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	<title>Jahrbuch 2002 - Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</title>
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		<title>Wie helfen BeraterInnen den Opfern rechter Gewalt?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Dietmar]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Jun 2003 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch 2002]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Fragen an die Opferberaterin Judith Porath</p>
<p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/wie-helfen-beraterinnen-den-opfern-rechter-gewalt">Wie helfen BeraterInnen den Opfern rechter Gewalt?</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wie können Opfer von rechten Gewalttaten zu Ihnen in die Beratung kommen?</strong></p>
<p>Sie können uns anrufen und einen Termin vereinbaren. In der Regel aber nehmen wir Kontakt zu den Opfern auf, weil die Menschen, die hauptsächlich betroffen sind, auf Grund ihrer sozialen Stellung nur sehr eingeschränkt Zugang zu Beratungseinrichtungen haben. In den meisten Fällen erfahren wir durch die Medien von einem Angriff. Wir werten täglich regionale und überregionale Medien aus. Wir haben außerdem ein Netz von Kooperationspartnern, die uns mit Informationen versorgen. Wir recherchieren den Namen und die Adresse des Opfers, um ein Beratungsangebot zu unterbreiten. In der Regel schreiben wir dazu einen Brief und legen Informationsmaterial bei. Erst auf Einladung suchen wir dann die Betroffenen auf.</p>
<p><strong>Wer sind denn normalerweise Ihre Klientinnen und Klienten?</strong></p>
<p>Alle, die nicht in das Weltbild der Rechtsextremisten passen. Nahezu die Hälfte der Betroffenen sind Migranten, oft Flüchtlinge, die in Heimen untergebracht sind. Die andere große Gruppe sind nicht-rechte Jugendliche, Alternative oder Hip-Hopper. Russlanddeutsche Aussiedler und Obdachlose sind ebenfalls stark von rechter Gewalt betroffen, allerdings ist es schwer, an diese Gruppen heranzukommen.</p>
<p><strong>Wie kann man sich ein Beratungsgespräch vorstellen?</strong></p>
<p>Wir machen eine aufsuchende Beratung, weil wir uns so ein besseres Bild von der Lage vor Ort machen können. Die Erstgespräche führen wir immer in Zweierteams, da eine Beraterin oder ein Berater mit der vorgefundenen Situation unter Umständen überfordert sein kann. Die Situationen, auf die wir treffen, sind sehr vielfältig, das lässt sich schwer in allgemeiner Form beschreiben. Zuerst geht es darum, herauszufinden und festzuhalten, was passiert ist. Wir lassen uns den Angriff beschreiben, die Zeit davor und danach. Dabei versuchen wir uns ein Bild davon zu machen, was für eine Bedeutung der Angriff für das Opfer hat. In einigen Fällen müssen wir die Opfer zu einer ärztlichen Notversorgung begleiten. Sehr wichtig ist es, mögliche psychische Verletzungen abzuklären. Für viele Opfer war der Angriff ein traumatisches Erlebnis, das sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln kann. Das ist ein Zustand, in dem ein Opfer über längere Zeit sein inneres Gleichgewicht nicht mehr wiedererlangt. In solchen Fällen sorgen wir für eine Vermittlung an Einrichtungen, in denen sich psychologisch geschultes Fachpersonal um die Betroffenen kümmert.</p>
<p><strong>Wie lange betreuen Sie Ihre Klientinnen und Klienten?</strong></p>
<p>Nur in wenigen Fällen genügt ein Beratungsgespräch. Die Regel ist, dass wir den Kontakt über längere Zeit halten. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass zwischen einem Angriff und einer möglichen Gerichtsverhandlung ein Zeitraum von über einem Jahr liegen kann. Normalerweise geben wir zunächst einen Einblick in den Ablauf polizeilicher Ermittlungen und eines möglichen Strafverfahrens. Wir erläutern die Möglichkeit einer Nebenklage und helfen, wenn es gewünscht wird, eine Anwältin oder einen Anwalt zu finden.</p>
<p><strong>Begleiten Sie Ihre Klientinnen und Klienten zu den Gerichtsverfahren?</strong></p>
<p>Im Normalfall bereiten wir, in Absprache mit der Nebenklagevertretung, einen anstehenden Gerichtsprozess mit den Betroffenen detailliert vor. Wir erläutern den Ablauf des Verfahrens, verdeutlichen, wo im Gerichtssaal die einzelnen Prozessbeteiligten sitzen und wie sich die Angeklagten vermutlich verteidigen werden. Dies ist deshalb wichtig, weil – je nach Verarbeitung eines Angriffs durch das Opfer – die Konfrontation mit den Tätern im Gerichtssaal einen erneuten traumatischen Schock erzeugen kann. Dazu kommt, dass ein unvorbereitetes Opfer, je nach Verteidigungsstrategie der Täterseite, in einem Prozess leicht in die Rolle des Täters gedrängt werden kann. Das ist gerade für Opfer, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, ein hoch sensibles Feld.</p>
<p><strong>Bieten Sie Opfern rechter Gewalt auch finanzielle Hilfe?</strong></p>
<p>Wir kümmern uns darum, dass medizinische Versorgung, Therapien, Fahrtkosten und Anwaltshonorare von Behörden und Fonds übernommen werden. Wenn das nicht möglich ist, versuchen wir durch Spendenaufrufe, die Kosten für die Opfer hereinzubekommen. Was finanzielle Entschädigungen betrifft, so helfen wir dabei, entsprechende Anträge, beispielsweise bei einem Sonderfonds der Bundesanwaltschaft, zu formulieren. Auch bei Anträgen nach dem Opferentschädigungsgesetz, die ohne Hilfe kaum richtig ausgefüllt werden können, stehen wir den Klientinnen und Klienten zur Seite.</p>
<p><strong>Sie bieten auch Angehörigen und dem sozialen Umfeld von Opfern sowie lokalen Initiativen Ihre Beratung an. Was ist dabei Ihre Intention?</strong></p>
