Statistik rechter Gewalttaten in Ostdeutschland

Seit 2003 fassen acht Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt die erhobenen Daten über rechte Gewalttaten in Ostdeutschland in einer gemeinsamen Statistik zusammen.

Bei den registrierten Angriffen handelt es sich um Angriffe, von denen die acht Opferberatungsstellen durch verschiedene Quellen Kenntnis erlangten. Die Fälle werden nach einheitlichen Kriterien, die von einem Qualitätszirkel standardisiert wurden, erfasst. Seit 2005 wird dazu eine zentrale Datenbank verwendet.

Hohe Dunkelziffer

Die dokumentierten Fälle lassen indes keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Zahl rechtsmotivierter Gewalttaten zu. Es muss aus verschiedenen Gründen von einer großen Dunkelziffer ausgegangen werden. Den Erfahrungen der Opferberatungsstellen entsprechend vermeiden es viele Gewaltopfer, einen Angriff anzuzeigen oder sich an eine Beratungseinrichtung zu wenden. Diese Zurückhaltung dürfte – insbesondere was das Anzeigenverhalten betrifft – mit der gesellschaftlichen Stellung der Betroffenen verbunden sein, die zu einem großen Teil Gruppen angehören, die von Diskriminierung betroffen sind.

Die erfolgreiche Recherche von rechten Angriffen hängt von der Qualität des Netzwerkes von Kooperationspartnern ab, die den Opferberatungsprojekten Informationen zur Verfügung stellen und ihnen zuarbeiten. In vielen Regionen sind solche Netzwerke noch nicht ausreichend entwickelt. Die Beratungsstellen müssen dort von einer höheren Dunkelziffer unbekannt bleibender Angriffe ausgehen, während in Regionen, in denen ein ausgebildetes Netzwerk aufgebaut werden konnte, mehr Angriffe erfasst werden können.

Die Beratungsstellen arbeiten zudem in sehr unterschiedlichen sozialen Räumen. So wirken die Projekte in Leipzig, Dessau und Berlin in städtischen Milieus, während die Projekte in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Brandenburg sich in einer überwiegend ländlich geprägten Umgebung bewegen. Hieraus ergeben sich Unterschiede im politischen und soziokulturellen Umfeld sowie hinsichtlich möglicher Ansprechpartner in der Zivilgesellschaft. Diese Unterschiede haben auch Einfluss auf den Bekanntheitsgrad einer Beratungsstelle innerhalb einer potenziellen Opfergruppe und damit auf die Frage, ob sich Betroffene selbst an die Beratungsstellen wenden oder nicht.

Die statistische Auswertung der Recherchetätigkeit der Opferberatungsstellen kann daher keine vollständige Dokumentation rechter Gewalttaten liefern sondern lediglich Annäherungswerte.

Recherchierte Straf- und Gewalttaten

Für das Jahr 2009 haben die sieben Beratungsstellen für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in den östlichen Bundesländern und Berlin insgesamt 739 rechts-motivierte Gewaltdelikte mit 1.669 Betroffenen registriert. Das sind weniger als in den drei vorangegangenen Jahren, liegt aber deutlich über den Werten für die Jahre 2003 bis 2005.

Wie in den Vorjahren ereigneten sich im Jahr 2009 die meisten Angriffe in Sachsen (263). Es folgen Sachsen-Anhalt (111), Berlin (102), Brandenburg (101) sowie Thüringen (83) und Mecklenburg-Vorpommern (79). Insgesamt ist bei rechter Gewalt von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Von den 739 Gewalttaten waren mindestens 1.669 Personen betroffen. Bei 655 Fällen handelte es sich um Körperverletzungsdelikte. In 436 Fällen richtete sich die Gewalt gegen junge Menschen aus linken und alternativen Milieus. 222 Mal war Rassismus die Tatmotivation.

Land 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
Berlin 73 73 115 176 138 164 102
Brandenburg 116 136 140 140 159 110 101
Mecklenburg-Vorpommern 64 58 62 103 78 103 79
Sachsen 141 146 168 248 342 354 263
Sachsen-Anhalt 78 109 171 202 184 180 111
Thüringen 91 48 38 48 67 86 83
Gesamt 563 570 694 917 968 997 739

Stand: 9. März 2010

Tatmotivation 2008 2009
Rassismus 296 222
Antisemitismus 17 26
Homophobie 15 14
Behindertenfeindlichkeit 7 6
Gegen sozial Benachteiligte 4 3
Gegen politische Gegner 180 150
Gegen Nicht-Rechte (meist Jugendliche) 436 286
Sonstige 19 17
Unklar 23 15
Gesamt 997 739

Stand: 9. März 2010

Statistikberichte

Einmal im Jahr gibt die bei der Opferperspektive angesiedelte Koordination der Beratungsstellen eine Pressemitteilung heraus, in der die statistische Entwicklung rechter Gewalt in Ostdeutschland und die Beratung der Opfer dargestellt und analysiert wird. Auf Grund von hier berücksichtigten Nachmeldungen aus vorangegangenen Jahren weichen die dort veröffentlichten Zahlen etwas ab. Die Koordinationsstelle besteht nicht mehr, da die Fördermittel hierfür gestrichen wurden.

2009: Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt in den ostdeutschen Bundesländern veröffentlichen Jahresstatistik 2009

2007: Hohe Zahl rechter Gewalttaten in Ostdeutschland

2006: Zunahme rechtsmotivierter Gewalttaten in Ostdeutschland

2004: Beratungsstellen veröffentlichen Jahresstatistik 2004

2003: Zahl rechtsextremer Gewalttaten bleibt in Ostdeutschland auf hohem Niveau

(OPP)

 

links:

Lobbi Mecklenburg-Vorpommern  [Beratung für Opfer rechter Gewalt] Mobile Opferberatung Sachsen-Anhalt  [Beratung für Opfer rechter Gewalt] Multikulturelles Zentrum Dessau  [Opferberatungsstelle] Opferberatung der RAA Sachsen  [Beratung für Opfer rechter Gewalt] Reach Out Berlin  [Beratung für Opfer rechter Gewalt] Thüringer Hilfsdienst für Opfer rechter Gewalt  [Beratung für Opfer rechter Gewalt]

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