»Ich will nicht über meine Leiden, ich will über Rechte und Pflichten reden«
Seit 2004 kämpft Frau M. um medizinische Versorgung und die Erlaubnis, zur Psychotherapie zu fahren.
Repressalien kennt Frau M. seit frühester Kindheit. Gleich nach ihrer Geburt wird der Vater acht Monate lang inhaftiert, weil er ihr einen kurdischen Vornamen gab. Als sie sechs Jahre alt ist, dringen Polizisten nachts ins Haus ein und misshandeln ihn vor den Augen der Kinder. Sie selbst wird als 14-Jährige das erste Mal verhaftet und verhört. Später studiert sie und ist in der Studierendenvertretung aktiv. Auch hier gibt es ständig Drangsalierungen. Als ein Professor sie wieder wegen ihres kurdischen Namens angreift, wirft sie im Zorn ein Buch nach ihm. In der Nacht darauf wird ihre Wohnungstür von Polizisten eingetreten, die sie mitnehmen. Was sie auf der Wache erlebt, »darüber kann man nicht reden«, sagt sie. Es ist unaussprechlich, verfolgt sie, lässt sie nicht mehr los. Danach entschließt sie sich, das Land zu verlassen.
Als sie in Eisenhüttenstadt ankommt, ist sie schockiert. Sie fühlt sich eingesperrt, bei der Befragung verstummt sie schnell. Sie will erzählen, aber man sagt ihr, das interessiere nicht. Stattdessen befragt man sie nach dem Fluchtweg. Im Gespräch bezeichnet sie den Befrager als Staatsanwalt, so hat sie die Situation empfunden. »Das ist keine gerechte Sache da«, sagt sie.
Ihr Antrag wird abgelehnt. Sie klagt und wartet nun seit fünf Jahren auf die Entscheidung. Eine lange, tote Zeit. Sie kam mit zwei Diplomen und einem Fachhochschulabschluss nach Deutschland. Dass sie trotz der anerkannten Qualifikationen nicht arbeiten darf, ist eine »tiefe, offene Wunde«, sagt sie, und stellt fest: »Ich verstehe dieses Land nicht! Man holt Fachleute aus Indien, dabei sind die Heime voll gut qualifizierter Leute, denen nichts fehlt außer einem Deutschkurs.«
Die Heimunterbringung ist für sie schrecklich. Sie erträgt den Lärm nicht, die Enge, den Alkoholkonsum. Sie versteht nicht, warum man Menschen auf diese Art sich selbst überlässt, die meisten krank und verstört, ohne Beschäftigung vor sich hin vegetierend. »Das ist gegen die Menschenwürde«, sagt sie und berichtet von Belästigungen durch Männer selbst unter der Dusche, von einem psychisch Kranken, der Frauen bedrängt, und einer Heimleitung, die davon weiß und nichts unternimmt.
Sie hat schwere Schlafstörungen, ist abwechselnd nervös und apathisch und bei Xenion, einer Einrichtung für politisch Verfolgte in Berlin, in psychotherapeutischer Behandlung. Die behandelnde Ärztin schreibt ein Gutachten über die psychischen Folgen der Folter und empfiehlt dringend die Wohnungsunterbringung. Dem Sozialamt reicht das Gutachten nicht. Es folgt eine amtsärztliche Untersuchung, die den Befund bestätigt. Nach fast drei Jahren bekommt sie endlich eine Wohnung zugewiesen.
Ihre Hausärztin hatte sie an Xenion vermittelt. Anfangs fährt sie einmal in der Woche nach Berlin und bekommt dafür auch die Reisegenehmigung von der Ausländerbehörde. Nach etwa sechs Monaten will sie wieder den Erlaubnisschein holen, um legal den Landkreis verlassen zu können. Er wird ihr aber nicht ausgestellt. Eine Begründung gibt es nicht, gesagt wird ihr nur: »Es reicht jetzt.«Ihr Anwalt schreibt einen Beschwerdebrief. Nichts passiert. Von da an fährt sie illegal zur Behandlung nach Berlin.
Eine Folge der Folterungen sind Gehörschäden. Die behandelt ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt am Ort die ersten zwei Jahre lang mit Tabletten, ohne recht zu wissen, was sie hat. Einen Dolmetscher gibt es nicht. Schließlich sagt er, dass sie einen Spezialisten brauche, und schreibt einen Brief ans Sozialamt mit der Behandlungsempfehlung. Lange kommt keine Antwort. Dann geht sie persönlich mit einem neuen Schreiben zum Amt. Sie erfährt vom zuständigen Sachbearbeiter, ihre Beeinträchtigungen seien nicht schwerwiegend und die Kosten für einen Spezialisten würden nicht übernommen. Sie ist empört über diese Anmaßung, aber seitdem werden ihre Gehörschäden nicht weiter behandelt.
»Das alles passt nicht zum Bild, das dieses Land von sich vermittelt: Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat. Alles leere Blasen. Für Flüchtlinge gibt es keine Demokratie«, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. »Mir kommt das alles vor wie ein Spiel, und ich bin der Ball, der mal hierhin, mal dorthin gekickt wird.« Ihr Anwalt sagt ihr bei jedem Termin, ihr Verfahren stehe gut. Aber dass die Gerichte sich so lange Zeit lassen, kann sie nicht nachvollziehen. »Die lange Unsicherheit macht die Menschen kaputt. Und es wird dir ständig vermittelt: Du kannst nichts, du bist nichts. Oft habe ich den Eindruck, die Leute betrachten uns als wilde Geschöpfe, die erst zivilisiert werden müssen. Aber es geht nicht so sehr darum, wie ich unter der Situation leide«, erklärt Frau M., »es geht viel mehr um Rechte und Pflichten und es gibt internationale Pflichten gegenüber Flüchtlingen. Das ist eine Frage der Menschenrechte.«
(mabe)