<p>Für die Bewältigung eines Angriffs ist von großer Bedeutung, ob sich ein Opfer ernst genommen fühlt oder ob ihm gar eine Mitschuld an dem Angriff zugeschrieben wird. Von daher ist es sehr wichtig, wie der Freundeskreis und die Nachbarn, aber auch kommunalpolitisch Verantwortliche reagieren. Wichtig kann auch sein, wie sich die Polizei verhält und wie der Angriff in den Medien dargestellt wird. Wenn ein Opfer Unterstützung erfährt, kann dies den Heilungsprozess enorm fördern. Deshalb arbeiten wir auch im Bereich der Intervention. Das kann bedeuten, dass wir nach einzelnen Personen oder kommunalen Strukturen suchen, die auf die Situation des Opfers ansprechbar sind.</p>
<p><strong>Was tun Sie, wenn sich jemand nach einem Angriff weiter bedroht fühlt?</strong></p>
<p>Wenn jemand in seinem Wohnort nach einem Angriff weiter bedroht wird oder wenn jemand sein inneres Gleichgewicht nicht an dem Ort des Angriffes wiedererlangen kann, können wir einen Umzug unterstützen. Das gestaltet sich insbesondere bei Flüchtlingen, die der so genannten Residenzpflicht unterliegen und damit gesetzlich an einen Landkreis gebunden sind, oft als äußerst schwierig. Hier suchen wir die Unterstützung der zuständigen Ausländerbehörden und kommunalpolitischer Strukturen.</p>
<p><strong>Wie wirkt Ihre Arbeit auf die Täter?</strong></p>
<p>Sich solidarisch mit einem Opfer rechtsextremer Gewalt zu zeigen, bedeutet den Angriff ohne Wenn und Aber zu verurteilen. Damit setzt man ein eindeutiges und parteiliches Zeichen gegen die Täter, das auch präventive Wirkung hat. Die Täter glauben, dass sie im Einverständnis mit der Mehrheit der Gesellschaft handeln. Diese Unterstützung muss man ihnen entziehen. Das Mittel ist das parteiliche und solidarische Eintreten für die Opfer.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/wie-helfen-beraterinnen-den-opfern-rechter-gewalt">Wie helfen BeraterInnen den Opfern rechter Gewalt?</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Der Tod von Kajrat Batesov</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Dietmar]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Jun 2003 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pressemitteilungen­­­ &­­ Stellungnahmen]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch 2002]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Schock hätte nicht größer sein können. Am Samstag, dem 4. Mai 2002, klingelte das Mobiltelefon der Opferperspektive. Kajrat Batesov, ein 24-jähriger Russlanddeutscher, und sein Freund Max K. waren am frühen Morgen nach einem Partybesuch in Wittstock angegriffen und brutal zusammengeschlagen worden.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<?xml encoding="UTF-8"><p>Max K. berichtete sp&auml;ter, dass die beiden bemerkt hatten, dass sie auf der Techno- Veranstaltung als Russlanddeutsche &raquo;erkannt&laquo; wurden und offenbar &raquo;nicht erw&uuml;nscht&laquo; waren. Mindestens f&uuml;nf Personen hatten die beiden Freunde mit Tritten und Schl&auml;gen traktiert. Einer der T&auml;ter hatte schlie&szlig;lich einen schweren Feldstein auf Kajrat Batesov geschleudert. Zum Zeitpunkt des Anrufs lag der 24-J&auml;hrige auf der Intensivstation des Krankenhauses. Er verstarb auf Grund schwerer innerer Verletzungen am 23. Mai 2002.</p><p>&raquo;Ein rechtsextremer Hintergrund ist nicht auszuschlie&szlig;en&laquo;, lie&szlig; die Staatsanwaltschaft zun&auml;chst verlauten. Die f&uuml;nf jungen M&auml;nner, die im Verlauf der kommenden Wochen verhaftet wurden, galten jedoch nicht als Angeh&ouml;rige der rechten Szene. Zwei MitarbeiterInnen der Opferperspektive hatten Kajrat Batesov einige Wochen zuvor kennen gelernt. Bei einem Besuch der Familie Batesov in Freyenstein nordwestlich von Wittstock hatten Kajrat und sein Bruder berichtet, wie schwierig sich das Leben f&uuml;r die NeuansiedlerInnen gestaltete. In der 200-Seelen-Gemeinde hatte die Familie keine Kontakte. Die Stimmung sei feindselig, und man vermeide es deshalb, das Haus &raquo;unn&ouml;tig&laquo; zu verlassen. Einige Male seien Kajrat und sein Bruder zum Marktplatz gegangen, aber seitdem Jugendliche ihnen Bierflaschen hinterhergeworfen hatten, mieden sie auch diesen Ort. &raquo;Wie in einem Gef&auml;ngnis ohne Gitter&laquo; &ndash; so beschrieb Kajrats Mutter Raissa Batesova die Lage der Familie.</p><h2>Rechte Alltagskultur</h2><p>Familien, die aus Russland in die Umgebung von Wittstock gekommen waren, berichteten von &auml;hnlichen Erfahrungen. Die MitarbeiterInnen gewannen den Eindruck, dass die AussiedlerInnen in der Region unter einem enormen Druck standen. Das quantitative wie qualitative Ausma&szlig; der Feindseligkeiten gegen AussiedlerInnen schien in Wittstock im Vergleich zu anderen Brandenburger Kommunen au&szlig;erordentlich hoch zu sein. Die Mehrzahl der Betroffenen zeigte sich aus Angst vor m&ouml;glichen Folgen nur bereit, in anonymer Form &uuml;ber Angriffe und Beleidigungen zu berichten. Insgesamt dominierte bei den Betroffenen eine passive und abwartende Haltung. Nur wenige sahen einen Sinn darin, die Angriffe bei der Polizei anzuzeigen. Dies erkl&auml;rt sich unter anderem damit, dass der &uuml;berwiegende Teil der AussiedlerInnen mit der Perspektive lebt, den Landkreis gen Westen zu verlassen, sobald es die gesetzlichen Bestimmungen erlauben.