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	<title>Skinhead - Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</title>
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		<title>Orazio Giamblanco: Nur noch durchhalten</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2017 11:21:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Über 10 000 Menschen sind seit der Wiedervereinigung Opfer rechter Gewalt geworden – so wie Orazio Giamblanco. Nachdem ihn 1996 ein Skinhead attackierte, ist der Italiener schwer behindert. Seither begleiten Tagesspiegel und PNN ihn auf dem Lebensweg. Besuch bei einem Mann, der zu kämpfen hat Es sind diese wenigen Momente, in denen Orazio Giamblanco es [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="um-first">Über 10 000 Menschen sind seit der Wiedervereinigung Opfer rechter Gewalt geworden – so wie Orazio Giamblanco. Nachdem ihn 1996 ein Skinhead attackierte, ist der Italiener schwer behindert. Seither begleiten Tagesspiegel und PNN ihn auf dem Lebensweg. Besuch bei einem Mann, der zu kämpfen hat</p>
<p>Es sind diese wenigen Momente, in denen Orazio Giamblanco es schafft, ganz bei sich zu sein. In denen er nicht mühsam versuchen muss, sich verständlich zu machen. In denen er spürt, was von seiner Kraft und seiner Selbstständigkeit übrig geblieben ist. Er holt dann aus Körper und Kopf soviel Energie heraus, dass er sich selbst bestätigen kann, er sei ein Kämpfer, der nicht aufgibt. Für eine halbe Stunde am Seilzuggerät mit den vielen Gewichten, die er an langen Schnüren mit Schlaufen hoch und runter bewegt. Oder für die 20 Minuten, in denen er an diesem Tag im November mit dem Elektrorollstuhl durch Bielefeld fährt. Vom Franziskus- Hospital nach Hause. Mit einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern in der Stunde. Wie seit mehreren Monaten schon. Unfallfrei.</p>
<p>In diesen Momenten zeichnet sich im Gesicht des alten Italieners ein Durchhaltewillen ab, der an den introvertierten Blick eines Marathonläufers auf den letzten Kilometern erinnert. Die ganze Konzentration gilt der eigenen Anstrengung. Orazio Giamblanco genießt das. Am Seilzuggerät im Physiotherapie-Keller des Hospitals will er vor wenigen Wochen gar nicht aufhören, die Gewichte zu wuchten. Erst 25 Kilo. „Mehr“, murmelt Giamblanco. Die Tochter seiner Lebensgefährtin sticht die Schraube in den nächsten Stahlbarren. 40 Kilo. Zehn Minuten danach wieder: „mehr“, also 50 Kilo. Als er eine halbe Stunde später mit dem Rollstuhl vom Krankenhaus wegsurrt, drückt er den Hebel an der rechten Lehne durch. Für maximales Tempo.</p>
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<p>Orazio Giamblanco ist seit 21 Jahren schwer behindert. Das bedeutet, dass der 76 Jahre alte Mann aus Sizilien schon mehr als ein Viertel seines bisherigen Lebens in einem deformierten Körper gefangen ist. Seit am 30. September 1996 ein Skinhead im brandenburgischen Trebbin mit seiner Baselballkeule ausholte und Giamblanco am Kopf traf. Der Rechtsextremist war mit einem Kumpel unterwegs, um Italiener zu jagen, die auf einer Großbaustelle als Hilfskräfte angestellt waren. Giamblanco hielt sich erst wenige Tage in der Kleinstadt auf. Der rassistische Hass traf ihn mit voller Wucht.</p>
<p>Im Krankenhaus Luckenwalde retteten die Ärzte Giamblancos Leben mit einer Notoperation. Aber es war nicht zu verhindern, dass er schwer behindert bleibt. Dass er unter spastischer Lähmung leidet, dass er sich nur eingeschränkt bewegen kann, dass ihm das Sprechen schwer fällt. Und dass er oft depressiv ist. Die Hoffnung, sein Zustand könne sich verbessern, hat er längst aufgegeben.</p>
<p>Die Geschichte vom Überfall auf Giamblanco dürfte den Leserinnen und Lesern der PNN und des Tagesspiegels bekannt sein. Die Zeitungen berichten seit Anfang 1997 jedes Jahr über das Schicksal des kleinen, kompakten Mannes aus Sizilien. Und über das ebenfalls schwere Leben seiner jetzt 66-jährigen Lebensgefährtin Angelica Stavropolou und ihrer 43 Jahre alten Tochter Efthimia. Um anhand einer Langzeitstudie über ein Opfer rechter Gewalt und dessen Angehörige zu schildern, welche Folgen der Fanatismus hat – über die Schlagzeilen zur Tat und zum Prozess gegen den Täter hinaus. Um exemplarisch darzustellen, wie es einem von wahrscheinlich weit mehr als 10 000 Opfern geht, die seit der Wiedervereinigung von Neonazis und anderen Rechten attackiert wurden. Die hohe Zahl lässt sich anhand von Polizeistatistiken zu rechter Gewaltkriminalität und ihren Opfern schätzen. Allein in diesem Jahr wurden nach vorläufigen Erkenntnissen des Bundeskriminalamts bis September mehr als 300 Menschen von Rechtsextremisten verletzt.</p>
<p>In den allermeisten Fällen sind die Probleme von Opfern solcher Gewalt unbekannt. Wieviele Menschen ähnlich leiden wie Giamblanco, weiß niemand. Die Langzeitstudie kann nur eine Ahnung vermitteln, was Menschen durchmachen, die mit den Spätfolgen ihrer körperlichen Verletzung und mit ihrer Traumatisierung leben müssen. Doch das ist es wert, die Geschichte unentwegt weiter zu schreiben, als Fallstudie pars pro toto. So lange es in Bielefeld irgendwie geht. Die Verzweiflung dort hat viele Facetten. Kein Jahr ist wie das zuvor.</p>
<p>Ein Lichtblick: während der Besuche ist eine Freundschaft entstanden. Die journalistische Distanz zu Orazio, Angelica und Efthimia, meist Efi genannt, ist zugegebenermaßen reduziert. Aber in dieser Geschichte ist jedes Jahr lehrreich. Meist bitter.</p>
<p>Orazio sitzt im Elektrorollstuhl vor dem Seilzuggerät. Er zieht ruckartig die Gewichte hoch, mal mit beiden Armen, dann nur mit dem rechten, dann mit dem linken. Er stöhnt, die Augen sind fast geschlossen. „Er bleibt jetzt im Rollstuhl sitzen, wenn er am Seilzug arbeitet“, sagt Jan Rombowski. Der kräftige Mann mit dem tätowierten Arm ist Physiotherapeut, er betreut Orazio schon mehrere Jahre. „Es geht stetig runter“, sagt Rombowski. Dass Orazio an Krücken von Gerät zu Gerät gehe, „habe ich schon seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen“. Ohne den Rollstuhl könne sich Orazio im Therapieraum nicht mehr bewegen. Sein Körper schaffe es nicht mehr.</p>
<p>2017 war für den Italiener und die beiden Frauen wieder ein schwieriges Jahr. Vielleicht sogar mehr als sonst. „Beinahe wären wir gar nicht nach Sizilien gefahren“, sagt Angelica. Die zierliche Griechin pflegt mit Hilfe ihrer ebenfalls nicht allzu kräftigen Tochter den behinderten Mann. Die jährliche Reise nach Sizilien, Orazios alte Heimat, finanziert von Spenden der Tagesspiegel- und PNN-Leser, muntert die drei immer auf. Doch im Frühjahr wäre beinahe nichts daraus geworden. „Orazios Probleme mit dem Magen waren so schlimm, dass ich mich nicht getraut habe nach Sizilien“, sagt Angelica.</p>
<p>Die Probleme mit der Verdauung seien auch eine Spätfolge des Schlags mit der Baseballkeule, meint Rombowski. „Die Statik des Körpers ist durch das jahrelange Sitzen im Rollstuhl verschoben.“ Halblaut fügt er hinzu, Orazio fahre mit dem Elektrorollstuhl nach Hause, weil er den Krankentransport nicht mehr vertrage. Jahrelang hatte ihn das Rote Kreuz in einem Transporter zur Krankengymnastikgefahren. In diesem Jahr wurde Orazio mehrmals schlecht. Seitdem fährt er mit dem Rollstuhl zum Hospital. Meist läuft Angelica nebenher.</p>
<p>Im Frühjahr ging es Orazio so schlecht, dass er wochenlang nicht zur Krankengymnastik kam. „Er war jeden Tag stundenlang auf der Toilette“, sagt Angelica, „er hat viel geweint“. Doch Efi hatte eine Idee, wie der Sizilien-Urlaub, der für Orazio und auch für die beiden erschöpften Frauen so wichtig ist, zu retten war.</p>
<p>Sie fragte Giovanni, ob er mitkommen könne. Giovanni, Anfang 60, ist ein Bruder Orazios und lebt auch in Bielefeld. Und er flog mit nach Sizilien. Die wahre Erholung war es für ihn nicht. „Er hat sich das anders vorgestellt“, sagt Efi. Sie und ihre Mutter spannten Giovanni ein, beim Transport des Rollstuhls zu helfen, bei den Verhandlungen im Hotel nahe Catania über ein größeres Zimmer mit mehr Platz für den Rollstuhl und für die Gänge zur Apotheke. Die öfter nötig waren als erwartet.</p>
<p>„Wegen der Klimaanlage hat sich Orazio eine Erkältung geholt“, sagt Efi. Von den drei Wochen Urlaub war Orazio die Hälfte der Zeit krank. Und nahezu unvermeidlich steckte er Angelica und Efi an, die an ihm häufig nah dran sind, um ihn anzuziehen, zur Toilette zu begleiten oder ihn einfach nur ein wenig aufzumuntern. Giovanni wurde zum Krankenpfleger wider Willen. „So macht Ihr Urlaub?“, habe er gefragt, erzählt Efi. Sie bezweifelt, dass Giovanni nochmal mitkommt.</p>
<p>Wenn Orazio auf seinen Körper schaut, wenn er seine nuschelige Stimme hört, wenn er seine Schmerzen spürt und die Depressionen quälen, wird ihm seit 21 Jahren täglich bewusst: sein Leiden ist lebenslänglich. „Manche Tage ich habe keine Lust mehr zu leben“, Orazio presst die Worte mühsam und kaum verständlich heraus. Der Skinhead, den das Landgericht Potsdam 1997 zu 15 Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilte, kam nach acht Jahren und zwei Tagen aus dem Gefängnis heraus. Weil er den Angriff bereute, mit der rechten Szene brach und sogar einstige Mittäter belastete. Für Orazio gibt es keine Entlassung aus dem Schicksal.</p>
<p>Ebenso wenig für Angelica und Efi. „Ich habe Probleme mit dem Blutdruck, er ist viel zu hoch“, sagt Angelica. Seit Orazios „Unfall“, wie die Frauen den Angriff des Skinheads nennen, geht sie zum Psychiater. Efi inzwischen auch. Vor vier Jahren erkrankte sie an Depressionen, bekam Wahnvorstellungen und hätte sich beinahe umgebracht. „Wir sind alle immer am Kämpfen“, sagt Efi. Leider hätten sie dieses Jahr nun auch Pech im Urlaub gehabt, „aber trotzdem war Sizilien für Orazio wichtig, das ist seine Heimat, da ist die Sonne, da redet er mit den Leute in seiner Sprache“. Nach der Reise sei es Orazio auch ein bisschen besser gegangen, trotz allem. Doch jetzt sei er wieder oft depressiv. Weil die Probleme mit dem Magen nicht aufhörten. Nachts liege er oft wach und führe Selbstgespräche. „Wir versuchen dann, ihm zu helfen“, sagt Efi, „die Psyche ist wichtig“.</p>
<p>Gegen ihre eigenen Depressionen nimmt sie starke Tabletten. Doch sie ändern nichts daran, dass ihre Lebensträume geplatzt sind. „Ich wollte eine Familie gründen, mit drei, vier Kindern“, sagt Efi. Aber sie habe keinen Mann gefunden, der akzeptiere, dass sie ihre Mutter bei der Pflege von Orazio nicht im Stich lassen wolle. „Die Männer wollen alle Freiheit“, sagt Efi, „aber für mich ist meine Familie wichtig.“ Dafür hat sie ihre Zukunft geopfert. Und sie lebt weiter Tür an Tür zu Orazio und der Mutter, obwohl Efis Mietwohnung eigentlich zu teuer ist. Als Produktionshelferin in einer Schokoladenfabrik verdient Efi nicht viel, auch wenn sie regelmäßig Nachtschichten übernimmt. Gerade jetzt, vor Weihnachten, „wird in der Firma jeder gebraucht“, sagt Efi. Wenn sie nach Hause kommt, schaut sie erstmal bei Orazio und der Mutter vorbei. Sei keine Hilfe nötig, „falle ich todmüde ins Bett“.</p>
<p>Die beiden Frauen sind stille Heldinnen. Physiotherapeut Rombowski sagt, „ohne sie würde Orazio in einem Pflegeheim dahinvegetieren. Die beiden machen wahnsinnig Einsatz“.</p>
<p>Wie es Orazio, Angelica und Efi geht, weiß auch der Täter. 2002 kam Jan W. über eine Berliner Anwältin in Kontakt mit dem Tagesspiegel. Der kräftige Mann weinte, als er zu hören bekam, was sich in Bielefeld abspielt. Er schämte sich für die Tat. „Ich habe ja in dem Moment nich’ nachgedacht“, sagte W., „det schmerzt ja immer wieder aufs Neue, auch bei mir“. Vier Jahr später gab er dem Tagesspiegel zwei Briefe an Orazio und die Frauen mit. Monatelang hatte Jan W. um Worte gerungen. „Ich war damals einfach der größte IDIOT der Welt, der sich mit falschem Stolz durchs Leben schlug“, steht in einem Brief. Ihm werde bewusst, „was ich damals für einen riesengroßen Fehler beging, indem ich Ihr Leben zerstörte“. Orazio und die Frauen waren gerührt – und ließen W. ausrichten, dass sie ihm verzeihen. Der Ex-Skinhead war erleichtert. Am Telefon fehlten ihm die Worte.</p>
<p>Sie fehlen ihm auch heute, aber wohl aus einem anderen Grund. Er will dieses Jahr offenkundig mit dem Tagesspiegel nicht reden. Vermutlich hat ihn genervt, dass er 2016 gefragt wurde, warum er bei Facebook angab, die AfD zu mögen. Und die rechte Kampagne „Heimat schützen – Asylbetrug stoppen“. Jetzt ist der Eintrag zur AfD weg. Die Kampagne ist noch da.</p>
<p>Beim Anruf im November sagt Jan W., „ist jetzt ganz schlecht“, und drückt das Gespräch weg. Bei den weiteren Anrufen geht er gar nicht erst ran. Orazio und die Frauen fragen auch dieses Jahr, wie jedes Mal, ob der Täter sich wirklich gebessert habe. Mehr wollen sie aber auch gar nicht wissen. Für die drei ist wichtig, dass Orazio halbwegs stabil bleibt. Und sie wollen auch kommendes Jahr nach Sizilien reisen. „Wenn mein Magen nicht wieder schlimmer wird“, sagt Orazio.</p>
