

Frau Sauermann, wie sehen Sie die Situation in Sachsen-Anhalt?

Zissi Sauermann: Was die Bedingungen unserer Arbeit anbelangt, so stehen wir in Sachsen-Anhalt noch am Anfang. Gerade im ländlichen Raum gibt es oftmals keine nicht-rechte Jugendkultur. Auch ansonsten existieren wenige Strukturen, auf die wir in unserer Beratungstätigkeit zurückgreifen können. Es ist für uns sehr schwer, Betroffenen vor Ort weiterführende Hilfsangebote zu unterbreiten. So gibt es zum Beispiel kaum PsychotherapeutInnen, PsychologInnen und PsychiaterInnen, die auf die Behandlung bzw. Therapie von MigrantInnen und Flüchtlingen spezialisiert sind.

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie zu Beginn ihrer Beratungstätigkeit gestoßen? Wurden Sie überhaupt wahrgenommen und akzeptiert?

Zissi Sauermann: In den Städten und Gemeinden, in denen wir uns vorgestellt haben, gab es eine überwiegend positive Resonanz. Oft war eine Erleichterung zu verspüren, dass es nun jemanden gibt, der sich professionell um Opfer rechter Gewalt kümmert. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass viele der Betroffenen inzwischen von Beratungsstellen an uns verwiesen werden. In letzter Zeit kommt es zudem häufiger vor, dass Betroffene zu uns kommen, die durch bereits von uns betreute Klienten auf uns aufmerksam werden. Daneben recherchieren wir aber auch in Lokalzeitungen und versuchen über bestehende Verbindungen, Kontakt zu den Opfern herzustellen.

Herr Bolick, was würden Sie als Hauptproblem für Ihre Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern bezeichnen?

Kay Bolick: Ähnlich wie in Sachsen-Anhalt ist das größte Problem das fehlende Netzwerk. Seitdem wir vor mehr als zwei Jahren die Opferberatungsarbeit aufgenommen haben, bemühen wir uns um eine Vernetzung mit anderen und versuchen Kontakte aufzubauen. Heute ist es aber immer noch so – und das gilt vor allem auf dem Land –, dass es kaum Ansprechpartner gibt, die wir wegen eines konkreten Beratungsfalls oder einer Recherche über die rechte Szene und das allgemeine Klima vor Ort kontaktieren können. Trotz dieser Schwierigkeiten ist dies jedoch eine Aufgabe, die wesentlich zur Opferberatung gehört. Unsere Arbeit macht es zwingend erforderlich, über die konkrete Betreuung der Opfer hinauszugehen und gegebenenfalls zu thematisieren, wie in den Kommunen mit solchen Übergriffen umgegangen wird.

Verglichen mit der Situation vor zwei Jahren hat die Wahrnehmung rechter Gewalt deutlich abgenommen. Haben Sie das Gefühl, dass sich diese veränderte öffentliche Wahrnehmung auf Ihre Arbeit auswirkt?

Kay Bolick: Ja, die Situation hat sich deutlich verändert, da dem Thema rechte Gewalt nicht mehr so viel öffentliche Aufmerksamkeit zukommt. Das erschwert unsere Arbeit. Was allerdings unser konkretes Wirken anbelangt, so glaube ich, dass man auch nicht mehr einfach an uns vorbeigehen kann. Zumindest in Mecklenburg-Vorpommern haben wir durch unsere landesweite Präsenz und unsere kontinuierliche Tätigkeit einen genauen Eindruck von der Situation im Land gewinnen können. Wir haben unsere Kompetenzen erweitert und konnten dies auch nach außen deutlich machen.

Was sind für Sie Erfolge in Ihrer Arbeit?

Kay Bolick: Es sind die kleinen Dinge, die zählen. Wir sind oft die Ersten und die Einzigen, die Kontakt zu den Betroffenen aufnehmen. Dabei merken wir immer wieder, wie wichtig unsere Arbeit ist und dass wir gebraucht werden.