</p><p>Kurze Haare, Glatzen, Springerstiefel, Bomberjacken &ndash; die rechtsextreme Symbolik ist auf den Stra&szlig;en Wittstocks allt&auml;glich, die Dominanz rechter Jugendkultur mit H&auml;nden zu greifen. Eine alternative, linke Subkultur hingegen ist in der Stadt nicht erkennbar. Schon seit mehreren Jahren gilt Wittstock als eines der Zentren der rechten Szene im n&ouml;rdlichen Brandenburg. Unter ihrem Kreisverbandsvorsitzenden Mario Schulz verfolgt die NPD hier erfolgreich die Strategie, lose rechte Cliquen an die Partei zu binden.</p><p>Die Polizei reagierte auf den Anstieg &raquo;extremistischer Straftaten&laquo; mit der Einrichtung der Sonderkommission &raquo;T&auml;terorientierte Ma&szlig;nahmen gegen extremistische Gewalt&laquo; (TOMEG) im Fr&uuml;hjahr 2002. Die TOMEG Nord befasst sich mit RechtsextremistInnen in Wittstock, Pritzwalk sowie im s&uuml;dlichen Mecklenburg. Nach eigenen Angaben umfasst ihr Klientel 115 &raquo;gewaltt&auml;tige und dabei oft rechtsextreme&laquo; M&auml;nner, darunter 60 Witttstocker. Zum ideologisch harten Kern werden in Wittstock 15 Personen gez&auml;hlt (M&auml;rkische Allgemeine Zeitung, 20.3.2002).</p><p>Auch die Stadt Wittstock zeigt Initiative. Nachdem im Herbst 2001 eine Versammlung von etwa 60 RechtsextremistInnen in einem Jugendclub der Stadt durch einen Polizeieinsatz aufgel&ouml;st werden musste, wurde das &raquo;B&uuml;ndnis f&uuml;r ein tolerantes Wittstock &ndash; couragiert gegen Rechts&laquo; gegr&uuml;ndet. Getragen wird das B&uuml;ndnis vor allem von MitarbeiterInnen der st&auml;dtischen Verwaltung und einigen wenigen engagierten B&uuml;rgerInnen. Wie in vielen anderen Kommunen zeigen sich hier die strukturell eingeschr&auml;nkten Wirkungsm&ouml;glichkeiten eines B&uuml;ndnisses gegen Rechts, wenn an der kommunalen Basis keine alternative Gegenkultur vorhanden ist.</p><h2>Russlanddeutsche: keine &raquo;idealen Opfer&laquo;</h2><p>Im Fr&uuml;hjahr 2002 entschloss sich das Team der Opferperspektive, die Kontakte zu Kooperationspartnern und kommunalen Funktionstr&auml;gern zu nutzen, um als Interessenvertretung der AussiedlerInnen &uuml;ber deren Situation zu informieren und damit zu einer Sensibilisierung beizutragen. Die Beschr&auml;nkung dieser Strategie war von Anbeginn offensichtlich, schien aber auf Grund der vorgefundenen Situation unumg&auml;nglich: Die OpferberaterInnen wussten um mehrere Angriffe, die Betroffenenaber lehnten es ab, die &Ouml;ffentlichkeit mit ihrer Situation zu konfrontieren. Die Strategie der Opferperspektive wurde mit den KollegInnen des Mobilen Beratungsteams abgestimmt, die innerhalb des B&uuml;ndnisses eine moderierende Funktion innehatten. Parallel dazu setzten die OpferberaterInnen die Besuche bei betroffenen Familien fort, um weiteres, zumeist anonymes Material &uuml;ber die Diskriminierung der AussiedlerInnen zusammenzutragen.</p><p>Sehr schnell wurde deutlich, dass sowohl MitarbeiterInnen der st&auml;dtischen Verwaltung als auch Mitglieder des B&uuml;ndnisses gegen Rechts sich au&szlig;erordentlich schwer taten, Russlanddeutsche als Betroffene von rassistischer Gewalt wahrzunehmen. Antworten wie &raquo;Die sind ja auch selbst schuld, wenn sie angegriffen werden&laquo; waren eher die Regel als die Ausnahme. Diese Erfahrung kann in einen gr&ouml;&szlig;eren gesellschaftlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Der Gruppe der Russlanddeutschen wird h&auml;ufig ein tendenziell zu selbstst&auml;ndiges, mitunter abweisendes Verhalten gegen&uuml;ber der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben; eine Wahrnehmung, die quer zur sozialen Konstruktion des &raquo;idealen Opfers&laquo; steht. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben darauf hingewiesen, dass die Zubilligung eines Opferstatus eng an bestimmte Verhaltensregeln gekn&uuml;pft ist: Dem &raquo;idealen Opfer&laquo; sollte von einem unbekannten, k&ouml;rperlich &uuml;berlegenen T&auml;ter eine Gewalttat angetan worden sein, das Opfer sollte sich auf keinen Fall provokativ verhalten haben, sich nicht an einem unsicheren Ort aufgehalten haben und sich jederzeit kooperativ gegen&uuml;ber Polizei und den Ermittlungsbeh&ouml;rden verhalten (vgl. hierzu Nils Christie, <em>The Ideal Victim</em>, New York 1986). Diese Verhaltensma&szlig;st&auml;be stehen in deutlichem Widerspruch zur Wahrnehmung der Gruppe der AussiedlerInnen, nicht nur in Wittstock.</p><p>Der Tod von Kajrat Batesov markierte einen gewaltsamen Einschnitt. Ab Ende Mai 2002 erschien eine Reihe von Artikeln und Fernsehbeitr&auml;gen, die anl&auml;sslich des aktuellen Falles die Situation von AussiedlerInnen in Wittstock thematisierte. Innerhalb der Kommune konnten sich mit dem R&uuml;ckenwind der Medienberichterstattung zunehmend jene durchsetzen, die den Ernst der Lage erkannt hatten. Aber auf Grund der jahrelangen Vernachl&auml;ssigung integrativer Ma&szlig;nahmen bestand kaum Kontakt zu AussiedlerInnen. Die Opferperspektive als einzige Organisation mit einer solidarischen Beziehung zu AussiedlerInnen wurde in dieser Lage zu einer wichtigen Br&uuml;cke zwischen der Kommune und der russlanddeutschen Gemeinde.</p><p>Um diese Situation im Sinne der Betroffenen zu nutzen und deutlich zu machen, dass der Tod von Kajrat Batesov als die Spitze des Eisberges zu begreifen ist, beteiligte sich die Opferperspektive an einer Vielzahl von Gespr&auml;chsrunden. Mehrfach dr&auml;ngten die OpferberaterInnen die kommunalen Verantwortlichen, endlich auf die AussiedlerInnen zuzugehen. Die Opferperspektive f&uuml;hrte auch verschiedene Einzelgespr&auml;che mit Polizei, JugendsozialarbeiterInnen und KirchenvertreterInnen, in denen immer wieder das Ausma&szlig; der Angriffe und Diskriminierungen gegen AussiedlerInnen thematisiert wurde.</p><p>Inzwischen ist die Stadt auf die russlanddeutsche Gemeinde zugegangen. Eine Vielzahl von Ma&szlig;nahmen zur Integration sind angelaufen. Dass der Ausgangspunkt dieser erfreulichen Entwicklungen in dem unn&ouml;tigen und nicht wiedergutzumachenden Tod von Kajrat Batesov liegt, verleiht ihnen allerdings einen bitteren Beigeschmack.</p><p>