<p>Frank Jansen</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/orazio-giamblanco-nur-noch-durchhalten">Orazio Giamblanco: Nur noch durchhalten</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Und Orazio kämpft und kämpft und</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Dec 2015 13:05:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Spendenaufruf für Orazio Giamblanco:<br />
1996 wurde der Italiener Orazio Giamblanco in Brandenburg von einem Skinhead fast totgeschlagen. Einmal im Jahr besucht der Tagesspiegel den seitdem schwer Behinderten. Wir dokumentieren die aktuelle Reportage von Frank Jansen über die Lebenssituation von Orazio Gianblanco,und rufen zu Spenden […]</p>
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<div id="attachment_36995" style="width: 179px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.opferperspektive.de/wp-content/uploads/2015/12/heprodimagesfotos83120151128PRESSEBALL_280_1_20151127132238339.jpg.6649097.jpg" aria-label="heprodimagesfotos83120151128PRESSEBALL 280 1 20151127132238339.jpg.6649097"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-36995" class="size-medium wp-image-36995" src="https://www.opferperspektive.de/wp-content/uploads/2015/12/heprodimagesfotos83120151128PRESSEBALL_280_1_20151127132238339.jpg.6649097-169x300.jpg" alt="Orazio Giamblanco Foto: Frank Jansen" width="169" height="300" srcset="https://www.opferperspektive.de/wp-content/uploads/2015/12/heprodimagesfotos83120151128PRESSEBALL_280_1_20151127132238339.jpg.6649097-169x300.jpg 169w, https://www.opferperspektive.de/wp-content/uploads/2015/12/heprodimagesfotos83120151128PRESSEBALL_280_1_20151127132238339.jpg.6649097.jpg 190w" sizes="(max-width: 169px) 100vw, 169px" /></a><p id="caption-attachment-36995" class="wp-caption-text">Orazio Giamblanco<br>Foto: Frank Jansen</p></div>
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</div><p>Im Herbst 1996 schl&auml;gt ein Neonazi zu, seitdem ist ein Italiener schwer behindert. Sein Name: Giamblanco. Wie geht es ihm heute?</p><p>Die Kraft l&auml;sst nach. Der Stahlb&uuml;gel gleitet aus den H&auml;nden, saust hoch und schwingt durch die Luft. Orazio Giamblanco st&ouml;hnt und senkt den Kopf. Er will nicht aufgeben, nicht jetzt schon. Das st&auml;hlerne Ger&auml;t soll ihn nicht bezwingen, schon gar nicht nach nur zwei Minuten. Der kleine, kompakte Italiener mustert den turmartigen Apparat mit den flachen, aufeinandergestapelten Gewichten, die &uuml;ber Drahtseile mit dem Stahlb&uuml;gel verbunden sind. Orazio streckt den rechten Arm hoch. Er greift ins Leere.</p><p>Es ist November und schon jetzt l&auml;sst sich sagen: Das Jahr war nicht gut f&uuml;r den schwer behinderten Mann aus Sizilien. Die Frustration am Seilzugger&auml;t im Gymnastikraum des Franziskus-Hospitals in Bielefeld wirkt da wie ein kleines, negatives Ausrufezeichen. Und es ist nicht das einzige. In einem Jahr, das noch schlechter war als die schlechten Jahre zuvor. Gute gibt es f&uuml;r den 73 Jahre alten Orazio, seine 64-j&auml;hrige griechische Lebensgef&auml;hrtin Angelica Stavropolou und deren Tochter Efthimia Berdes, 41 Jahre alt, schon lange nicht mehr. In einem Alltag zwischen Rollator und Rollstuhl.</p><p>Am 30. September 1996 schwang in Trebbin, einer Stadt s&uuml;dlich von Berlin, ein rechter Skinhead seine Baseballkeule. Sie traf Orazio, erst kurz zuvor als Hilfsbauarbeiter nach Brandenburg gekommen, mit Wucht am Kopf. &Auml;rzte bewahrten Orazio mit Notoperationen vor dem Tod, aber die spastische L&auml;hmung, die st&auml;ndigen Schmerzen, die Sprachst&ouml;rung, die Depressionen, auch die seit Jahren chronischen Magenprobleme lassen ihn den Keulenschlag Tag f&uuml;r Tag sp&uuml;ren. Erst recht, wenn Beschwerden hinzukommen, die schon ein &bdquo;normaler&ldquo; Mensch nicht so leicht wegsteckt.</p><p>Anfang November war wieder eine Notoperation f&auml;llig. Nicht so dramatisch wie 1996 im Krankenhaus Luckenwalde, aber unangenehm genug. &bdquo;Er hatte Gallensteine, die rieben aneinander&ldquo;, sagt Thorsten Franz, Oberarzt im Franziskus-Hospital. &bdquo;Die Gallenblase hatte sich entz&uuml;ndet, wir mussten sie in einer Not-OP entfernen.&ldquo; Zuvor hatte Orazio noch mehr gelitten als sonst.</p><p>Anfang 1997 hat ihn der Tagesspiegel erstmals besucht. Und seitdem Jahr f&uuml;r Jahr. L&auml;ngst ist eine Freundschaft entstanden, deshalb ist hier auch von Orazio, Angelica und Efi die Rede. Die Reportagen sind als beispielhafte Erz&auml;hlung gedacht, als Langzeitstudie &uuml;ber ein Opfer rechter Gewalt. Von denen es seit der Wiedervereinigung wohl mehr als 10 000 gibt, zus&auml;tzlich zu &uuml;ber 70 Todesopfern, folgt man den Statistiken der Polizei zu rassistischer und sonst wie rechter Gewalt.</p><p>Nat&uuml;rlich werden nicht alle Menschen, die von Neonazis und anderen Rechtsextremisten attackiert wurden, so schwer, ja unheilbar verletzt sein wie Orazio. Aber es gibt sie, auch wenn die &Ouml;ffentlichkeit sie nicht kennt. Und wie viele Menschen, die physisch wieder genesen sind, qu&auml;len sich mit psychischen Sp&auml;tfolgen, mit &Auml;ngsten, mit Traumata? Die gerade dieses Jahr verst&auml;rkt werden durch die vielen Horrormeldungen zu Anschl&auml;gen auf Unterk&uuml;nfte f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge.</p><p>Was er da im Fernsehen zu sehen bekommt, hat Orazio auch belastet, genauso wie die Schreckensbilder der Terrorangriffe vom Januar und jetzt wieder in Paris. &bdquo;Habe Angst bekommen&ldquo;, sagt er. Auch Angelica und Efi wird mulmig. &bdquo;Schreckliche Zeiten&ldquo;, klagt Angelica. Auch Efi ist verunsichert, &bdquo;kann man noch in ein Caf&eacute; gehen, ohne dass da eine Bombe liegt?&ldquo; Doch dann kommt ein Spruch, der von St&auml;rke k&uuml;ndet, trotz allen Leidens der drei und ihrer k&ouml;rperlichen und auch seelischen Ersch&ouml;pfung. &bdquo;Hauptsache, die Familie bleibt zusammen&ldquo;, sagt Efi, &bdquo;das ist das Wichtigste.&ldquo;</p><p>Efi hat sich einen Tag freigenommen in der Schokoladenfabrik, in der sie als Produktionshelferin arbeitet. Sie ist mitgekommen zur Krankengymnastik, sonst macht das meist ihre Mutter Angelica. Efi steht nun neben Orazio, als er sich am Seilzugger&auml;t abm&uuml;ht. Sie legt einen Arm auf seine Schulter, als er aufgibt.</p><p>Efi selbst und die Mutter sind am Rande ihrer Kraft. Die jahrelange Pflege von Orazio &uuml;berfordert die Frauen, trotzdem halten sie durch. Das hat Folgen. Vor zwei Jahren erkrankte Efi an Depressionen und konnte monatelang nicht arbeiten. Sie geht auch heute noch zum Psychologen: &bdquo;Der schimpft, dass ich nicht so oft komme.&ldquo; Sie versucht, ihre Krankheit zu verdr&auml;ngen. Aber dann spricht sie von Schlafst&ouml;rungen. &bdquo;Wenn das passiert, nehme ich wieder mehr von den starken Tabletten.&ldquo; Eine Beziehung zu einem Mann hatte sie schon lange nicht mehr. &Uuml;ber den Wunsch, eine Familie zu gr&uuml;nden, &bdquo;denke ich nicht mehr nach&ldquo;.</p><p>Der Mutter geht es nicht besser. Auch Angelica, die seit Orazios &bdquo;Unfall&ldquo;, wie sie es nennt, nicht mehr arbeitet und sich nur der Hilfe f&uuml;r Orazio widmet, sucht regelm&auml;&szlig;ig den Psychologen auf. Au&szlig;erdem leidet sie unter Bluthochdruck. Und dann mussten auch die Frauen dieses Jahr noch Schicksalsschl&auml;ge hinnehmen. Kurz vor dem geplanten j&auml;hrlichen Urlaub in Orazios Heimat Sizilien, den sie immer mit den Spenden der Tagesspiegel-Leser finanzieren und der den dreien guttut.</p><p>Im Sommer starb in Griechenland Efis Cousine Maria nach einem Schlaganfall. Maria war zwei Jahre &auml;lter als Efi. Nur Tage nach ihrem Tod erlitt auch Marias Vater einen Schlaganfall. &bdquo;Das war eine Katstrophe&ldquo;, sagt Efi. Vor allem ihrer Cousine war sie innig verbunden. Und Orazio erinnert sich, &bdquo;Maria hatte viel W&auml;rme, hat mir das Gesicht gestreichelt&ldquo;.</p><p>Orazio und die beiden Frauen stornierten in letzter Minute die Reise nach Sizilien und flogen nach Griechenland. &bdquo;Wir haben unserer Familie in Patras geholfen&ldquo;, sagt Angelica.</p><p>Der T&auml;ter wei&szlig; davon nichts. Jan W. ist dieses Jahr nicht zu erreichen. Vermutlich will er nicht mehr mit der Presse sprechen. Er ist schon lange wieder frei, die 1997 vom Landgericht Potsdam verh&auml;ngten 15 Jahre Haft musste er nur zum Teil verb&uuml;&szlig;en. Jan W. hat mit der rechten Szene gebrochen und bereut seine Tat. 2006 gab er dem Tagesspiegel zwei Briefe nach Bielefeld mit, in denen er sich bei Orazio und den Frauen entschuldigt. Die drei haben ihm verziehen.</p><p>Sie hoffen, dass 2016 etwas besser wird. Dass sie wieder nach Sizilien fahren k&ouml;nnen, wo sich Orazio so wohl f&uuml;hlt. &bdquo;Da freut er sich, das ist f&uuml;r uns alle gut&ldquo;, sagt Angelica. Orazio l&auml;chelt. &bdquo;Er gibt sich nicht auf&ldquo;, hat im Franziskus-Hospital der Physiotherapeut Andreas Schneider gesagt, der Orazio betreut. &bdquo;Er ist ein K&auml;mpfer.&ldquo; Und &bdquo;ein ganz wichtiger Faktor ist, wie die Frauen ihn unterst&uuml;tzen &ndash; besonders wenn seine Behinderung andere Probleme noch schlimmer macht.&ldquo;</p><p>&nbsp;</p><p><span class="um-author">Frank Jansen</span></p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/spendenaufruf-fuer-orazio-giamblanco-3">Und Orazio kämpft und kämpft und</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Spendenaufruf für Orazio Giamblanco</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Dec 2014 08:45:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>1996 wurde der Italiener Orazio Giamblanco in Brandenburg von einem Skinhead fast totgeschlagen. Einmal im Jahr besucht der Tagesspiegel den seitdem schwer Behinderten. Wir dokumentieren die aktuelle Reportage von Frank Jansen über die Lebenssituation von Orazio Gianblanco,und rufen zu Spenden auf.<br />
Bitte überweisen Sie auf das Konto der Opferperspektive und tragen das Stichwort "Orazio" auf den Überweisungsträger ein. Wir leiten Ihre Spende weiter.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4><span class="hcf-headline">Orazio kämpft sich durchs Leben</span></h4>
<p>von Frank Jansen</p>
<p>Er ist schmal geworden. Die Wangenknochen treten hervor, der rote Pullover hängt mit Falten an ihm. „Magen ist schlecht“, sagt Orazio Giamblanco. Die Stimme ist nur schwer zu verstehen, aber das ist schon seit 18 Jahren so. Seit jenem Tag im September 1996. Als in Trebbin, einer Kleinstadt südlich von Berlin, ein Skinhead mit seinem Baseballschläger ausholte. Die Keule traf den Italiener mit voller Wucht am Kopf. Es ist fast ein Wunder, dass Giamblanco jetzt, so eingefallen und blass er auch ist, in einem italienischen Restaurant in Bielefeld am Tisch sitzt. Dass er überhaupt noch lebt. Und sagen kann, wie es ihm geht.<br />
Viel erzählen muss er da nicht. Das Bild spricht für sich. Der 73 Jahre alte Mann ist im Elektrorollstuhl in das Restaurant gefahren, bis zum Tisch. Giamblancos Hände, immer leicht gekrümmt, liegen auf den Lehnen des Gefährts. So sitzt er da, meist stumm, das Sprechen strengt an. Doch dann lächelt er.<br />
Seine griechische Lebensgefährtin Angelica Stavropolou und ihre Tochter Efthimia Berdes zeigen Fotos vom Urlaub auf Sizilien, Orazios alter Heimat. „War sehr gut“, nuschelt er. Auf einem Bild hält er lachend Angelicas Hand, im Garten ihres Hotels in Catania. Die Reise im Mai konnten die drei dank Spenden der Tagesspiegel-Leser finanzieren. Es ging Orazio, wenn man das so sagen kann, gut. „Es war mit dem Magen besser, er hat alles gegessen“, sagt Efthimia. Jetzt im Restaurant in Bielefeld schneidet sie ihm die Spaghetti klein, damit er sie hinunterbekommt. Die Probleme mit dem Magen haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Aber das ist nur eine Geschichte im Elend des Orazio Giamblanco und seiner Leidensgefährtinnen, der 63 Jahre alten Angelica und ihrer 40-jährigen Tochter Efthimia. Das Leben der drei ist ruiniert, die Momente der Freude und des Vergessens sind selten.<br />
Der Sizilianer und die beiden Griechinnen sind, sozusagen lebenslang, Opfer rassistischer Gewalt. Ein Schicksal von unzählig vielen. Sie summieren sich zu einem dunklen Kapitel in der Historie der Bundesrepublik. Seit der Wiedervereinigung haben rechte Gewalttäter, folgt man den Statistiken der Polizei, mehr als 10 000 Menschen verletzt und 63 getötet. Nach Recherchen des Tagesspiegels ist die Zahl der Toten noch weit höher.<br />
