Vor Ort: Eberswalde


Aus unserem Rundbrief Schattenberichte Juli 2019

Am 3. August 2018 wird eine Studentin der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE), die gemeinsam mit Kommilitoninnen auf dem Fahrrad unterwegs ist, plötzlich auf der Straße von einem Auto blockiert. Sie versucht, den PKW links zu umfahren, doch der Fahrer steigt aus dem Auto aus, rennt auf sie zu und stößt sie kräftig in die Gegenfahrbahn, auf der sich ein PKW nähert. Die Studentin gerät ins Schlingern, kommt immerhin nicht zu Fall. Das entgegenkommende Auto muss auf den Gehweg ausweichen, um einen Zusammenstoß zu verhindern, fährt aber dennoch ohne anzuhalten weiter.

Die schockierte Studentin fragt den Fahrer, was das solle und wird von ihm massiv rassistisch beschimpft. Sie solle sterben oder zurück in ihr Land gehen. Auch als die voraus gefahrenen Begleiterinnen der Studentin zurückkommen, um sich zu erkundigen was passiert sei, setzt der Mann seine rassistischen Hasstiraden fort. Die Betroffene erklärt, dass ein Nazi gerade versucht habe, sie umzubringen, und wird von ihren Kommilitoninnen vom Auto weggezogen. Die Frauen haben Angst, dass der Mann sie überrollt. Er droht der Betroffenen, dass er sich ihr Gesicht gemerkt habe und fährt davon. Nicht nur der Angriff allein war entsetzlich, auch die (zunächst)  ausbleibenden Reaktionen erschüttern die Betroffene. Viele Bekannte aus der Uni wollen nicht hören, was passiert ist und wiegeln ab. Die Polizei verweigert die Aufnahme einer Anzeige, da diese zu nichts führen würde.

Erst Wochen später löst ein offener Brief an die Universitätsleitung hochschulinterne Reaktionen und polizeiliche Ermittlungen aus. Bereits seit 2017 registriert die Opferperspektive vermehrt rassistische Angriffe in Eberswalde. Student*innen der HNEE und Geflüchtete berichten von feindseligen Blicken oder rassistischen Kommentaren gegen sie. Den Angriff aus 2018 nicht als singuläres Ereignis zu skandalisieren, sondern diesem alltäglichen, immer wieder auch gewaltförmigen Rassismus etwas entgegen zu setzen, haben sich Eberswalder Aktivist*innen zum Ziel gesetzt. Offensive Solidarisierung mit den Betroffenen rassistischer Gewalt und Diskriminierung; eine Kultur des Hinguckens und Zuhörens, wenn es um Alltagsrassismus geht und eine vertiefte Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus stehen für sie einmal mehr auf der Tagesordnung – in der Hochschule mit ihrem internationalen Profil genauso wie in der Stadtgesellschaft. Erste Gespräche hierzu sind gelaufen.

Die gesamte Ausgabe ist als PDF hier zu finden:

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