<div id="attachment_30221" style="width: 260px" class="wp-caption alignleft"><a href="/wp-content/uploads/2012/05/Gedenken_Kajrat_250x300.jpeg" aria-label="Gedenken Kajrat 250x300"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-30221" class="wp-image-30221 size-full" src="/wp-content/uploads/2012/05/Gedenken_Kajrat_250x300.jpeg" alt="Gedenken an Kajrat Batesov, 2002 von Rechten in Wittstock erschlagen (Foto: Opferperspektive)" width="250" height="167"></a><p id="caption-attachment-30221" class="wp-caption-text">Gedenken an Kajrat Batesov, 2002 von Rechten in Wittstock erschlagen (Foto: Opferperspektive)</p></div>
</p><h2>Die T&auml;ter: durchschnittlich intelligent, sozial angepasst, fremdenfeindlich</h2><p>Der Prozess gegen f&uuml;nf T&auml;ter begann im Januar 2003 und endete nach 14 Prozesstagen im M&auml;rz. Der 23-j&auml;hrige fr&uuml;here Dachdeckerlehrling Patrick Sch. wurde als Hauptt&auml;ter zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die zust&auml;ndige Jugendkammer des Landgerichts Neuruppin zeigte sich &uuml;berzeugt, dass er es war, der den 17 Kilogramm schweren Feldstein auf den am Boden liegenden Kajrat Batesov geschleudert hatte. Vor diesem Steinwurf, der nach Aussagen eines unbeteiligten Zeugen mit gro&szlig;er Wucht ausgef&uuml;hrt wurde, hatten drei der T&auml;ter Kajrat Batesov und seinen Freund Max K. bereits durch Schl&auml;ge und Tritte schwer verletzt. Sie erhielten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und sieben Jahren. Der f&uuml;nfte T&auml;ter kam mit einem Jahr auf Bew&auml;hrung davon. Er hatte versucht, eines der Opfer zu schlagen und sp&auml;ter die Mitt&auml;ter nicht zur&uuml;ckgehalten.</p><p>Die jungen M&auml;nner, die sich selbst als &raquo;Techno-Clique&laquo; beschrieben, waren bem&uuml;ht, sich von der organisierten rechten Szene Wittstocks abzugrenzen. Zwar kenne man sich &ndash; so der Angeklagte Mike Sch. am ersten Prozesstag &ndash;, jedoch h&ouml;re man andere Musik. Allerdings wird gerade ihm, der im Jahr 2001 schon einmal aneinem &Uuml;bergriff gegen AussiedlerInnen beteiligt gewesen sein soll und auf dessen Handy die Polizei damals ein Hakenkreuz-Symbol fand, eine gro&szlig;e N&auml;he zur rechten Szene nachgesagt. Nicht so den anderen Angeklagten. Nichts an ihnen schien das Klischee tumber Glatzk&ouml;pfe zu bedienen. Das Gericht attestierte ihnen vielmehr eine &raquo;durchschnittliche Intelligenz, soziale Angepasstheit und ein geordnetes famili&auml;res Umfeld&laquo;.</p><p>Allerdings gestand Marco F., dass er &raquo;Bleib endlich liegen, Schei&szlig;-Russe!&laquo; rief, w&auml;hrend er mindestens zehn Mal hart zutrat. Und der Angeklagte Ralf A. soll, w&auml;hrend er auf Kajrat Batesov sa&szlig; und ihn mit beiden F&auml;usten traktierte, ausgerufen haben: &raquo;Ihr seid die, die unser Land &hellip;&laquo; Das Gericht zeigte sich am Ende davon &uuml;berzeugt, dass &raquo;die Tat auch darauf beruhte, dass es sich bei den Gesch&auml;digten um Fremde handelte&laquo;, den T&auml;tern bescheinigte die Richterin eine &raquo;diffuse Fremdenfeindlichkeit&laquo;.</p><p>Raissa Batesova, die Mutter des Toten, und das &uuml;berlebende Opfer Max K. traten mit Hilfe der Opferperspektive als Nebenkl&auml;gerInnen im Prozess auf. Am letzten Tag des Verfahrens richtete Frau Batesova das Wort an die Angeklagten: &raquo;Das Leben eines Menschen, der nicht ihre Sprache spricht, ist ihnen nichts wert.&laquo; Nach zwei Monaten, in denen sie dem Prozess beigewohnt habe, sei ihr deutlich geworden, dass die Angeklagten weder Reue noch Schuld f&uuml;hlten. Frau Batesova hatte zudem den Eindruck gewonnen, dass sich &raquo;eine ganze Stadt mit diesen jungen Menschen solidarisch erkl&auml;rt.&laquo; Sie k&ouml;nne nicht glauben, dass &raquo;so viele Menschen<br>
dabei waren und sagen, sie h&auml;tten nichts gesehen.&laquo; Damit hatte die Mutter des Toten die mehr als 40 ZeugInnen aus der Techno-Szene Wittstocks im Blick. Obwohl Dutzende der Tat zugesehen haben m&uuml;ssen, fand sich niemand, der den Steinwurf bezeugen wollte. Lediglich ein unbeteiligter Nachbar, der zuf&auml;llig aus dem Fenster gesehen hatte, bezeugte mit stockender Stimme, wie eine Person den schweren Stein mit Wucht auf den am Boden liegenden Mann geworfen habe.</p><h2>Die ZeugInnen: Eine Mauer des Schweigens</h2><p>Diese &raquo;Mauer des Schweigens&laquo;, wie der Staatsanwalt sich ausdr&uuml;ckte, zeugt von einem stillen Einverst&auml;ndnis zwischen den T&auml;tern und der Mehrzahl der ZeugInnen. Die Ursache dieser unreflektierten Solidarit&auml;t ist in einer Mischung aus kleinst&auml;dtischem Milieuverhalten und einer geteilten rassistischen Einstellung zu suchen. Die entsprechende Haltung war w&auml;hrend des Prozesses bei vielen der ProzessbesucherInnen zu sp&uuml;ren. So konnte man sich auf Grund der ab und zu auftretenden Heiterkeit auf den Zuh&ouml;rerb&auml;nken nicht des Eindrucks erwehren, es w&uuml;rde ein Jugendstreich verhandelt und nicht der tragische Tod eines Menschen. Bis zum Schluss blieb der Eindruck bestehen, dass ein Gro&szlig;teil der anwesenden Zuh&ouml;rerInnen aus dem sozialem Umfeld der T&auml;ter das Ausma&szlig; der Menschenverachtung, das dem Tatgeschehen innewohnte, nicht begriffen hatte.