Seit Anfang 1997 berichtet die Zeitung Jahr für Jahr, wie es Orazio, Angelica und Efthimia geht. Der Kontakt wurde so eng, dass sich die Geschichte heute mit den Vornamen der drei erzählen lässt. Aber es geht nicht um eine traurige Homestory. Die Langzeitstudie über Orazio, Angelica und Efthimia ist ein Versuch, exemplarisch die Folgen rechtsextremen Straßenterrors in Deutschland zu schildern. Über die Tat hinaus. Gegen die Regeln öffentlicher Aufmerksamkeit. Diese geht – manchmal – hoch, wenn ein blutiger Angriff geschieht, und sie kommt noch mal beim Prozess gegen den Täter. Nach dem Urteil ist es vorbei. An den weggesperrten Täter möchte kaum jemand erinnert werden, aber auch das Opfer gerät in Vergessenheit. Trotz seiner Qualen. Als 1996 rechte Gewalt in Deutschland wieder zunahm und die Illusion zerplatzte, nach den Exzessen von Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen sei das Schlimmste überstanden, erschien die klassisch aktuelle Berichterstattung zu wenig zu sein, um die humanitäre Katastrophe angemessen zu beschreiben. Der Tagesspiegel zog aus den vielen Fällen, eher intuitiv als geplant, den des Italieners aus Bielefeld heraus. Der nach wenigen Tagen als Hilfsbauarbeiter in Trebbin beinahe totgeprügelt worden war.<br />
Die Ärzte im Krankenhaus Luckenwalde konnten Orazios Leben damals mit zwei Notoperationen retten. Aber auch danach war sein Zustand so schlecht, dass er 1997 nicht in der Lage war, im Prozess gegen den Täter Jan W. am Landgericht Potsdam als Zeuge aufzutreten.<br />
Durch den Schlag mit der Baseballkeule erlitt Orazio eine spastische Lähmung. Verbunden mit Sprachstörungen, Kopfschmerzen, eingeschränkter Konzentration, Problemen bei der Verdauung, Depressionen. Orazio ist weitgehend auf den Rollstuhl angewiesen, in der Wohnung oder bei der Physiotherapie schlurft er mühsam am Rollator. Für ein paar Schritte mit Krücken, das ging einige Jahre, fehlt ihm jetzt die Kraft. Denn die Probleme mit dem Magen machen ihm zusätzlich zu schaffen. „Ich koche Brokkoli ganz weich, aus Fleisch mache ich Hackfleisch“, sagt Angelica. „Ich weiß nicht mehr, was ich kochen soll. Ich kann Suppe nicht mehr sehen.“<br />
Orazio gibt sich dennoch nicht auf. Woche für Woche lässt er sich vom Fahrdienst des Roten Kreuzes zur Physiotherapie bringen, meist ist Angelica dabei. Im Laufe der Jahre hat er öfter die Einrichtung gewechselt, weil er therapiemüde war, weil er auf neue Behandlungsmethoden hoffte. Mehrere Krankenhäuser und Fitnessstudios in Bielefeld und Umgebung sind Orazio vertraut. In diesem Jahr setzt er sich im Franziskus-Hospital an die Geräte. Im Tiefgeschoss ist ein Studio für Physiotherapie. „Seit drei Monaten ist Herr Giamblanco hier“, sagt Abteilungsleiter Jan Rombowski, „er wird hier aktiv durchbewegt“. Der bullige Mann hilft Orazio, in den Liegesitz einer „Beinpresse“ mit Gewichten zu steigen. Orazio stemmt seine Füße gegen eine Stahlplatte. Die Liege, auf einen Gleitschlitten montiert, bewegt sich nach hinten. Orazio schweigt und schließt die Augen. Rombowski hat seinen Patienten schon vor 15 Jahren gesehen, im Städtischen Krankenhaus. „Leider ist es nicht besser geworden.“ Doch die Therapien seien notwendig „zur Erhaltung der Restbeweglichkeit“.<br />
Efthimia ist mitgekommen zur Physiotherapie. Als Orazio seine Übungen an drei Geräten hinter sich hat, holt Efthimia den Rollstuhl. Sie zieht Orazio eine Strickjacke an und legt ihm einen Schal um den Hals. Als er sich gesetzt hat, hebt Efthimia seine Füße auf die Fußstützen. Dann löst sie die Bremse und schiebt ihn aus dem Studio. Ohne die Frau und ihre Mutter, sagt Rombowski, würde es Giamblanco nicht so gut gehen. Die Worte „so gut“ betont der Therapeut, als sei es eigentlich der falsche Begriff.</p>
<p><strong>Die Tochter ist an Depressionen erkrankt, es war zu viel</strong></p>
<p>Der Begriff würde auch nicht zu Efthimia und der Mutter passen. Efthimia ist vergangenes Jahr an Depressionen erkrankt. Der Stress, neben dem Dreischicht-Job in einer Schokoladenfabrik bei der Pflege des schwerbehinderten Orazio zu helfen, hat sie zermürbt. Efthimia bekam Angstzustände und Wahnvorstellungen, sie fügte sich eine lebensbedrohliche Verletzung zu. Das war im Mai 2013. Sie kam auf eine Intensivstation, blieb wochenlang im Krankenhaus. Es folgten drei Monate Reha, eine Langzeittherapie und eine Kur. „Ich habe gedacht, ich bin stark“, sagte Efthimia vor einem Jahr dem Tagesspiegel. Auch jetzt ist noch zu spüren, dass sie mit sich ringt. Und sich mehr zumutet, als ihr guttut.<br />
Sie fing im Frühjahr dieses Jahres an, wieder zu arbeiten. Voll. Obwohl sie weiß, dass die Depressionen nur unterdrückt sind, mit harten Medikamenten. Aber Efthimia fühlt sich verpflichtet, alles zu geben. Bei der Arbeit, bei der Unterstützung ihrer Mutter, die rund um die Uhr für Orazio da ist. Der in manchen Nächten alle zwei Stunden aufwacht, mit Magenschmerzen. Und dann ins Bad muss. Seine Lebensgefährtin hebt ihn aus dem Bett und geht jeden Schritt mit.<br />
Angelica sieht aus wie die Schwächste der drei. Klein, zerbrechlich, trauriger Blick. Doch Angelica ist die Stärkste. Auch wenn sie seit Jahren zum Psychiater geht, der Blutdruck zu hoch ist und der Rücken schmerzt. Ohne Angelicas Hilfe könnte Orazio nicht in der Wohnung leben und nicht nach Sizilien reisen. Und es war Angelica, die im September Efthimia für vier Wochen nach Griechenland schickte, weil die Tochter endlich auf andere Gedanken kommen sollte. „Ich hab&#8216; jetzt zwei, auf die ich aufpassen muss“, sagt Angelica, „Orazio und Efi“.<br />
Der Mann, der den endlosen Horror verursacht hat, trägt schwer an seiner Schuld. „Wenn ich zur Ruhe komme“, sagt Jan W., „dann denke ich drüber nach“. Der 40 Jahre alte Bauarbeiter, ein kräftiger Kerl, impulsiv, aber auch nachdenklich, bereut den Schlag mit der Baseballkeule. „Wenn man nich’ weiß, wo man hin will, kommt man dahin, wo man nicht hin will“, sagt er. Wo Jan W. nicht hin will, weiß er schon länger. Von den Neonazis wandte er sich bereits im Gefängnis ab. Das Landgericht Potsdam hatte Jan W. im April 1997 zu 15 Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. 2002 belastete er frühere Kumpane, die bei der Jagd nach italienischen Bauarbeitern in Trebbin mitgemacht hatten. Die Rechtsextremen kamen allerdings mit milden Strafen davon.<br />
Jan W. hat Orazio und die beiden Frauen um Verzeihung gebeten. 2006 gab er dem Tagesspiegel zwei lange Briefe mit nach Bielefeld. „Mir wird immer wieder vor Augen geführt, dass ich mit meinem damaligen Verhalten und meiner Verantwortungslosigkeit unserer aller Zukunft verbaut habe“, schrieb Jan W. etwas ungelenk. Aber treffend, zumindest was die drei in Bielefeld betrifft. Jan W. selbst hat es geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen. Mit einer kleinen Familie, mit Jobs. 2011 hat er seinen Baggerschein gemacht, so verdient er mehr. Jan W. hat eine Zukunft.<br />
In Bielefeld hoffen sie auf die kleinen Fluchten. Auch im kommenden Jahr möchten Orazio, Angelica und Efthimia nach Sizilien fliegen. Es täte ihnen gut. Er wolle dann wieder den Rollator mitnehmen, sagt Orazio. Auf Sizilien fällt es ihm leichter, damit das Gehen zu üben.</p>
<p>Frank Jansen</p>
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		<title>Spendenaufruf für Orazio Giamblanco</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Dec 2013 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Angriff]]></category>
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		<category><![CDATA[Skinhead]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>1996 wurde der Italiener Orazio Giamblanco in Brandenburg von einem Skinhead fast totgeschlagen. Einmal im Jahr besucht der Tagesspiegel den seitdem schwer Behinderten. Wir dokumentieren die aktuelle Reportage von Frank Jansen über die Lebenssituation von Orazio Gianblanco,und rufen zu Spenden auf.<br />
Bitte überweisen Sie auf das Konto der Opferperspektive und tragen das Stichwort "Orazio" auf den Überweisungsträger ein. Wir leiten Ihre Spende weiter.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Leben mit der Last</strong></em></p>
<p>von Frank Jansen</p>
<p>Orazio Giamblanco, Opfer rechter Schläger in Trebbin, benötigt täglich Betreuung. Eine schwere Aufgabe &#8211; auch für seine Frau und deren Tochter</p>
<p>Die kleine, kompakte Frau hilft ihm aus dem Rollstuhl und reicht eine der Krücken. Sie hält dem gebrechlichen Mann die rechte Hand hin, in die er seine linke drückt, zur Faust geballt, um sich aufzustützen. Dann greift er langsam nach den Krücken. Die Frau steht daneben, sie beobachtet jede Bewegung. So verharren beide für einen Moment im Bielefelder Fitnessstudio &#8222;Outfit&#8220;, in einer Halle voller Trainingsgeräte. Dann geht der Mann nach vorne, für einen Meter braucht er heute knapp zwei Minuten. Sie bugsiert ihn zu einem stählernen Apparat mit zwei Stangengriffen. Er steht davor, schweigend, den Blick starr nach unten gerichtet. Die Frau muss weiterhelfen. Erst drückt sie sein linkes Bein, das mit der Stahlschiene, etwas nach vorne, dann das rechte. Jetzt kann er sich setzen, langsam. Endlich ist es geschafft. Er packt die Griffe, die über einen Seilzug mit Gewichten verbunden sind, und rudert mit den Armen vor und zurück. Er kann das ganz gut.<br />
Efthimia Berdes, 39, Griechin, Hilfsarbeiterin in einer Schokoladenfabrik in Bielefeld, guckt erleichtert. Sie sieht es als Lebensaufgabe an, mit ihrer Mutter Angelica deren Lebensgefährten zu pflegen. Orazio Giamblanco, 72, ist schwer behindert. Vor mehr als 17 Jahren, am 30. September 1996, drosch ihm ein Skinhead in Trebbin, einer Kleinstadt südlich von Berlin, eine Baseballkeule gegen den Kopf. Der Kahlkopf und &#8222;Kameraden&#8220; hatten im Ort italienische Bauarbeiter gejagt. Giamblanco war erst wenige Tage zuvor aus Bielefeld nach Trebbin gekommen. Den Angriff hätte er beinahe nicht überlebt.<br />
Im Frühjahr 1997 hat diese Zeitung Giamblanco das erste Mal besucht, er lag apathisch in einer Spezialklinik im niedersächsischen Coppenbrügge. Seitdem wird jedes Jahr berichtet, wie es Giamblanco geht. Er leidet unter spastischer Lähmung, unter Schmerzen in Kopf und Körper, unter Verdauungsstörungen, unter Depressionen, sprechen kann er nur mühsam. Seine kurzen Sätze hören sich an, als drücke ihm jemand die Kehle zu. &#8222;Ich habe viel schwer&#8220;, haucht Giamblanco beim Besuch Ende November. Dieses Jahr hat er es schwerer als sonst.</p>
<p>Efthimia Berdes, von ihrer Mutter und Orazio Efi genannt, hat den Stress nicht mehr verkraftet. Ein Fabrikjob mit Nachtschicht, in der Freizeit kaum etwas anderes, als der Mutter bei der Pflege von Orazio zu helfen, und das Jahr für Jahr, seit 1996. &#8222;Ich hatte schon seit Monaten Schlafstörungen&#8220;, sagt Efthimia. Im Mai folgte der Kollaps. Es begann mit Angstzuständen. Sie fühlte sich verfolgt, auch in ihrer Wohnung. Dann kam der Tag im Mai, an dem sie sich, verwirrt, selbst lebensbedrohlich verletzte. Krankenhaus, Intensivstation. Efthimia stehen Tränen in den Augen. &#8222;Ich habe gedacht, ich bin stark.&#8220; Vier Wochen Krankenhaus, drei Monate in der Reha-Klinik in Bethel nahe Bielefeld, ihre Mutter Angelica besuchte sie fast jeden Tag. Entweder fuhren Freunde sie hin, oder sie musste ein Taxi nehmen. Einmal die Woche brachte das Rote Kreuz Orazio zu Efthimia. Er wollte öfter, sagt Angelica, doch das habe das Rote Kreuz abgelehnt. &#8222;Das hat Orazio und mich geärgert, aber er konnte ni chts machen.&#8220;</p>
<p>Efthimia schien in all den Jahren die stärkste der drei zu sein. Mutter Angelica, eine zierliche Frau, 61 Jahre alt, wirkte noch erschöpfter. Sie geht schon lange zum Psychiater, um die seelischen Schäden in Grenzen zu halten. Angelica Stavropolou, die früher Berdes hieß und nach ihrer Scheidung wieder den Namen ihres Vater trägt, musste seit 1996 immer Kraft für zwei aufbringen, für Orazio und sich, gab sogar ihre Arbeit auf, um sich der Pflege zu widmen. Jetzt muss sie Kraft für drei aufbringen. Efthimia fühlt sich verpflichtet, ihre Mutter bei der Pflege von Orazio zu unterstützen. &#8222;Familie bleibt für mich Familie&#8220;, sagt sie. Dabei kam zu kurz, dass sie selber mal eine Familie gründen wollte. Für eine Liebesbeziehung hatte sie zu wenig Zeit, ebenso wenig für sich selbst. Zweimal die Woche geht sie zu Psychiatern, und sie nimmt Antidepressiva. Doch der Leidensdruck bleibt. Efthimia wirft sich vor, finanzielle Probleme verursacht zu haben. Da sie seit Monaten nicht mehr arbe itet, bekommt sie nur noch ein mageres Krankengeld. Die Wohnung, die sie bewusst direkt neben der von Orazio und ihrer Mutter nahm, ist dafür zu teuer. Und als die Depressionen im Mai begannen, mussten die drei eine Reise nach Sizilien, in Orazios alte Heimat, kurz vor dem Abflug stornieren. Versichert waren sie nicht.</p>
<p>Orazio und die beiden Frauen waren froh, auf das Geld zurückgreifen zu können, das die Leser dieser Zeitung nach der Reportage vom Dezember 2012 gespendet hatten. Die Frage nach Reiseplänen für Sizilien oder Griechenland im kommenden Jahr beantworten sie diesmal nur zurückhaltend. &#8222;Es täte uns gut&#8220;, sagt Efthimia, &#8222;aber ich weiß nicht, wann ich wieder arbeiten kann.&#8220; Die Krankenkasse will sie jetzt zur Kur schicken. Efthimia befürchtet, schon über Weihnachten.<br />
