»Ich habe immer noch den Wunsch, dass der Fall aufgeklärt wird«
Herr N. ist seit einem rechtsradikalen Angriff im Jahr 2002 traumatisiert.
»Manchmal begegne ich jemandem auf der Straße und ich stelle mir vor, dass er mich verprügelt. In dem Moment habe ich einfach Angst«, berichtet Herr N. Ein Jahr, nachdem er aus Vietnam nach Deutschland gekommen war, im Mai 2002, wird er im brandenburgischen Biesenthal über eine Stunde lang von Rechten malträtiert, geschlagen, bespuckt und getreten. Bis heute hat Herr N. mit den körperlichen und seelischen Folgen zu kämpfen: Er muss Tabletten wegen urologischen Problemen und starken Kopfschmerzen nehmen.
Das Verfahren gegen seine Angreifer wurde eingestellt. Trotz ZeugInnen können die Täter angeblich nicht ermittelt werden. Außer in der Tatnacht spricht die Polizei nicht noch einmal mit Herrn N. »Ich habe immer noch den Wunsch, dass der Fall aufgeklärt wird«, sagt er. »Wenn die Täter ermittelt werden, habe ich einerseits Angst, aber ich habe auch ein wenig Rachegefühle.«
Unmittelbar nach dem Überfall wurde Herr N. im Krankenhaus ambulant versorgt. Danach behandelt ihn ein Hausarzt, der anfangs auch in das Asylbewerberheim kommt, in dem Herr N. lebt. Deutsch spricht Herr N. nicht. Eine Dolmetscherin ist aber bei keiner der Behandlungen anwesend. Seitens der Behörden wird niemand wegen des Überfalls aktiv, um ihn zu unterstützen. Die MitarbeiterInnen im Heim erkundigen sich nach seinem Zustand, weitergehende Hilfe organisieren sie nicht.
In den Wochen und Monaten nach dem Überfall hält Herr N. seine Tür im Wohnheim geschlossen. Nur wenn er einen Termin hat oder Einkäufe erledigen muss, verlässt er das Heim – aber nie ohne Begleitung. »Ich habe große Angst gehabt und hatte den ganzen Tag nichts zu tun«, erinnert sich Herr N. Zum Reden ist niemand da, denn die einzigen möglichen AnsprechpartnerInnen, seine Landsleute, verbringen die meiste Zeit außerhalb des Heims.
Nach vier Monaten gelingt es dem Verein Opferperspektive, mit Herrn N. in Kontakt zu treten. Dessen MitarbeiterInnen sind über einen Zeitungsbericht auf Herrn N.s Fall aufmerksam geworden. Die Bernauer Kontakt- und Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt findet den Wohnort von Herrn N. heraus. Die Heimleitung behindert zuerst die Kontaktaufnahme: Ein ins Vietnamesische übersetzter Brief wird mehrere Male als unzustellbar zurückgeschickt, telefonische Nachfragen werden abgewimmelt.
Die Opferperspektive vermittelt Herrn N. an eine Psychologin, die eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Mit dem psychologischen Gutachten erwirken die BeraterInnen beim Sozialamt eine Kostenübernahme für eine Psychotherapie und für Besuche bei verschiedenen FachärztInnen. Sie stellen neben schweren Angst- und Panikattacken erhebliche Somatisierungsstörungen fest – also körperliche Schmerzen, ohne eine unmittelbare organische Ursache. »Ich wurde in Berlin-Kreuzberg therapiert; zum Beispiel hat man mir beigebracht, wie ich mich seelisch verhalten muss, wenn ich spät abends alleine nach Hause komme«, beschreibt Herr N. die Behandlung.
Einen längeren Zeitraum musste die Therapie unterbrochen werden, weil die Krankenkasse die Kosten nicht übernehmen wollte. Dies ändert sich erst 2007, nachdem die Brandenburgische Härtefallkommission aufgrund der Schwere der rassistischen Gewalttat Herrn N. aus humanitären Gründen das Aufenthaltsrecht gewährt. Damit wechselt Herr N. in die gesetzliche Krankenkasse. Die AOK weigert sich zunächst ebenfalls, die Therapiekosten zu tragen. Denn die Therapeutin von Herr N. hat keine Kassenzulassung. Erst nach langem Hin und Her kann die Therapie fortgesetzt werden, die mittlerweile nach vier Jahren abgeschlossen ist.
Herr N. arbeitet, seit er einen sicheren Aufenthaltsstatus hat, als Küchenhilfe. Die Arbeit tue ihm gut, meint er. Er wohnt alleine in einer Wohnung in einer Brandenburger Kleinstadt. Mit seiner Familie in Nordvietnam steht er per Telefon in Kontakt. Ihr hatte er auch von dem Überfall erzählt und seinen anschließenden Leiden. Aber mehr, als ihn durch den Hörer aufzumuntern, konnten sie auch nicht tun, sagt Herr N. über die Telefonate mit seiner Familie.
»Für mich ist das Thema nicht abgeschlossen«, stellt er fest. »Die Angstzustände sind immer noch da: Ich habe immer noch Angst vor grellen Farben, vor Lärm und vor Menschen mit einem bösen Gesichtsausdruck.«
(mabe)