</p><p>Der Wittstocker B&uuml;rgermeister zeigte sich nach der Urteilsverk&uuml;ndung zufrieden. Dass er allerdings betonen musste, Wittstock sei &raquo;nicht rechter als andere St&auml;dte in Brandenburg&laquo;, zeugt mehr von dem Wunsch nach tr&uuml;gerischer Normalit&auml;t als von einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Tat, ihren Umst&auml;nden und den Verh&auml;ltnissen, die sie erm&ouml;glichte.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/der-tod-von-kajrat-batesov">Der Tod von Kajrat Batesov</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>»Ich will ein normales Leben führen«</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/ich-will-ein-normales-leben-fuehren</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dietmar]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Jun 2003 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pressemitteilungen­­­ &­­ Stellungnahmen]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch 2002]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach einem rassistischem Überfall muss Neil D. die Abschiebung fürchten</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In der Nacht zum 16. August 2002 wurde Neil D. im Stadtzentrum von Prenzlau von einem jungen Rechtsextremisten beschimpft: »Scheiß-Ausländer, was willst du hier? Ich habe kein Geld, ihr bekommt alles in den Arsch geschoben.« Neil D. gelang es, den Mann etwas zu beruhigen. Kurze Zeit später hielt ein Auto. Ein weiterer Mann und eine Frau stiegen aus. Zunächst beleidigte die Frau Neil D., dann versetzte ihm einer der Männer einen Schlag ins Gesicht. Danach schlugen und traten alle drei gemeinsam auf Neil D. ein. Der Angriff wurde von mehreren passierenden Autofahrern gesehen, aber niemand griff ein. Erst geraume Zeit später verständigte ein älterer Mann die Polizei. Eine Woche später wurde Neil D. erneut von zwei Männern bedroht und mit den Worten »Scheiß-N-Wort, du bist schuld, dass unsere Freunde im Knast sitzen!« beschimpft. Marco Sch. (23) wurde wegen des Angriffs zu drei Jahren Haft verurteilt. Wie sich Ende November 2002 herausstellte, hatte er bereits Mitte Juli zusammen mit seinem Bruder und einem Freund in Potzlow den 16-jährigen Marinus Schöberl erschlagen.</p>
<p><strong>Neil, verspüren Sie heute noch Folgen des Angriffs?</strong></p>
<p>Ich habe immer noch Schmerzen im Rücken, und meine Zähne sind auch noch nicht behandelt worden. Doch viel schlimmer sind für mich die psychischen Folgen. Ich gehe zwar zu einer Therapie, doch immer, wenn ich bei der Psychologin bin, überwältigen mich die Tränen. Nach dem Angriff habe ich mich verändert. Ich bin zum Eigenbrötler geworden. Früher war ich gerne mit Leuten zusammen, jetzt bin ich lieber alleine in meinem Zimmer. Wenn an meiner Zimmertür geklopft wird, habe ich Angst. Oft habe ich Albträume. Früher habe ich Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben, heute nicht mehr. Meine Gedanken kreisen immer um den Angriff.</p>
<p><strong>Gab es Menschen, die sich nach dem Angriff mit Ihnen solidarisiert haben?</strong></p>
<p>Betty, eine andere Asylbewerberin von der Flüchtlingsinitiative, war für mich da. Sie kannte die Opferperspektive und gab mir die Telefonnummer des Vereins. In Prenzlau hat mir zunächst niemand geholfen. Die Opferperspektive war für mich in dieser Situation ein Hoffnungsschimmer. Die Mitarbeiterinnen versuchten, für mich eine Umverteilung zu erreichen, da ich nicht länger in Prenzlau wohnen kann. Dann haben sie mir geholfen, eine Rechtsanwältin zu finden, die mich im Prozess vertritt und mich unterstützt, damit ich eine materielle Entschädigung erhalte.</p>
<p><strong>Sie sind zur Zeit Asylbewerber in Deutschland. Gab es schon eine Entscheidung in Ihrem Asylverfahren?</strong></p>
<p>Wissen Sie, in meinem Land ist Krieg. In Sierra Leone gibt es keine Freiheit, dort gibt es keine Demokratie. Nach dem Angriff in Deutschland habe ich mich immer wieder gefragt, wieso ich? Warum passiert mir das, ich habe doch niemandem etwas getan? Mein Aufenthaltsstatus ist mein größtes Problem. Ich bin in der ersten Instanz abgelehnt worden. Nun muss ich auf die Entscheidung der zweiten warten. Ich habe Angst davor, wieder nach Sierra Leone zurück zu müssen. Ich wohne seit fast drei Jahren in Deutschland, mein Leben ist hier.</p>
<p><strong>Was sollte die deutsche Regierung Ihrer Meinung nach für die Opfer rechtsextremer Gewalt tun?</strong></p>
<p>Der Staat sollte zunächst die Täter verfolgen und sie bestrafen. Für die Opfer wäre es wichtig, dass sie nach dem Angriff wieder ein normales Leben führen können. Doch wie kann ich ein normales Leben führen, wenn ich jeden Tag Angst habe, wieder angegriffen zu werden; wenn ich tagtäglich Angst haben muss, abgeschoben zu werden?</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/ich-will-ein-normales-leben-fuehren">»Ich will ein normales Leben führen«</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rivalitäten zwischen Jugendlichen?</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/rivalitaeten-zwischen-jugendlichen</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jun 2003 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pressemitteilungen­­­ &­­ Stellungnahmen]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch 2002]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Polizei und KommunalpolitikerInnen<br />
sehen in rechten Gewalttaten oft nur<br />