Hunderte Kilometer entfernt, sitzt der Mann, der die nicht enden wollende Bielefelder Tragödie verursacht hat. Jan W. hat zugeschlagen im rassistischen Wahn, und er hat dafür gebüßt. Das Landgericht Potsdam verurteilte ihn 1997 zu 15 Jahren Haft, wegen versuchten Mordes an Orazio Giamblanco. &#8222;Wenn ich jetzt so zurückdenke&#8220;, sagt der 39-Jährige, und stockt. Er kam vorzeitig aus dem Gefängnis, hat sich von der rechtsextremen Szene losgesagt, doch die Tat quält auch ihn noch immer. Wie jedes Jahr am 30. September ist er zu &#8222;seinem&#8220; kleinen See gefahren und hat nachgedacht. Drei Stunden lang. &#8222;Ich habe mir Fragen gestellt. Wie konnte ich so werden?&#8220; Jan W., eigentlich ein kräftig-kerniger Typ, selbstständiger Bauarbeiter, bereut seinen früheren mörderischen Machismo. 2006 hat er Orazio und den beiden Frauen zwei Briefe geschrieben, in denen er sich entschuldigt und versucht hat, zu erklären, wer er zehn Jahre zuvor war. Die drei in Bielefeld waren gerührt. Sie haben ihm verziehen . &#8222;Da ist mir ein ganz großer Stein vom Herzen gefallen&#8220;, sagt Jan W. Er wünscht Orazio Giamblanco &#8222;vor allem gute Besserung&#8220;.</p>
<p>In der Fitnesshalle bewegt Orazio zäh, fast schon verbissen die Stangen der Trainingsapparate, als könnte er ihnen die Hoffnung auf ein besseres Leben abringen. Am Schluss hilft Efthimia ihm wieder in den Rollstuhl und packt seine Beine in eine gefütterte Decke. Für einen Moment sieht sie zufrieden aus.</p>
<p>Frank Jansen</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/spendenaufruf-fuer-orazio-giamblanco">Spendenaufruf für Orazio Giamblanco</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Mit letzter Kraft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Dec 2012 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Angriff]]></category>
		<category><![CDATA[Der Tagesspiegel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>1996 schlug ein Skinhead den Italiener Orazio Giamblanco beinahe tot. Das schwer behinderte Opfer quält sich von Jahr zu Jahr mehr durchs Leben. Wie jedes Jahr bitten der Tagesspiegel und der Potsdamer Verein Opferperspektive auch jetzt um Spenden für Orazio Giamblanco, seine Lebensgefährtin Angelica Berdes und deren Tochter Efthimia.Die dunklen, stählernen Jogging-Hometrainer stehen in einer [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>1996 schlug ein Skinhead den Italiener Orazio Giamblanco beinahe tot. Das schwer behinderte Opfer quält sich von Jahr zu Jahr mehr durchs Leben. Wie jedes Jahr bitten der Tagesspiegel und der Potsdamer Verein Opferperspektive auch jetzt um Spenden für Orazio Giamblanco, seine Lebensgefährtin Angelica Berdes und deren Tochter Efthimia.Die dunklen, stählernen Jogging-Hometrainer stehen in einer Linie, als seien die Geräte zur Parade angetreten. Frauen und Männer hasten, es wird gekeucht und gehechelt. Die meisten sind ganz schön schnell, auf Köpfen und Armen glänzt ein Schweißfilm. Wahrscheinlich sehen die Dauerrenner gar nicht, was um sie herum passiert. Es geht um individuelle Leistung, um Ausdauer, um gesteigerte Fitness. Um all das geht es dem alten Mann, der auf dem Gummiboden vor den Apparaten entlangzuckelt, allerdings auch. Er nimmt vermutlich ebenso wenig die Jogger wahr, die da leicht erhöht laufen. Der Mann interessiert sich aber nicht für deren Fitnessapparate. Sein Trainingsgerät sieht anders aus. Mit einem Rollator ruckelt der Mann an der Parade vorbei. Sein linkes Bein steckt in einer Stahlschiene. Das rechte Bein zuckt voran, dann schleift das linke hinterher. Die Hände umklammern die Griffe des Rollators, die hinteren Räder sind mit Bremsen blockiert. Wären sie gelöst, hätte der Mann an dem Rollator zu wenig Halt. Das Gerät könnte ausbrechen, der Mann würde stürzen. Und käme von alleine nicht wieder hoch.</p>
<p>Jeder kämpft seinen Kampf in der Halle von „Fitness First“ in Bielefeld. Die Jogger und der alte Mann. Sie verbindet mehr, als der Anblick vermuten lässt, der Kontrast zwischen einem krummen, alten Körper mit stahlgeschientem Bein und den sportlichen Leibern. Da ist ein ähnlicher Wille zur Selbstüberwindung, die Hingabe bis zur Erschöpfung. Vielleicht ist der Mann sogar den Joggern mental überlegen. Denn er kämpft nicht, weil er Lust dazu hat. Er ringt mit sich selbst, um überhaupt laufen zu können.</p>
<p>Vor mehr als 16 Jahren traf ein Baseballschläger Orazio Giamblanco am Kopf. Der Italiener ist seit dem Angriff eines rechtsextremen Skinheads in der Kleinstadt Trebbin, südlich von Berlin, schwer behindert. Der Kahlkopf und »Kameraden« hatten aus rassistischem Hass Italiener gejagt, die wie Giamblanco auf einer örtlichen Baustelle arbeiteten. Giamblanco ar erst kurz vor dem Überfall nach Trebbin gekommen, aus Bielefeld, wo er eine Pizzeria betrieben hatte, die er aufgeben musste. Und auf den finanziellen Ruin folgte der Schlag mit der Baseballkeule.</p>
<p>Giamblanco, heute 71 Jahre alt, lebt wieder in Bielefeld, zusammen mit seiner griechischen Lebensgefährtin Angelica Berdes und deren Tochter Efthimia. Er ist in seinem lädierten Körper und seiner nicht minder ramponierten Seele eingequetscht wie ein Autofahrer, der nach einem Unfall in einem demolierten Wagen steckt. Spastische Lähmung, Sprachstörungen, Depressionen und ein Magen, der mehr denn je streikt. Weil er im Körper von Orazio Giamblanco, der viel Zeit im Rollstuhl sitzt, eingeengt und zu wenig bewegt wird.</p>
<p>Die Probleme mit dem Magen und der Verdauung schwächen den Italiener. Umso häufiger fehlt ihm die Kraft, aus dem Rollstuhl aufzusteigen und mit dem Rollator kleine Schritte zu üben. So wird Giamblancos Magen noch öfter im Rollstuhl eingedrückt. Ein Teufelskreislauf. Giamblanco hat in diesem Jahr sichtbar abgenommen. Und doch schafft er es an diesem Tag bei Fitness First, als der Besucher aus Berlin zuschaut, an der Home- Trainer-Parade vorbeizuziehen. Für die 30 Meter bis zum stählernen Seilzuggerät braucht er eine halbe Stunde. An dem Apparat zieht Giamblanco dann einen Bügel herunter, an dem Gewichte hängen. An drei, vier Tagen pro Woche kommt Giamblanco für gymnastische Übungen in die Halle. Ein Sport- und Gesundheitstrainer, bullig, freundlich, Ex-Fallschirmjäger, hilft und ermuntert.</p>
<p>Die Geschichte von Orazio Giamblanco ist im Tagesspiegel auch eine Art Dauerlauf. Ein halbes Jahr nachdem am 30. September 1996 der Skinhead Jan W. den italienischen Hilfsbauarbeiter fast totgeschlagen hatte, besuchte die Zeitung Giamblanco das erste Mal. Er lag in einer neurologischen Spezialklinik im niedersächsischen Coppenbrügge. Zunächst lange reglos und wortlos. Seit dem April 1997 wird Giamblancos Geschichte jedes Jahr weitergeschrieben, als Langzeitstudie über das Schicksal eines Opfers rechtsextremer Gewalt – in den Jahren nach den Schlagzeilen zur Tat, wenn die Öffentlichkeit den Fall längst vergessen hat. Giamblanco ist eines von mutmaßlich mehr als 10 000 Opfern, die seit der Wiedervereinigung von Neonazis und anderen Rassisten attackiert wurden. Mindestens 148 Menschen haben die Gewaltexzesse, ob auf der Straße oder bei den heimtückischen Anschlägen der Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund«, nicht überlebt. Die Bundesregierung spricht, gestützt auf Zahlen der Polizei, von lediglich 63 Toten.</p>
<p>Orazio Giamblanco lebt. Das heißt: Er quält sich durchs Leben. »Jedes Jahr war schlimm«, sagt Efthimia Berdes, als Giamblanco vom Fahrdienst des Roten Kreuzes zu seiner Wohnung zurückgebracht worden ist. Aber dieses Jahr, sagt die 38-jährige, weiterhin ledige Frau, sei das schlimmste.</p>
<p>Kurz nach Ostern waren die drei noch auf Sizilien gewesen, von hier kam Giamblanco 1961 nach Deutschland. Die Reise konnten er und die beiden<br />
Frauen sich leisten, da viele Leserinnen und Leser des Tagesspiegels gespendet hatten, wie immer nach der jährlichen Reportage. »Sicilia war gut«, sagt Giamblanco mit seiner leisen, oft nur schwer zu verstehenden Stimme. Die mediterrane Heimat, die Wärme, die Scherze mit den Taxifahrern, das Essen – das hat ihm gutgetan, den Frauen auch. »Orazio kam lustig aus dem Hotel, die Taxifahrer grüßten ihn, ich habe mich gefreut«, sagt Angelica Berdes. Die kleine, zierliche Griechin, Anfang 60, pflegt Giamblanco seit dem »Unfall«, wie sie den rechtsextremen Angriff nennt. Berdes gab damals ihren Job auf, um den behinderten Mann zu betreuen, rund um die Uhr. Auch mit Hilfe von Tochter Efthmia ist die Fürsorge schwere Arbeit.</p>
<p>»Ich hebe Orazio seit 16 Jahren aus dem Bett und bringe ihn zur Toilette«, sagt Angelica Berdes, »auch nachts, manchmal viermal«. Das ist nur ein Ausschnitt vom Alltag. Die Frau ist geschafft, überlastet, vor zwei Jahren war eine Leistenoperation nötig. Sie leidet unter Bluthochdruck, sie hat Depressionen, Rückenschmerzen, sie geht regelmäßig zum Psychiater. »Aber jetzt«, sagt Berdes, »ist es noch schlimmer geworden«.</p>
<p>Nach der Rückkehr aus Sizilien verschärften sich Giamblancos Probleme mit Magen und Verdauung, unter denen Giamblanco seit dem Überfall sowieso schon litt. Vielleicht hat er diesmal den Abschied von Sizilien schwerer verkraftet als sonst. »Immer mehr Probleme mit dem Essen und mit der Toilette«, sagt Angelica Berdes. »Er kann kein Fleisch mehr essen, ich mache nur noch Brokkoli- Suppe und Spaghetti«. Im Sommer war selbst das zu viel. » Wir sind ins Krankenhaus rein, wir sind aus dem Krankenhaus raus, wir sind wieder rein«, sagt Angelica Berdes. Neben ihr sitzt Giamblanco und schweigt. Dann hebt er den Kopf, »ich habe oft Appetit, aber geht nicht«. Er habe ungefähr zehn Kilo abgenommen. Man sieht es ihm an. Der Bauch ist kleiner als im letzten Jahr. Und die Gesichtszüge wirken noch starrer.</p>
<p>Giamblanco und die beiden Frauen hadern mit dem Schicksal, dass sich nicht mehr wenden lässt und dem sie immer weniger gewachsen sind. Und so hadern sie auch mit ihrem Hausarzt, der keinen Fortschritt herbeizaubern kann und nicht jedes Medikament verschreiben will. Sie hadern mit den Leuten vom Roten Kreuz, die sauer sind, wenn ihr Fahrdienst umsonst zu<br />
Giamblanco kommt, der aber die Toilette nicht verlassen kann und die Gymnastik bei Fitness First ausfallen lassen muss. Und sie haben sich mit ihrem früheren Physiotherapeuten zerstritten, obwohl er Giamblanco so weit anspornte, dass ein paar wacklige Schritte ohne Krücken möglich waren.</p>
<p>In ihrer Verzweiflung streiten sich Orazio Giamblanco und die beiden Frauen auch untereinander mehr als früher. Obwohl sie so stark zusammenhalten, wie das heute wohl eher selten ist. Aber die Kräfte lassen nach, auch psychisch. »Langsam sagt man, man kämpft umsonst«, Efthimia bricht den Satz ab.</p>
<p>Einer, der gesund ist und stark, der aber auch hadert, ist der Täter, der Schläger von 1996. Jan W. wurde für die Tat vom Landgericht Potsdam zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis sagte er sich von der rechten Szene los. Er ist längst wieder draußen, er ist als Ein- Mann-Baufirma tätig. Jan W., mit 38 Jahren so alt wie Efthmia, kommt so einigermaßen zurecht. Aber die Tat belastet ihn weiter, auch wenn er ein bisschen Seelenfrieden zurückgewann, als Giamblanco und die Frauen seine Entschuldigung akzeptieren, die er 2006 in zwei langen Briefen formuliert hatte.</p>
<p>Am Jahrestag der Tat, sagt Jan W., »bin ich wie jedes Mal zu meinem kleinen See gefahren und hab’ meine Emotionen rausgelassen“, er zögert. »Ich schrei’ alles raus«. Spaziergänger hätten komisch geguckt. Er hoffe, sagt Jan W., »dass es Herrn Giamblanco, Frau Berdes und ihrer Tochter ein bisschen besser geht«.</p>
<p>Über Tat und Täter wollen Giamblanco und die Frauen nicht mehr viel sagen. Sie hoffe, dass Jan W. »wirklich kapiert hat, dass er das Leben von drei Leuten zerstört hat«, sagt Efthimia. Und dann erzählt ihre Mutter eine Geschichte, die unfassbar erscheint. Vor einem Monat wäre Giamblanco beinahe wieder Opfer einer Gewalttat geworden. Er fuhr mit seinem Elektrorollstuhl zum Markt, »ich war etwas dahinter«, sagt Angelica Berdes. Auf einer Bank hätten zwei Männer gesessen und getrunken. Einer habe ausgeholt und eine Weinflasche nach Orazio geworfen. Sie flog knapp am Kopf, den vor 16 Jahren beinahe eine Baseballkeule zertrümmert hätte, vorbei. »Die Flasche fiel auf den Boden, der Rollstuhl ist über die Splitter und ein Reifen war platt«, Angelica Berdes klingt auch jetzt noch verstört. »Wie kann das sein, dass man eine Flasche auf einen Mann schmeißt, der im Rollstuhl sitzt?« Sie seien sofort umgekehrt, mit dem kaputten Reifen sei Orazio langsam zur Wohnung zurückgefahren. Auf einen Anruf bei der Polizei habe sie verzichtet, sagte Berdes, »die Männer von der Bank waren bestimmt schon weg«, sie hatte auch keine Kraft dazu. Aber sie meiden den Platz jetzt. »Ich geh’ da nicht mehr hin«, sagt Giamblanco.</p>