Zissi Sauermann: Die positive Resonanz der Betroffenen ist ganz klar ein Erfolg. Ich stelle immer wieder ein Erstaunen und Aufatmen bei den Betroffenen fest, dass es überhaupt solche Projekte wie uns gibt, die sie nach einem Angriff unterstützen. Was ich auch immer als positiv empfinde, sind die Rückmeldungen Einzelner, die uns zum Beispiel nach einer Pressemeldung kontaktieren und fragen, wie sie den Betroffenen helfen können.

Judith Porath: Ich denke, es gibt da zwei Ebenen. Einmal sind es die individuellen Erfolge im sozialarbeiterischen Bereich, dass man den Betroffenen helfen konnte, nach einem Angriff wieder eine Lebensperspektive zu entwickeln. Die andere Art von Erfolg ist, wenn es gelingt, in Kommunen neue Kooperationspartner zu gewinnen oder Betroffene von rechtsextremer Gewalt mit neuen Ansprechpartnern zusammenzubringen. Wenn sich dadurch neue Prozesse entwickeln, aus denen heraus potenzielle Opfergruppen vor Ort unterstützt werden. Wenn es also gelingt, etwas dafür zu tun, das Klima in einem Ort oder einer Stadt dauerhaft zu verbessern.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Sie erfolgreicher arbeiten könnten?

Zissi Sauermann: Wir machen eine Arbeit, die über Jahre hinweg getan werden muss. Dabei geht es vor allem darum, ein Problembewusstsein zu fördern: Rechte Gewalt muss als solche wahrgenommen werden. Es müssen aber auch die Ursachen ins Blickfeld gerückt werden, die rechtsextreme und fremdenfeindliche Angriffe überhaupt erst möglich machen.

Kay Bolick: Wichtig ist, dass der Ansatz des CIVITAS-Programms kontinuierlich weiterverfolgt wird. Es müssen die Menschen unterstützt werden, die sich aktiv vor Ort gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagieren, und es müssen die Menschen unterstützt werden, die von Angriffen direkt betroffen sind.

Judith Porath: Flüchtlinge sind durch die Residenzpflicht an den Ort des Angriffes gebunden. Sie können diesen angstbeladenen Ort nicht verlassen. Eine psychologische Aufbereitung des Angriffs kann unter diesen Bedingungen kaum erfolgreich sein. Notwendig wäre, dass die zuständigen Behörden hier unkomplizierter eine Regelung im Sinne der Opfer treffen würden. In vielen Fällen bedarf es nämlich eines unglaublichen Kampfes mit den Behörden, um für diejenigen, die unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen, einen Therapieplatz zu besorgen.

Wie würden Sie die Nachhaltigkeit Ihrer Arbeit beurteilen?

Zissi Sauermann: Es gibt da zwei Ebenen. Die eine ist die Nachhaltigkeit in Bezug auf die konkrete Betreuung der Betroffenen. Hier ist es uns gelungen, Opfer derart zu begleiten, dass sie wieder selbst handlungsfähig wurden und sich Perspektiven erarbeiten konnten. Das strahlt auch aus auf die Familie, auf Freunde, auf die Community. Das andere ist eine Nachhaltigkeit bezüglich der Veränderungsprozesse vor Ort. Das ist gebunden an eine längerfristige Arbeit. Es ist eben so, dass es Zeit braucht, bis sich solche Prozesse verstetigen.

Kay Bolick: Dass wir Menschen sensibilisieren können, dass sie eventuell in Zukunft bei Angriffen aktiv werden, das ist sicherlich ein Kriterium für den Erfolg unserer Arbeit. Nachhaltigkeit misst sich aber nicht nur am Einzelfall, sondern auch daran, dass sich das Prinzip der Opferperspektive durchsetzt. Wenn im Umgang mit Rechtsextremismus die Sicht der Betroffenen als Ausgangspunkt genommen wird, wenn die Menschen, die angegriffen wurden, ins Zentrum gestellt werden, wenn hier gesamtgesellschaftlich ein Umdenkungsprozess erreicht würde, dann wäre die Arbeit der Opferberatung nachhaltig.

(OPP)

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