jugendtypische Konflikte</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In Potzlow, einem kleinen Dorf in der Uckermark, erschlugen drei junge Männer am 12. Juli 2002 den 16-jährigen Marinus Schöberl. Seine weiten Hosen galten ihnen als Zeichen von Hip-Hop-Kultur. Sie nannten ihn einen »Juden« und ärgerten sich über die blondierten Haare, mit denen er versuche, »arisch« auszusehen. Mehrere Stunden quälten sie ihr Opfer, bis der Junge reglos dalag und sein Körper verstümmelt war. Die Leiche warfen sie in eine Jauchegrube, wo sie im November, vier Monate später, gefunden wurde. Einer der Täter hatte in einem lokalen Jugendclub um 20 Euro gewettet, dass er wisse, wo die sterblichen Überreste zu finden seien. Es stellte sich schnell heraus, dass das Opfer seine Peiniger gekannt hatte. Es stellte sich auch heraus, dass die Quälerei in einer Wohnung ihren Anfang genommen hatte, deren Mieter, ein Paar in den Vierzigern, der Tortur zusahen und schwiegen. Es stellte sich weiter heraus, dass einer der Täter ein einschlägig vorbestrafter und inhaftierter Rechtsextremist war, der vier Wochen, nach dem er Marinus Schöberl zu Tode gequält hatte, in Prenzlau den Asylbewerber Neil D. misshandelt und schwer verletzt hatte.</p>
<p>Wenige Tage nach der Festnahme der drei Haupttäter ließ der ermittelnde Staatsanwalt keinen Zweifel an deren Gesinnung: »Sie gehören ganz deutlich der extremen rechtsradikalen Szene an.« Ihre Tat, so der Staatsanwalt weiter, sei »so furchtbar, dass wir sie auch nicht ansatzweise in der Öffentlichkeit preisgeben können«. Auf Grund der besonderen Brutalität wurde der »Mord von Potzlow« zum Medien- und Politikereignis. Nach einer Erklärung der Bluttat suchend, pilgerten KorrespondentInnen in die Region, um im Sozialraum Uckermark Hintergründe auszuleuchten: Rechte Gewalttaten in der Vergangenheit, mangelnde Freizeitangebote, geschlossene Landwirtschaftsbetriebe, Jugendarbeitslosigkeit. Prominente PolitikerInnen sahen in der Tat ein Zeichen »seelischer Verwahrlosung« und eine Gewalt am Werk, »die sich wahllos ihr Opfer suchte«. Die Nichtigkeit des Anlasses und die Tatsache, dass es sich bei dem Opfer – wie vielfach berichtet – um einen »ganz normalen Jungen« gehandelt habe, schienen die These zu belegen.</p>
<h2>Hegemonie rechter Jugendkultur</h2>
<p>Man kann mit großer Sicherheit annehmen, dass die Wahrnehmung der Gewalt als wahllos darauf zurückzuführen ist, dass dem Opfer die gängigen sozialen Merkmale fehlen, die Opfern rechter Gewalttaten zugeschrieben werden. Ein Angriff auf einen dunkelhäutigen Jugendlichen hätte kaum den Gedanken der Zufälligkeit des Opfers aufkommen lassen, ist doch der rassistische Kontext solcher Taten hinlänglich bekannt. Warum aber musste Marinus Schöberl sterben? Das öffentliche Entsetzen und Nachdenken ließ einen naheliegenden Zusammenhang fast unbeachtet: Jeder zweite rechte Angriff in Brandenburg trifft einen männlichen Jugendlichen deutscher Staatsangehörigkeit. Von den 140 Opfern rechter Gewalt, die der Opferperspektive im Jahr 2002 bekannt wurden, sind fast die Hälfte deutsche Jugendliche. Viele sind Angehörige von Jugendkulturen wie Punks, SkaterInnen oder Hip-HopperInnen, manche sind linksorientiert und politisch engagiert. Über einige der Betroffenen kann in solchen Kategorien nur gesagt werden, dass sie nicht der rechten Jugendkultur angehören. Oft haben die Angriffe nichtige Anlässe: An der Kleidung, der Haartracht oder dem bevorzugten Musikstil identifizieren die Täter ihre Opfer als Menschen, die sich der rechtsextremen Jugendkultur nicht unterordnen oder gar widersetzen. Gerade in kleineren Städten und Gemeinden kommt es vor, dass die zumeist etwa gleichaltrigen Täter und Opfer flüchtig bekannt sind. In solchen Fällen ist die erfolgte Zuordnung zu einer bestimmten Szene (»Hip- Hopper«) hinreichend, um von der beständigen Gefahr eines Angriffs ausgehen zu müssen. Oft konzentrieren sich rechtsextreme Angriffe auf Jugendclubs und Treffpunkte, in denen eine alternative Jugendkultur öffentlich präsent ist. Ein Beispiel für eine solche Entwicklung ist die Jugendbegegnungsstätte (JUBS) in Eisenhüttenstadt, wo die Opferperspektive in enger Kooperation mit der Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt Frankfurt (Oder) seit 2001 mehrere Jugendliche beraten und betreut hat.</p>
<p>Viele der BesucherInnen des JUBS, bei denen es sich überwiegend um Jugendliche aus der Hip-Hop- und Skaterszene handelt, berichteten den OpferberaterInnen von Angriffen, denen sie oder ihre FreundInnen zum Opfer gefallen waren. Im Zuge der strafrechtlichen Ermittlungen gegen zwei Täter, die am 15. Juni 2001 vier Jugendliche angegriffen hatten, bestätigte sich explizit, dass die Opfer allein deshalb attackiert wurden, weil sie als Angehörige der Hip-Hop-Szene erkannt worden waren. Die Gefahr eines Angriffs gehört zum Alltag der Jugendlichen.</p>
<p>In Eisenhüttenstadt hat sich eine rechte Jugendkultur herausgebildet, die vor allem durch lose Cliquen getragen wird. Sie bildet unter Jugendlichen, wie in vielen Orten und Regionen Brandenburgs, eine gesellschaftliche Norm. Mehrere KlientInnen berichteten, dass sie in ihren Schulklassen oder bei ihrer Ausbildung die einzigen sind, die sich offen zu ihrer nicht-rechten Haltung bekennen. Das JUBS ist einer der wenigen Orte, an denen sich nicht-rechte Jugendliche treffen können, ohne mit Pöbeleien oder Angriffen rechnen zu müssen. Jugendliche, die unter dem Druck einer dominanten rechten Jugendkultur stehen, verdrängen häufig die fortdauernde Gefahr oder reagieren mit passivem Vermeidungsverhalten. Fast alle Jugendlichen kennen die kulturellen Codes der Rechten, wissen, wie sie aussehen und wo sie sich treffen. Es bildet sich ein kollektives Wissen darüber, welche Orte zu welchen Zeiten zu meiden sind. Betroffene, die in der Regel nicht auf Erfahrungen und Netzwerke aus einem politischen Engagement zurückgreifen können, wissen einfach nicht, wie sie rechtsextremen Gewalttaten aktiv begegnen können. Sie haben keine Erfahrung im Umgang mit Medien und kommunalpolitisch Verantwortlichen, kennen die Arbeitsweise der Strafverfolgungsorgane ebenso wenig wie ihre Rechte in den entsprechenden Verfahren.</p>