<p>Was bleibt einem da noch, wenn selbst das beschauliche Bielefeld einen hässlichen Flecken bekommt? Es sind kleine Gesten, die vom Elend ablenken. Da ist die 92 Jahre alte, aber vitale Nachbarin, die öfter vorbeischaut und gerne mal einen selbst gebackenen Apfelkuchen mitbringt. Und dann ist da der immerwährende Traum, der einen Namen hat. »Möchte wieder nach Sicilia«, sagt Orazio Giamblanco. Er lächelt kurz. Nächstes Jahr will er wieder hin. Die Frauen auch. »Vielleicht geht es da mit seinem Magen wieder besser«, sagt Angelica Berdes. »Das wäre gut für uns drei.«</p>
<p>Einzahlen können Leserinnen und Leser auf das Konto des Vereins. Die Daten lauten: Opferperspektive e.V., Stichwort Orazio, Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer 381 31 00, Bankleitzahl 100 20 500. Für Quittungen bitte die eigene Anschrift auf der Überweisung nennen.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/mit-letzter-kraft-2">Mit letzter Kraft</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>»Ich konnte mir das nicht vorstellen«</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/ich-konnte-mir-das-nicht-vorstellen</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Angriff]]></category>
		<category><![CDATA[Der Tagesspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Skinhead]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesspiegel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Kommunalpolitiker aus Trebbin besuchen Orazio Giamblanco, den ein Rechtsextremist vor 13 Jahren in der Stadt beinahe totschlug.</p>
<p><em>Von Frank Jansen, erschienen im Tagesspiegel am 14.12.2009</em></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Städtchen hat eine lange Geschichte, mit Raubrittern, Pest, Kriegen, Wirtschaftsblüten, Sozialismus und heute immerhin vier Gewerbeparks. Das steht auf der Homepage Trebbins, mit 9.000 Einwohnern eine Größe im dünn besiedelten Kreis Teltow-Fläming. Man muss allerdings suchen, um einen Hinweis zu finden auf das, was hier am 30. September 1996 geschah. »Gegen das Vergessen« steht über einer Meldung, die vor einem Jahr auf der Website erschien. Der Text beginnt mit den Worten: »Es ist zwölf Jahre her.« So lange hat es gedauert, bis sich die Stadt wieder an die Angriffe rechtsextremer Skinheads auf italienische Bauarbeiter erinnerte. Und dann zur Kenntnis nahm, wie es dem damals lebensgefährlich verletzten Orazio Giamblanco geht. Er sei »seither schwerbehindert und kämpft noch immer gegen die Schmerzen«.</p>
<p>Das Zentrum für Physiotherapie in Bielefeld. Orazio Giamblanco sitzt an einem Seilzuggerät, alle zehn Finger umklammern den Handgriff. Am anderen Ende des Seils hängen Gewichte, Giamblanco versucht es mit 15 Kilo. Er zieht den Griff zu sich, zurück, nach vorn, zurück. Der 68 Jahre alte Italiener schließt die Augen und zieht weiter. Vor ihm sitzt der Therapeut und legt seine rechte Hand auf Giamblancos linkes Bein, das in einer Stahlschiene steckt. »Er ist ein angenehmer Patient«, sagt Michael Kluth, der dreimal die Woche mit Giamblanco an den Geräten arbeitet, »nur etwas ungeduldig«. Hinter Giamblanco stehen eine Frau und zwei Männer. Die Frau schluckt, »vielen Dank, dass Sie sich um Orazio kümmern«. Ina Schulze, Vize-Bürgermeisterin Trebbins, sieht Giamblanco das erste Mal. So wie Peter Blohm, Vorsitzender des Stadtparlaments, und der junge Stadtverordnete Hendrik Bartl. Die drei sind erschüttert. »Ich konnte mir das nicht vorstellen«, sagt Blohm.</p>
<p>Trebbin blickt in ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte: An jenem Abend im September 1996 schlug der Skinhead Jan W. eine Baseballkeule gegen Giamblancos Kopf. Jan W. und ein Kumpan jagten Italiener, die in Trebbin auf einer Baustelle arbeiteten. Der aus Bielefeld angereiste Giamblanco war erst wenige Tage da, als ihn die Keule traf. Mit zwei Notoperationen wurde er gerettet. Doch Giamblanco leidet unter spastischer Lähmung, sein Hirn ist geschädigt, das Sprechen fällt schwer, Depressionen und Schmerzen quälen. Seit 1997 beschreibt der Tagesspiegel jedes Jahr Giamblancos Zustand, den seiner griechischen Lebensgefährtin Angelica Berdes und ihrer Tochter Efthimia. Über den Kampf mit der Behinderung und über den mit Behörden, für die ein Opfer rechter Gewalt oft nur eine Aktennummer ist, die nicht zu viel Arbeit verursachen sollte.</p>
<p>Ende 2008 kam eine Reaktion aus dem Rathaus Trebbin. Es war Hendrik Bartl, der die Kommunalpolitik aufgerüttelt hatte. Vielleicht konnte das nur jemand wie dieser unbeschwerte Jurastudent, damals 19 Jahre alt und im September 2008 als parteiloser Einzelkandidat ins Stadtparlament eingezogen. Bartl hatte im Tagesspiegel über Giamblanco gelesen und konfrontierte das Stadtparlament mit dem Fall: »Die waren erschrocken, dass das schon vergessen war«, sagte er kurz vor Silvester 2008. Er wollte, dass Trebbin die Verantwortung für Giamblanco erkennt, der hier beinahe sein Leben verlor.</p>
<p>Bartl fand Mitstreiter, die Stadt richtete ein Spendenkonto für Giamblanco ein. Im Januar trat bei einem gut besuchten Benefizkonzert in der »Kulturscheune« im Ortsteil Thyrow der US-Rockmusiker Tony Carey auf. Trebbins Bürgermeister Thomas Berger (CDU) erinnerte das Publikum an die Empörung, die der rechtsextreme Überfall damals ausgelöst hatte, »und auch heute diskutieren wir wieder über die Vorkommnisse«. Trebbin müsse zeigen, »dass wir den festen Willen und die Kraft haben, dass so etwas in unserer Stadt nie wieder passieren kann«.</p>
<p>Nach der Rede sagte Berger, er möchte einmal mitkommen nach Bielefeld, um Giamblanco und die beiden Frauen zu treffen. Bartl war sowieso dafür. Bei Berger klappte es dann nicht, doch Bartl, Schulze und Blohm haben sich vergangenen Montag in den Zug gesetzt.</p>
<p>Giamblanco zieht weiter an dem Handgriff des Seilzuggeräts, er öffnet die Augen und lächelt. Die Besucher sollen sehen, was er kann, dass er sich nicht aufgibt. Ina Schulze lobt, »das ist eine stolze Leistung« und beugt sich zu Giamblanco, »doll k.o.?« Er schüttelt den Kopf, »ist gut so, bisschen Bewegung«. Dass sich sein Zustand verschlechtert hat, sagt er nicht, die Worte kämen ihm dann noch schwerer über die Lippen. »Seine rechte Schulter schmerzt«, sagt Therapeut Kluth. Seit drei Wochen kann Giamblanco nicht mehr an Krücken gehen, es bleiben nur noch Rollator und Rollstuhl. Mit 68 Jahren lassen die Kräfte nach. Und der Ärger, den Giamblanco dieses Jahr hatte, hinterließ Spuren in Psyche und Körper.</p>
<p>Die Probleme mit der Scheidung von seiner sizilianischen Ehefrau spitzten sich im Frühjahr zu, dann endlich war die Trennung gerichtsfest. Orazio habe viel geweint und noch schlechter geschlafen, sagt Angelica Berdes, seine zerbrechlich wirkende Lebensgefährtin. Die heute 58 Jahre alte Frau hatte nach dem »Unfall«, wie sie den Angriff des Skinheads mit einem weniger grausamen Wort benennt, ihre Arbeit aufgegeben, um Giamblanco zu pflegen. Berdes hebt ihn morgens aus dem Bett, sie hilft ihm im Bad, sie fährt mit zur Krankengymnastik, sie tröstet ihn nachts, wenn er damit hadert, dass sein Leben ruiniert ist. Sie selbst geht zum Psychiater, leidet unter Depressionen, Bluthochdruck und Rückenschmerzen. »Vor dem Unfall wollte Orazio mit meinem Bruder in Griechenland ein Haus bauen«, sagt Berdes, »das haben wir nicht geschafft«.</p>
<p>Ihrer Tochter Efthimia, 35 Jahre alt, geht es kaum besser. Sie verlor ihre Lehrstelle als Friseurin, als sie nach der Gewalttat manchmal fehlte, um ihre Mutter bei Giamblancos Pflege zu unterstützen. Inzwischen arbeitet sie in einer Schokoladenfabrik, in der Freizeit hilft sie der Mutter und Giamblanco. »Ich würde gerne eine Familie gründen«, sagt sie, »aber kein Mann akzeptiert, dass ich meine Mutter und Orazio nicht im Stich lassen kann«.</p>
<p>Als Giamblanco und die Frauen im Sommer nervlich am Ende waren, unternahmen sie einen Ausbruch: Im August flogen sie für drei Wochen nach Sizilien, zu einem Bruder Giamblancos. Da wurde eine Hochzeit gefeiert und die mediterrane Wärme tat gut. »Das war schön«, sagt Giamblanco und zeigt ein Foto, auf dem er im Rollstuhl vor einer Kirche sitzt, neben ihm steht die junge Braut. Die Reise konnten sich die drei dank der Spenden vieler Tagesspiegel-Leser leisten: Im vergangenen Winter waren mehr als 11.000 Euro eingegangen. Außerdem hatte im Frühjahr die »Neue Westfälische« in Bielefeld über Giamblanco berichtet, wonach auch dort Leser sammelten.</p>
<p>Die Besucher aus Trebbin haben ebenfalls Geld mitgebracht. Auf dem Spendenkonto der Stadt gingen 3.015 Euro ein. Ina Schulze gibt Giamblanco die Scheine, »viele Trebbiner haben für Sie gespendet«, sie umarmt ihn. Giamblanco ist glücklich. Dann überlegt er, ob Ostern 2010 wieder eine Reise nach Sizilien möglich wäre. Spenden fließen jedenfalls weiter: Im November brachte der Ehrenpräsident des Berliner Fußball Verbandes, Otto Höhne, mit drei Freunden einen Scheck über 2.500 Euro zum Tagesspiegel. Das Geld war beim »Otto-Höhne-Cup«, einem Golfturnier, gesammelt worden.</p>
<p>Giamblanco freut sich über die Anteilnahme der vielen Spender. Einer war in diesem Jahr der Täter vom September 1996. Jan W. kam mit seiner Mutter im Januar zum Benefizkonzert in Trebbin und zahlte Eintritt, der in die Spende der Stadt einfloss. Die Leute im Publikum, die den Ex-Skinhead und seine Mutter kannten, reagierten gelassen. Der 35-jährige W. hat sich längst von der rechten Szene gelöst und führt ein unauffälliges Leben als selbstständiger Bauarbeiter. Das Landgericht Potsdam hatte W. 1997 zu 15 Jahren Haft verurteilt – als er bereute und Mittäter nannte, kam er auf Bewährung frei. Vor drei Jahren entschuldigte er sich in Briefen an Giamblanco und die Frauen für die Tat. Alle drei haben ihm verziehen.</p>
<p>»Ich denke immer noch darüber nach, was man verbrochen hat«, sagt Jan W. Am Jahrestag der Tat fuhr er abends an einen See, »da habe ich Tränen gelassen, das ist alles schmerzhaft«. Giamblanco sagt, am 30. September »war ich nicht traurig. Was passiert ist, ist passiert«. Er habe keine Wut auf den Täter, »aber ich vergesse nie. Wenn schlechte Tage sind, denke ich daran«. Doch dieser Tag, an dem ihn die Trebbiner besuchen, »ist gut für mich«.</p>
<p>Am Mittwoch haben Bartl, Schulze und Blohm der Stadtverordnetenversammlung berichtet, wie es in Bielefeld war. »Vor allem, dass wir herzlich von Herrn Giamblanco aufgenommen wurden«, sagt Schulze später, »ich hatte ja ein bisschen Angst, wir seien da nicht willkommen, nach dem was in Trebbin passiert ist«. Das Stadtparlament habe sich dafür ausgesprochen, »das Spendenkonto weiterlaufen zu lassen«, sagt Schulze. »Wir wollen das Thema nicht mehr in Vergessenheit geraten lassen, wie es jahrelang leider war«.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/ich-konnte-mir-das-nicht-vorstellen">»Ich konnte mir das nicht vorstellen«</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Jede Stufe kostet Kraft</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/jede-stufe-kostet-kraft</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Dec 2008 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Der Tagesspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Skinhead]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesspiegel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zwölf Jahre nach dem Angriff eines Rechtsextremen kämpft der schwerbehinderte Orazio Giamblanco immer noch gegen die Schmerzen – und gegen das Alter. Orazio Giamblanco braucht zehn Minuten für 16 Stufen und auch dafür die Hilfe der Therapeutin. Dennoch will er zum nächsten Osterfest noch einmal nach Sizilien fahren – in seine Heimat.</p>
<p><em>Von Frank Jansen, erschienen im Tagesspiegel am 14.12.2008</em></p>
<p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/jede-stufe-kostet-kraft">Jede Stufe kostet Kraft</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Treppe führt in leichtem Linksschwung nach oben. In der Mitte steht ein kleiner, etwas übergewichtiger Mann in orthopädischen Stiefeln. Er atmet schwer und stützt sich mit der linken Hand auf eine Krücke, die Finger rechts umklammern das Geländer. »Orazio, jetzt den rechten Fuß hoch«, sagt eine junge Frau. Als sich der Mann nicht rührt, hebt sie seinen Fuß und schiebt ihn auf die nächste Stufe. »Wir schaffen das«, sagt die Frau. Der Mann zieht die Krücke nach, er zögert, dann hebt er den linken Fuß eine Stufe höher. So geht das weiter, Stufe für Stufe, insgesamt sind es 16 zwischen den zwei Etagen des Zentrums für Physiotherapie in Bielefeld. Der Mann braucht zehn Minuten, bis er oben ist, schwitzend, mit starrem Blick und rotem Kopf. »Heute geht’s gut«, sagt die Frau, »manchmal dauert es doppelt so lange«.</p>
<p>Man könnte die Treppe als Sinnbild der Zustände sehen, die der seit zwölf Jahren schwer behinderte Orazio Giamblanco durchlebt. Eine Zeitlang ging es ein wenig aufwärts, da war er Ende 50, doch inzwischen lassen Giamblancos Kräfte nach. Er ist jetzt 67 Jahre alt, es geht langsam, aber stetig abwärts. Trotzdem gibt er sich nicht auf. Dank der Hilfe zweier Frauen, seiner griechischen Lebensgefährtin Angelica Berdes und ihrer Tochter Efthimia, mit denen Giamblanco in Bielefeld lebt. Jetzt auf der Treppe sind es die Hände von Aleksandra Balcerzewicz, der jungen, aus Polen stammenden Therapeutin mit dem charmanten Lächeln, das einen Mann, erst recht einen Sizilianer wie Giamblanco, animiert.</p>
<p>Und doch bleibt es ein Elend. Am 30. September 1996 schlug in der Kleinstadt Trebbin (Landkreis Teltow-Fläming) der rechtsextreme Skinhead Jan W. seine Baseballkeule gegen den Kopf des damaligen Bauarbeiters Giamblanco. Man sieht keine Narbe, das straff gekämmte, silbergraue Haar wächst darüber. Aber der Baseballschläger hämmert unablässig in Giamblancos Leben, das nie wieder so sein kann wie vor jenem Abend im Spätsommer 1996. Der Italiener leidet unter spastischer Lähmung, das Hirn ist geschädigt, er kann nur mühsam sprechen, ihn quälen Depressionen. Er sieht zu, wie auf der Treppe Männer und Frauen leichtfüßig, in wenigen Sekunden, an ihm vorbei die 16 Stufen hoch und wieder runter laufen. Für Giamblanco ist Hinabgehen noch anstrengender als der Aufstieg. Obwohl Aleksandra Balcerzewicz ihn hautnah begleitet, rutscht er beim Abstieg plötzlich aus und hängt halb im Geländer. Oben bleibt eine Frau stehen und winkt höflich ab, »ich geh’ später runter«.</p>
<p>Im April 1997 hat der Tagesspiegel Giamblancio das erste Mal besucht. Er lag im niedersächsischen Coppenbrügge in einer neurologischen Klinik, nahezu reglos, ohne Lebensmut. Er war dem Tod nur knapp entkommen. Was von seinem Leben übrigblieb, und dem von Angelica und Efthimia Berdes, beschreibt der Tagesspiegel Jahr für Jahr. Als exemplarischen Fall rechtsextremer Gewalt und der lebenslangen Folgen für die Opfer und ihre Angehörigen.</p>
<p>Die Zahl der Menschen in Deutschland, die seit der Wiedervereinigung von Rechtsextremisten misshandelt wurden, kann man nur schätzen: Allein in diesem Jahr waren es bis September mehr als 600. Das ergibt sich aus den Antworten der Bundesregierung auf die monatlichen Anfragen von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und ihrer Linksfraktion zum Stand rechtsextremer Kriminalität. Es ist zu vermuten, dass seit der Wiedervereinigung tausende Männer und Frauen von Rechtsextremisten verletzt wurden, ein Teil sehr schwer. So wie Orazio Giamblanco.</p>
<p>Seine Lebensgefährtin Angelica Berdes hat damals ihre Arbeit aufgegeben, um ihn zu pflegen. Die zierliche 56-Jährige kümmert sich mit enormer Energie um Giamblanco, vom morgendlichen Gang zur Toilette über die Begleitung zur Krankengymnastik bis zur Nacht-Unruhe. »Orazio hat häufig Schmerzen«, sagt sie, »jetzt immer stärker im Rücken«. Giamblanco belastet beim Gehen das rechte Bein mehr als das linke, in dem die Lähmung stärker ist und das von einer Stützschiene gehalten wird. Der jahrelange schiefe Gang strahlt in den Rücken aus, gerade dann, wenn Giamblanco im Bett liegt. »Er schläft immer schlechter«, sagt Berdes. Wenn er nachts stöhnt, holt sie eine Salbe und reibt ihm den Rücken ein.</p>
<p>Die Frau wirkt stark – und ist doch so erschöpft, dass sie selbst Pflege benötigt. Sie lässt sich psychiatrisch behandeln. »Und immer Probleme mit dem Blutdruck«, sagt Angelica Berdes. Ohne ihre Tochter Efthimia hätte sie kaum die Kraft, die Pflege von Orazio durchzuhalten.</p>
<p>Die 34 Jahre alte Efthimia Berdes hilft, so oft es ihr Schicht-Job in einer Schokoladenfabrik zulässt. Die Griechin musste nach dem »Unfall«, wie alle drei die Gewalttat nennen, ihre Lehre in einem Friseursalon abbrechen. Der Chef hatte kein Verständnis für Fehlzeiten, die angesichts der Pflege für Giamblanco kaum zu vermeiden waren. Ihre Freundschaften mit jungen Männern halten nicht lange, weil denen Verständnis für die freizeitraubende Hilfe fehlt, die ein Schwerbehinderter braucht. »Mein letzter Freund wollte, dass ich zu ihm nach Herford ziehe«, sagt Efthimia Berdes, »aber das geht doch nicht. Ich will meine Mutter und Orazio nicht alleine lassen.« Efthimia Berdes lebt in einer Wohnung neben Giamblanco und der Mutter. Die Miete ist für die junge Frau eigentlich zu hoch, »aber ich kann sofort helfen, wenn was ist«.</p>
<p>Die drei sind dankbar für die jährlichen Spenden der Tagesspiegel-Leser, ohne die Efthimia Berdes vermutlich ihre Wohnung hätte aufgeben müssen. Ohne das zusätzliche Geld wäre auch der sporadische Osterurlaub im Süden, meist bei einem Bruder Giamblancos auf Teneriffa, kaum zu finanzieren. Die Wärme tut Giamblancos Körper gut. Aber zu viel darf es auch nicht sein. Im Sommer sind keine Ferien mehr am Mittelmeer möglich, die Hitze verträgt Giamblanco nicht. Die nächste Osterreise, hofft er, geht noch einmal in seine Heimat Sizilien.</p>
<p>Neben den stärker werdenden Rückenschmerzen und der zunehmenden Schlaflosigkeit belastet ihn auch die schon lange schwelende Auseinandersetzung mit dem Versorgungsamt Cottbus. Die Behörde ist für Giamblanco zuständig, weil der Überfall in Brandenburg geschah. Im Januar 2007 schickte das Amt einen Bescheid, wonach der »Berufsschadensausgleich« für Giamblanco gesunken ist: »aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung«. Er wurde aufgefordert, eine bereits geleistete »Überzahlung« von 2100 Euro rückzuerstatten. »Wir waren geschockt«, sagt Angelica Berdes. Der Anwalt der drei legte Widerspruch ein. Das Versorgungsamt bleibt stur.</p>
<p>Im Amt ist eine Frau Wüstehube zuständig. Einen Fehler habe ihre Behörde nicht gemacht, sagt sie dem Tagesspiegel und berichtet von einem Rechner, »der nicht alle Zugangsdaten« gehabt habe, weshalb der Berufsschadensausgleich für Giamblanco nach Erreichen des 65. Lebensjahres »manuell« neu habe errechnet werden müssen. Also doch ein Fehler? »Nein«, sagt Wüstehube, gibt dann aber zu: »Wir haben die Bearbeitung nicht zentral zu dem Ereignis gemacht.« Dann warnt sie: »Je länger die Rückzahlung dauert, desto größer ist die Gefahr, dass Stundungszinsen anfallen.« Erlassen werde nichts.</p>
<p>Mehr Mitgefühl mit Giamblanco hat ein anderer: der Täter. »Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass es ihm besser geht«, sagt Jan W., »und den beiden Frauen auch«. Der 34-Jährige, als Selbstständiger auf Baustellen tätig, hatte sich im Gefängnis von der rechtsextremen Szene gelöst. Zeit zum Nachdenken gab es reichlich, das Landgericht Potsdam hatte W. 1997 zu 15 Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. Als er nachweislich bereute, kam W. frei, inzwischen ist auch die Bewährungsfrist abgelaufen. 2006 entschuldigte er sich in zwei Briefen bei Giamblanco und den Frauen – alle drei haben ihm verziehen. »Das war für mich eine große Beruhigung“, sagt Jan W., »aber ich denke immer noch darüber nach, was ich getan habe«.</p>
<p>Orazio Giamblanco hat die letzte Stufe geschafft. Gebeugt, auf die Krücken gestützt, steht er unten vor der Treppe im Zentrum für Physiotherapie. Ansprechbar ist er jetzt nicht. Als er sich ein wenig erholt hat, stöhnt er,<br />
»ich werde alt, es kommt immer schlechter«. Dann sackt er in seinen Rollstuhl. Der Fahrdienst vom Roten Kreuz bringt den erschöpften Mann nach Hause.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/jede-stufe-kostet-kraft">Jede Stufe kostet Kraft</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Statistikstreit. Regierung zählt nur 40 Tote durch rechte Gewalt</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/statistikstreit-regierung-zaehlt-nur-40-tote-durch-rechte-gewalt</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2008 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Koordinator der Beratungsstellen]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Skinhead]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Todesopfer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jeder einzelne Fall ist einer zu viel, doch wie viele Todesopfer politisch rechts motivierter Gewalt gibt es seit der Wiedervereinigung? Der Streit um die Statistik dauert an.<br />
<em><strong>Von Frank Jansen</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/statistikstreit-regierung-zaehlt-nur-40-tote-durch-rechte-gewalt">Statistikstreit. Regierung zählt nur 40 Tote durch rechte Gewalt</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Berlin &#8211; Die Zahl ist schon schlimm genug, dennoch erscheint fraglich, ob sie der Realität entspricht: Von der Wiedervereinigung bis Ende 2007 haben die Polizeien der Länder dem Bundeskriminalamt »insgesamt 40 Todesopfer politisch rechts motivierter Gewalt gemeldet«, wie das Bundesinnenministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und ihrer Linksfraktion berichtet. Das vom Parlamentarischen Staatssekretär Peter Altmaier unterzeichnete Schreiben liegt dem Tagesspiegel vor. Die Antwort weckt allerdings Zweifel. Das BKA hatte vor drei Jahren eine etwas höhere Zahl genannt. Damals waren es 41 Todesopfer rechter Gewalt. Außerdem ergaben schon 2003 gemeinsame Recherchen des Tagesspiegels und der »Frankfurter Rundschau«, dass seit Oktober 1990 rechts motivierte Täter mindestens 99 Menschen getötet haben.</p>
<p>Es gebe einen »eklatanten und zunehmenden Widerspruch« zwischen den Zahlen, die Journalisten und Initiativen ermittelt haben, und den Zahlen des Bundesinnenministeriums, sagte Pau am Mittwoch. Außerdem sei »auf wundersame Weise« aus der amtlichen Statistik ein Tötungsdelikt verschwunden, das 2005 noch registriert war. Dass die Bundesländer lediglich 40 Tote melden, sei »vollkommen unverständlich«, sagte Dominique John, Mitarbeiter des Potsdamer Vereins Opferperspektive und ehemaliger Koordinator der Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt in Berlin und den neuen Ländern. Die Zahl mache ihn »sprachlos«. Er schätze, dass seit Oktober 1990 »deutlich mehr als 120 Menschen“ bei Angriffen rechts motivierter Täter ums Leben gekommen sind. Und John ist sich mit Pau einig: Um die Realität zu dokumentieren, sei eine »unabhängige Beobachtungsstelle« notwendig, die sich mit Rechtsextremismus bis hin zur einschlägigen Kriminalität befasst.</p>
<p>Welches Tötungsverbrechen aus der Statistik herausgefallen ist, war am Mittwoch offiziell nicht zu erfahren. Vermutlich handelt es sich um den Fall des im März 2005 in Dortmund von einem Skinhead erstochenen Punks. Das Landgericht hatte im November 2005 im Urteil gegen den Täter einen politischen Hintergrund des Angriffs verneint.</p>
<p>Die Linksfraktion hatte in ihrer Anfrage auch vier Tötungsverbrechen aus diesem Jahr erwähnt. Es ging um zwei Fälle in Sachsen-Anhalt und je eine Tat in Berlin und Brandenburg. Bei den Beschuldigten gibt es Indizien für eine rechtsextreme oder, im Berliner Fall, zumindest rassistische Gesinnung. Die vier Taten haben die Landeskriminalämter nicht als rechts motiviert gemeldet. Die strafrechtlichen Verfahren sind noch im Gange.</p>
<p>Das Bundesinnenministerium verweist bei Kritik an den gemeldeten Zahlen zu Todesopfern rechter Gewalt an die Länder. Dort liege die »Bewertungshoheit«, sagte Altmeier im September im Bundestag auf eine Frage von Pau.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/statistikstreit-regierung-zaehlt-nur-40-tote-durch-rechte-gewalt">Statistikstreit. Regierung zählt nur 40 Tote durch rechte Gewalt</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Monitoring Right-Wing Violence – Definitions and Assessment Criteria</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/archiv/monitoring-right-wing-violence-definitions-and-assessment-criteria</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 Feb 2008 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[archiv]]></category>
		<category><![CDATA[Opferperspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Skinhead]]></category>
		<category><![CDATA[Victims]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://dev.opferperspektive.de/nix/monitoring-right-wing-violence-definitions-and-assessment-criteria</guid>

					<description><![CDATA[<p>On a daily basis, Opferperspektive researches incidents of right-wing hate crimes in the state of Brandenburg, publishes a running chronology and statistical analysis. The article by Kay Wendel gives a description of Opferperspektive's definition of right-wing violence, the incongruities with the police account, and an assessment of the number of unreported crimes.</p>
<p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/archiv/monitoring-right-wing-violence-definitions-and-assessment-criteria">Monitoring Right-Wing Violence – Definitions and Assessment Criteria</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>Contents</h3>
<ol>
<li><a name=a01 href=#01>What is Right-Wing Violence? Two Case Studies</a></li>
<li><a name=a02 href=#02>The Vilification of Groups by the Right and its Contexts</a></li>
<li><a name=a03 href=#03>The Police Assessment of Right-Wing Violence</a></li>