<h2>Kaum Unterstützung für die Opfer</h2>
<p>Zugleich machen Jugendliche regelmäßig die Erfahrung, dass sie von kommunalpolitischen Akteuren und der Polizei nicht ernst genommen werden. Allzu oft werden rechte Angriffe auf Jugendliche als Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendgruppen dargestellt. Schlechte Erfahrungen Einzelner sprechen sich herum, die Folge ist ein auch im sozialen Umfeld der Betroffenen geringes Vertrauen in politische Instanzen und die Arbeit der Strafverfolgungsorgane. So entstand im Fall der vier angegriffenen Hip-Hopper bei der telefonischen Meldung des Angriffs über die Notrufnummer 110 sehr schnell der Eindruck, dass von der Polizei keine Hilfe zu erwarten sei. Im späteren Verlauf wurde dazu noch das Ermittlungsverfahren eingestellt. Erst durch einen Widerspruch und die Weiterleitung des Namens eines Tatverdächtigen an die Polizei durch die OpferberaterInnen konnte die Wiederaufnahme des Verfahrens erwirkt werden.</p>
<p>Diese negative Dynamik liefert einen maßgeblichen Grund dafür, warum die Bereitschaft jugendlicher Opfer zur Anzeigenstellung so gering ist. Selbst bei schweren Angriffen, wie im Fall einer Jugendlichen, die am 25. Februar 2001 in Eisenhüttenstadt mit einem Messer im Gesicht verletzt wurde, sehen die Betroffenen keinen Sinn in einer Anzeige. Hinzu kommt die Angst vor möglichen Racheakten, was durch diesbezügliche Ankündigungen der Täter – einer der vier betroffenen Hip-Hopper erhielt eine Drohung per SMS – verstärkt wird. Insgesamt kann angenommen werden, dass die Dunkelziffer in diesem Bereich hoch ist und dass viele der 40 von der Opferperspektive dokumentierten Angriffe, die 2002 nicht in polizeiliche Statistiken Eingang fanden, Jugendliche betrafen. Auch in der Beratungsarbeit zeigt sich die Passivität vieler Betroffener: Gemessen an den Angriffszahlen liegt der prozentuale Anteil der Jugendlichen, die eine Beratung suchen, sehr niedrig.</p>
<p>In der Konsequenz bleiben rechte Angriffe allzu oft ohne strafrechtliche Folgen, was die Täter bestärkt und auch ihr Selbstbild intakt belässt, das von eigener Überlegenheit und einem diffusen Gefühl der Legitimierung ihres Handelns durch Teile der Bevölkerung geprägt ist. Bei den Opfern und den potentiell Betroffenen werden Gefühle von Rat- und Ausweglosigkeit bestätigt, die letztlich das Einrichten in einer Atmosphäre von permanenter Bedrohung als einzig gangbaren Weg erscheinen lassen.</p>
<h2>Alternativen zum rechten Mainstream</h2>
<p>Die OpferberaterInnen konnten in Eisenhüttenstadt den Clubrat der JUBS dazu gewinnen, eine Presseerklärung herauszugeben, in der auf die Lage der Betroffenen aufmerksam gemacht wurde, was zu Berichten in lokalen und überregionalen Tageszeitungen führte. Darauf aufbauend wurde eine Anfrage an die Stadtverordnetenversammlung bezüglich der Fälle rechter Gewalt erarbeitet, die Diskussionen in der Kommune auslöste. Das BeraterInnenteam organisierten eine Aussprache zwischen den Betroffenen und Eisenhüttenstädter Polizeibeamten, die vom Mobilen Beratungsteam moderiert wurde. Um die Handlungskompetenz der Jugendlichen im kommunalen Kontext zu steigern, veranstaltete die Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt im JUBS ein Planspiel, in dem eine Stadt mit ihren wichtigsten Institutionen (Verwaltung, Politik, Medien etc.) simuliert wurde. Durch diese Aktivitäten gelang es, den Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, ihre Interessen in der Kommune wirksam zu kommunizieren, wenn auch festgehalten werden muss, dass die hohe Fluktuation unter den BesucherInnen nachhaltigen Effekten entgegensteht.</p>
<p>Einen ähnlichen Fortbildungsbedarf kann man in kommunalen Institutionen vermuten. In der Regel haben die Verantwortlichen weder die Kompetenz noch wirkliches Interesse an der Lebenswelt von Jugendlichen und ihren kulturellen und sozialen Aktivitäten. Für den Kampf gegen Rechtsextremismus aber kommt es einer Katastrophe gleich, wenn kommunale Akteure die Bedrohung demokratischer und alternativer Jugendlichen nicht ernst nehmen und ihnen die Unterstützung versagen. Die Banalisierung rechter Gewalt verkennt, dass es nicht um Jugendprobleme, sondern um die Kontrolle des öffentlichen Raums geht. Angetrieben von ihrer rechtsextremen Vorstellungswelt und dem Glauben an ihre Überlegenheit, versuchen die rechten Schläger, »national befreiten Zonen« durchzusetzen, in denen für demokratisch und humanistisch orientierte Jugendkulturen kein Platz ist. Wenn es dann zu exzessiven Gewalttaten kommt und auch jene, die sich bis dahin nicht mit Jugendproblemen befassen wollten, dringenden Handlungsbedarf entdecken, sind bereits Fakten geschaffen, die sich kurzfristig nicht mehr ändern lassen. Ohne konkrete Alternativen zum rechten Mainstream in der Jugendkultur können Bündnisse gegen Rechts und Appelle an die Toleranz kaum greifen.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/rivalitaeten-zwischen-jugendlichen">Rivalitäten zwischen Jugendlichen?