<li><a name=a04 href=#04>Discrepancies between the Police and Opferperspektive</a></li>
<li><a name=a05 href=#05>Number of Unreported Cases</a></li>
<li><a name=a06 href=#06>Political Backing</a></li>
<li><a name=a07 href=#07>Summary: a Definition of Right-Wing Violence</a></li>
</ol>
<hr />
<h3><a name=01 href=#a01>What is Right-Wing Violence? Two Case Studies</a></h3>
<blockquote><p>On their way to William’s brother’s house, the three young refugees come across an area of a small plaza known locally as the »Doppelgänger,« situated on the steps heading towards the town hall. It is evening in Fürstenwalde on 24 July 2004. At the »Doppelgänger« they encounter a larger group of youth with right-wing tendencies, some of whom are skinheads. One of the Germans in the group points at William, a Kenyan. William asks the German if he means him. The German&#8217;s answer is curt and unfriendly: he can point his finger wherever he wants. In the background, a skinhead yells »nigger.« The skinheads continue their taunting, asking the three refugees if they even have passports, and what business they have being in Germany. Zakiullah, a 17 year old refugee from Afghanistan, responds that they don’t need passports. The skinhead from the background yells »white power« and punches William in the head. Zakiullah and his friend Farid are attacked as well. Several assailants jump on each of them, punching and kicking, ripping their clothes. Two girls also participate in the attack. Farid, who defends himself, gets his face cut with a broken beer bottle and begins to bleed heavily. Zakiullah gets punched in the nose, blood running all over his face. The three victims manage to break free and run away. The attackers follow them, but can’t catch up. Later, during the trial, a skinhead explains, »White power means we have the power.«</p></blockquote>
<p>There is evidence that the attack was racially motivated. This kind of racist verbal abuse is all too common before an act of violence: the refugees encountered hatred; their right of residence in Germany was questioned; William was belittled with the swear word »nigger.« The assailants’ use of racist language denotes a racist mindset that vilifies minorities. Other possible motives, such as an everyday personal altercation or a material motivation, cannot be identified. The circumstances during the incident suggest a racist motive. Without it, the incident would appear to have been completely unwarranted.</p>
<blockquote><p>This wasn’t the first time that Rocco P. (18) was attacked by right-wing radicals. Ostensibly a punk, he was attacked in Uckermark four times in one year. The last time it happened was in his hometown of Flieth-Stegelitz on 12 June 2004, when he wanted to go to the annual town festival with nine friends — some of whom were also punks. Upon the punks’ arrival, two right-wing extremists called them »scum,« screaming »We are going to cut off your skirt.« A dozen like-minded followers backed them. After that, the rightists attacked several of the punks. A 16 year old was pushed on the floor and beaten in the face. Another was thrown to the floor, where three right-wing radicals kicked him. Rocco intervened and fended off the attackers. The punks managed to flee, amidst flying stones and bottles. As they were getting away, another youth was kicked in the kidneys, and another was hit in the back.</p></blockquote>
<p>Another act of violence that begins as verbal harassment. The assailants demean the »punks« with pejorative terms like »scum«. Knowing the victims personally is not a prerequisite for the incident. These punks were not attacked because they had a personal disagreement with the other youths; they were attacked because the aggressors regarded them as representatives of the punk group as a whole.</p>
<p>Both examples above demonstrate that normal criminal motives play only a secondary role in right-wing violence. Had the offenders not vilified certain social groups — be them foreigners, punks or leftists — these attacks would probably not have happened. This construction of factitious enemy archetypes, defined and perpetuated by the offender group, degrades certain groups of individuals, denying them equal rights. This sets off the offenders’ aggression, which demands power over the victim.</p>
<p>This is right-wing violence: violence, where specific right-wing discourses provide the necessary calculus for a crime.</p>
<h3><a name=02 href=#a02>The Vilification of Groups by the Right and its Contexts</a></h3>
<p>There is an interrelationship between the enemy archetypes of the right-wing. Not only are the perpetrators who attack refugees, leftists, punks, gays, and the homeless often the same perpetrators, but the discourses of organized right extremism also make clear that an interrelationship exists between their enemy archetypes. Cast against the imagined community of a <em>»Volksgemeinschaft,«</em> segments of the population that deviate from this norm are challenged. Whether the differences between the ideal »us« and the aberrant »them« are actual or contrived, right-wing discourses call for the elimination of all deviations from the norm. This is achieved through marginalization, expulsion, or murder.</p>
<p>This makes discourses that challenge human equality the precondition to violent attacks. For this reason, the offenders’ violence cannot be separated from their right-wing ideology.</p>
<h3>»Group-Focused Enmity«</h3>
<p>This interrelation between the enemy archetypes of the right-wing is described by social scientists like Wilhelm Heitmeyer as »group-focused enmity.« In his research concerning attitude archetypes in the German population, Heitmeyer discusses a syndrome comprising of:</p>
<ul>
<li>Racism (there is a reason why whites are ahead in the world; ethnic German immigrants should have a better social position than foreigners because they have German ancestry)</li>
<li>Xenophobia (too many foreigners live in Germany; foreigners should be sent back, when there are job shortages)</li>
<li>Anti-Semitism (Jews have too much influence in Germany; the Jews’ behavior make them partially to blame for their persecution)</li>
<li>Fear of difference (fear of the »otherness« of homosexuals, the homeless, and the handicapped)</li>
<li>Islamophobia (the general rejection of Muslim individuals and Islamic practices)</li>
<li>Privileges based on established residence (long standing inhabitants should have more rights than the recently arrived)</li>
<li>Classic sexism (women should be submissive and concentrate on their »original role« as wife and mother)</li>
</ul>
<p>This means that people who highly value one attitude archetype (e.g. racism) are inclined to highly value the other attitudes as well. Common to all archetypes is the assumption that inequality exists among various segments of the population.</p>
<h3><a name=03 href=#a03>The Police Assessment of Right-Wing Violence</a></h3>
<p>Judging whether a crime is motivated by right-wing ideology is always a matter of interpretation. Peremptory motives are assigned to the incident based on obvious clues like unambiguous comments made by the offenders before, during, or after the incident. Other possible reasons for assigning motives are: the particular circumstances surrounding the incident suggest no other plausible motive; the attack appears unwarranted; the offender and the victim (or the specific selection of victims) do not know each other. This interpretation may be incorrect or uncertain.</p>
<p>This is one of the reasons why conflicts of interpretation frequently arise between the police and certain victim interest groups like Opferperspetive. This conflict is particularly evident when no obvious clues are available, and the offenders’ lives prior to the incident help fill in the gaps.</p>
<h3>Right-Wing Extremism</h3>
<p>The police radically reorganized its assessment system for right-wing violence in 2001. Before this date the term right-wing extremism was the central definition for extremism. However, according to the newly fashioned concept of extremism, right-wing extremism is now derived from the term extremism, which is understood to be a fight against the free democratic constitutional structure. The Federal Constitutional Court decision banning the German Communist Party (KPD) in 1956 was crucial for this definition. At that time the court defined seven paramount values in a democratic constitutional state:</p>
<ul>
<li>Respect for human rights as outlined in the constitution, especially an individual’s right to life and right to develop his/her personality,</li>
<li>Sovereignty of the people,</li>
<li>Separation of powers,</li>
<li>Governmental accountability,</li>
<li>Legitimacy of state authority,</li>
<li>Independence of the courts,</li>
<li>Multi-party principle (a principle that guarantees the potential of several parties to concurrently head the state) and an equal opportunity for all political parties with the right to a constitutional education and the exercising of political opposition.</li>
</ul>
<p>It is striking that six of the seven principles relate to the structure of the state. This shifts the concept of extremism to a primary focus on state security. The state seeks to fend off, actively fight, and overpower those parties and groups that reject the political system. It goes without saying that this kind of endeavor can only be implemented in an organized fashion.</p>
<p>In terms of right-wing violence, a large number of crimes against refugees, immigrants, alternative youth, and the homeless did not fit the criteria for extremism until 2001. According to such criteria, these crimes did not demonstrate any calculated will to overthrow the democratic system nor did they implicate the offenders as acting on behalf of an organization with such goals in mind. Human rights violations — as crimes stemming from »group-focused enmity« undoubtedly are — make defining right-wing extremism conspicuously difficult. For a while the police and <em>»Verfassungsschutz«<em> (the German equivalent to the FBI or MI5) benefited from euphemistic terms such as »violence motivated by xenophobia.« Only after dedicated journalists discovered the »forgotten« victims, who had been murdered by right-wing violence after 1990, was the </em>»Bundeskriminalamt (BKA)«</em> (Federal Criminal Police Office) forced to act.</p>
<h3>»Politically Motivated Crime«</h3>
<p>On 1 January 2001 the new assessment system of »politically motivated crime« was instituted. »Politically motivated crime« (PMK) was the central definition with three sub-categories: crime motivated by the politically right (PMK-rechts), crime motivated by the politically left (PMK-links) and politically motivated crimes by foreigners. An incident is deemed motivated by the politically right:</p>
<blockquote><p>»When the circumstances surrounding the incident or the offender’s attitude leads to the conclusion that the offender acted against an individual because of their political views, nationality, ethnicity, race, skin color, religion, ideology, origin, sexual orientation, handicap, physical appearance, or social status.« (Bundesamt für Verfassungsschutz — Federal Office for the Protection of the Constitution)</p></blockquote>
<p>It is not difficult to recognize that the constitutional ban on discrimination serves as the basis for this list, and it has been extended to include sexual orientation, physical appearance, and social status. Article 3, Paragraph 3 of the constitution reads:</p>
<blockquote><p>»No person shall be discriminated against or privileged because of sex, ancestry, language, homeland or origin, faith, religious or political views. No person shall be discriminated against because of a handicap.«</p></blockquote>
<p>There are two different categories of crimes motivated by the politically right (PMK-rechts), namely, violent crimes and other crimes; the latter category includes crimes such as propaganda, damaging property, and inciting the people. The following offenses fall under the category »politically motivated violent crimes«:</p>
<ul>
<li>Homocide</li>
<li>Assault and battery</li>
<li>Arson</li>
<li>Use of explosives</li>
<li>Rioting</li>
<li>Hazardous interference in rail, air, ship, or street traffic</li>
<li>Deprivation of personal freedom</li>
<li>Robbery</li>
<li>Extortion</li>
<li>Resisting law enforcement</li>
<li>Sexual assault</li>
</ul>
<p>The novelty of the PMK assessment system lies not only in the inclusion of incidents motivated by extremism, but also in the inclusion of crimes that do not inherently threaten the system. For these crimes the concept of »hate crimes« was created. This encompasses crimes motivated by xenophobia and anti-Semitism, as well as those that target physical appearance or the victims’ social status, especially crimes against the homeless and handicap.</p>