</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Das Martyrium des Herrn N.</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/das-martyrium-des-herrn-n</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dietmar]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2003 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pressemitteilungen­­­ &­­ Stellungnahmen]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch 2002]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Mann wird gejagt, gequält – und allein gelassen</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Juni 2002 erfuhr die Opferperspektive durch eine Meldung in einer Lokalzeitung, dass in der Nähe von Bernau ein vietnamesischer Mann von Unbekannten zusammengeschlagen worden war. Die Bernauer Kontakt- und Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt fand heraus, dass es sich bei dem Opfer um Herrn N. handelte, der im lokalen Flüchtlingsheim lebte. Kurz darauf erhielt Herr N. einen Brief der Opferperspektive und meldete sich daraufhin telefonisch. Er bat die Opferperspektive, einen Termin mit der Heimleitung zu vereinbaren. Diese aber zeigte sich bei mehreren Telefonaten völlig desinteressiert. Briefe an Herrn N. wurden mit dem Vermerk »Empfänger unbekannt« zurückgesandt. Erst vier Monate später gelang es, direkt mit Herrn N. zu sprechen. Die BeraterInnen trafen auf einen schwer traumatisierten Mann, der Furchtbares erlebt hatte.</p>
<p>Alljährlich zu Pfingsten findet nördlich von Berlin das Harley-Davidson-Treffen statt. MotorradfahrerInnen aus ganz Deutschland reisen dazu an. Einen Tag nach der Veranstaltung geht Herr N. zusammen mit drei Freunden auf dem in einem Waldstück gelegenen Festivalgelände spazieren. An die Veranstaltung der Vortage erinnern eine Bühne, einige Wohncontainer, eine Hand voll Zelte und geparkte Autos. Ein rotes Auto fährt langsam an Herrn N. und seinen Freunden vorbei, die zurückgelassene Pfandflaschen aufsammeln. Das Auto hält, ein Mann beugt sich aus dem Fenster und ruft ihnen zu, sie mögen zu ihm kommen. Als er aussteigt, sieht Herr N., dass der Mann ein Gipsbein hat und auf Krücken geht. Er verlangt, den Inhalt der Plastiktüten zu sehen, die die Vietnamesen bei sich tragen. Als er die Pfandflaschen sieht, beginnt der Mann zu schreien und schlägt mit den Krücken nach den Männern.</p>
<p>Herr N. versteht nicht, er hat Angst. Die Vietnamesen laufen in verschiedene Richtungen davon. Herr N. nimmt den kürzesten Weg zum nahegelegenen Flüchtlingsheim. Als er sieht, dass er von einem schnell laufenden Mann mit einem Hund verfolgt wird, beschleunigt er seine Schritte. Herr N. versucht, Haken zu schlagen. Schließlich bricht er entkräftet zusammen.</p>
<p>Zwei Männer schlagen auf Herrn N. ein. Sie zwingen ihn, wie ein Hund zu kriechen. Andere Männer lachen und schreien. Ein Mann tritt Herrn N. gegen den Hals. Andere springen auf seinen Rücken. Der Mann mit dem Gipsbein zieht Herrn N. am Kragen hoch und spuckt ihm ins Gesicht. Die Männer drohen Herrn N., mit einem Messer seine Genitalien abzuschneiden. Herr N. fleht die Männer an. Sie reißen seinen Kopf zurück und übergießen ihn mit Alkohol. Herr N. sinkt auf die Knie und bittet um sein Leben. Er wird erneut getreten und bespuckt. Herr N. denkt jetzt, dass er sterben wird. Er ruft die Namen seiner Mutter und seines Vaters und verliert das Bewusstsein.</p>
<p>Herr N. berichtete den MitarbeiterInnen der Opferperspektive, dass er seit der Tortur unter Angstzuständen leide. Er habe starke Kopfschmerzen und Herzflattern, esse wenig und könne kaum schlafen. Zudem sei er seit dem Angriff inkontinent. Im Landkreis wurde sein Schicksal schlichtweg nicht beachtet.</p>
<p>Die Opferperspektive vermittelte Herrn N. an eine Psychologin, die eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizierte. Mit dem psychologischen Gutachten erwirkten die BeraterInnen beim Sozialamt eine Kostenübernahme für eine Psychotherapie und für Besuche bei verschiedenen FachärztInnen. Beim Ausländeramt konnten so genannte »Urlaubsscheine« erwirkt werden, die Herrn N. berechtigten, den Landkreis zu verlassen. Die BeraterInnen stellten mit Herrn N. Anträge auf Entschädigung aus dem Opferfonds der Bundesanwaltschaft sowie nach dem Opferentschädigungsgesetz. Bei der Aktion Cura wurde eine Kostenbeihilfe für eine Rechtsvertretung beantragt. Herr N. hatte bereits einen Anwalt, der ihn über den Stand des Verfahrens bislang nicht informiert hatte. Die Opferperspektive riet Herrn N., ihm das Mandat zu entziehen und vermittelte Herrn N. an eine erfahrene Nebenklagevertreterin.</p>
<p>Im Oktober 2002 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, weil die Täter nicht ermittelt werden konnten. Da sich zahlreiche Hinweise auf nicht gehörte Zeugen oder Täter in den Akten fanden, erhob die Rechtsanwältin sofort Einspruch. Die Kontakt- und Beratungsstelle Bernau diskutierte mit der Ausländerbeauftragten des Landkreises Wege, um den Angriff in der Kommune zu thematisieren; die Opferperspektive beriet mit der Landesausländerbeauftragten Möglichkeiten, politischen Druck zu entfalten, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Es wurde vereinbart, die Medienöffentlichkeit zu informieren, falls innerhalb von vier Wochen nichts geschehe.</p>
<p>Im Dezember 2002 nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/pressemitteilungen_stellungnahmen/das-martyrium-des-herrn-n">Das Martyrium des Herrn N.</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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