<h3>Hate Crime</h3>
<p>The German concept of hate crime is based on the United States’ concept of »hate crime« or »bias crime.« In 1990 the US Congress defined this concept as such:</p>
<blockquote><p>»A hate crime, also known as a bias crime, is a criminal offense committed against a person, property, or society which is motivated, in whole or in part, by the offender&#8217;s bias against a race, religion, disability, sexual orientation, or ethnicity/national origin.« (Federal Bureau of Investigation, FBI)</p></blockquote>
<p>The word »bias« is important here, because some assaults involve the offender’s misperception that the victim is a foreigner, Jewish, etc. Since the Congress passed the Hate Crime Statistic Act, almost all states in the USA have passed hate crime laws that guarantee threatened minorities special protection. An important improvement to the PMK assessment system is that all incidents henceforth can be recorded as politically or non-politically motivated under the same category. In the 2001 »State Security Report of the 1st Period« (Erster Periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung), it reads:</p>
<blockquote><p>»Allowances should be made for the fact that even by an apparently non-politically motivated crime (relationship conflict, conflicts about finances, or other issues), a right-wing extremist offense should be assumed if the homicide or the escalation of violence can be partially attributed to legitimation of violence by the right-wing, enemy archetypes, or hatred motivated by racism or by social-Darwinism.« (Bundesministerium des Innern, Bundesministerium der Justiz, 2001, pg. 275 f.)</p></blockquote>
<p>In the text above, it is important to note the escalating effect of an incident in terms of right-wing motivation. If such a motivation is identifiable, then an apparently »non-politically« motivated incident is considered motivated by right-wing ideology.</p>
<h3><a name=04 href=#a04>Discrepancies between the Police and Opferperspektive</a></h3>
<p>The police system for assessing politically motivated crime corresponds to the same fundamental criteria used by Opferperspektive to determine whether or not the attack can be attributed to group-focused enemy archetypes. However, Opferperspektive’s definition differs from the police’s in that it includes serious threats and coercion as violence. This takes into accounts the considerable impact that such incidents sometimes have on the victim. In addition, it is difficult to understand why arson counts as violence, but property damage does not on any account. In individual cases this leads to the erroneous conclusion that when fast food stands (which are frequently owned by non-Germans and therefore a target) are burned because of racial motives, it counts as violence, yet when they are vandalized by the same perpetrators with the same motives, it does not. Consequentially, Opferperspektive counts property damage as violence when it indirectly targets certain groups of people like immigrants who own fast food joints or politically active individuals. Opferperspektive does not include assaults during demonstrations, for example rioting and resisting law enforcement, which are directed at law enforcement’s actions. Politically motivated insults do not fall under the narrow definition of »material« violence, which requires bodily damage to be attempted or incurred.</p>
<h3>The Extent of the Deviations</h3>
<p>Considering the close-to-identical assessment criteria used by the police and Opferperspektive, one would expect an overall congruous classification of right-extremist violence. Even so, the deviations are significant. In 2004 for example, the State Criminal Police Office (LKA) registered 107 crimes motivated by the politically right (PMK-rechts), whereas 134 attacks were registered with Opferperspektive for the same time period. Were we to disregard those crimes omitted by the police as acts of violence — such as threats, coercion, and property damage — Opferperspektive still registered 15 more cases. Even greater deviations arise when a comparison is made between Opferperspektive’s chronology of right-wing violence and the LKA’s list. Opferperspektive did not know about 40 of the cases that the police listed as PMK-rechts. Furthermore, the police counts 55 of the attacks listed in Opferperspektive’s chronology as not motivated by the politically right. This also includes cases that even the Federal Prosecutor’s Office categorizes as being motivated by right-wing extremist ideology.</p>
<h3>Justice and Motives for Right-Wing Crimes</h3>
<p>No clear explanation can be given as to why these deviations exist. Each right-wing attack that the police do not include on their list would need to be investigated in detail. However, even the courts are not always the appropriate authorities. The court system is limited to the role of determining whether sufficient evidence has been submitted that finds the defendants guilty of the offenses under which they are charged. Explaining the motive, which would be relevant in determining the penalty, only plays a marginal role, if at all, due to the trial’s tight timeline. One exception is homicide, where it is necessary to clarify whether the murder was characterized by »aggravating circumstances.« (»Xenophobic motives« are now also considered to be an »aggravating circumstance.«) As a general rule, the constellation of prosecution, punishment, and defense is unfavorable for discovering the truth behind the crime motive. Even when the defendants do not dispute or distort (which happens frequently) the crimes they are accused of, they are generally careful not to admit to a political motive, which could result in a tougher sentence.</p>
<h3>Mistakes during the Initial Police Assessment</h3>
<p>Sometimes police make mistakes during the initial assessment. An example: on 20 June 2005 the Fürstenwalde police report, »The police were called to a fight in the Fürstenwalde city park around midnight on Sunday. According to initial information, the fight involved a conflict between two groups of teenagers, each composed of several people.« No mention was made that the offenders were right-wing youth and the victims punks; no mention was made that insults such as »Scum, we’re going to kill you« and »You red pigs« were used; and no mention was made that the attack was one-sided, with the rightists attacking the punks. Instead, the attack was depoliticized as a »fight between two groups of teenagers,« where both sides appeared to be equally responsible. This is a completely typical example of what alternative youth often experience. Even if the Fürstenwalde police later corrected the erroneous initial assessment during the course of the investigation, it cannot be assumed that this correction generally happens when the initial assessment is wrong.</p>
<p>Another case corrected after an incorrect initial assessment was a very serious racially motivated crime that occurred on 3 August 2002 in Ludwigsfelde. A 37 year old Mozambican was attacked by a 22 year old right extremist and tormented by several other youth for several hours — events which resulted in life threatening injuries. The main offender repeatedly called him a »black pig« and a »nigger swine.« The investigating officer initially categorized the incident as a nonpolitical robbery, because the injured man’s watch and wallet disappeared during the harassment. During the trial the officer admitted he could not imagine any other motive than robbery; it would have conflicted with his experience as a police officer. This case alludes to problems of perceiving and understanding racially motivated crimes that vanish behind the semblance of a normal crime.</p>
<p>In other states like Thuringia, a region with a high amount of right-wing violence, the police’s perception has become such an issue that in June and July of 2005 not a single crime motivated by right-wing politics was registered.</p>
<h3>Other Explanations</h3>
<p>The LKA (State Criminal Police Office) holds Opferperspektive responsible for the fact that some attacks registered with Opferperspektive are not reported to the police. In 2004 this did not hold true for one single case. On the other hand, it is true that Opferperspektive receives no information about how the investigations are proceeding if the organization cannot establish contact with the victim. In these circumstances, Opferperspektive would need to correct its chronology, but even that would not explain the extent of the deviations.</p>
<h3>Unexplained Cases</h3>
<p>It is difficult, nonetheless, to mutually agree upon how to interpret the motive for some attacks. One example of a grey area in interpretation: on 13 September 2002, 44-year-old asylum seeker Robert E. from Cameroon was assaulted by three young men at a bus stop in Schlaatz, a district in Potsdam. A man approached Robert E., asking for cigarettes, then »dollars,« and then he tried to grab the victim’s front pocket. Robert E. managed to push the perpetrator away and run. He was followed and beaten with a rubber club, but he still got away. The victim was convinced that the attempted robbery was just an excuse to attack an African for racial reasons. For him, the incident had the typical repercussions following any racially-motivated assault: long-lasting feelings of insecurity and fear. Despite the fact that several indications of the offenders’ social environment suggested a right-wing mentality, like the t-shirt worn by one of the offenders with a Celtic cross on it, the trial did not lead to any definitive clarifications. In the end, it was still inconclusive whether a material motive was the determining factor for the assault and whether the offenders would have robbed any »easy« victim. One fact suggesting a material motive is that the offenders, shortly before assaulting Robert E., tried to take cigarettes from another man at a gas station. Yet subjectively, from the victim’s perspective, the incident remains a racially motivated incident.</p>
<h3><a name=05 href=#a05>Number of Unreported Cases</a></h3>
<p>The discrepancies between the police and Opferperspektive’s registration of right-wing violence lead to one conclusion: both representations inadequately reflect the true extent of right-wing violence. The police registered forty right-wing attacks in 2004 that were unknown to Opferperspektive. This is due to the fact that a significant number of right-wing crimes go unpublished by the police, whereas almost every garden shed that is broken into is reported. This policy of silence can only be overcome in places where cooperation partners notify Opferperspektive or where the injured parties themselves call attention to the attacks. Once Opfeperspektive establishes contact with a victim, more and more attacks tend to come to light. Some of these attacks Opfersperspektive learns of are not reported and would have remained unreported had the organization not established contact with the victim by chance.</p>
<p>It would be difficult to provide estimates on the number of unreported cases of right-wing violence. Studies that deal with this question have not been published as of yet. The statement that »around three fourths of all right-wing radical assaults against foreigners in the new States go unreported,« published in »Anstiftung« (or »Incitement,« a project that took place in Dresden in 2000), rests on rough estimates by experts and does not replace the analysis of unreported cases. It can be assumed that crimes like threats or coercion, occurring on an almost daily basis for some victims, often go unreported, whereas the consequences for the victim of serious acts of violence don’t allow the crime to be so easily hidden.</p>
<h3><a name=06 href=#a06>Political Backing</a></h3>
<p>Even now the police and the legal system do not sufficiently solve crimes with a right-wing motive. As a result, right-wing violence still gets confused with normal crimes. Various institutions have been calling for change for years. The »European Commission against Racism and Intolerance« (ECRI), a committee within the Council of Europe, has been urging Germany to create laws for harsher sentences for all crimes with a racist or xenophobic motive since the beginning of this decade. This way a mechanism would be created that obligates the police and the courts to resolve the motive for the crime. The State Ministry of the Interior for Mecklenburg-Vorpommern, which was still impressed by »Rise of the Decent« (a public appeal that former Chancellor Schröder made to stand up for democratic values and tolerance in Germany), introduced an initiative in the Bundesrat (Federal Council) in November 2000 to change paragraph 46 in the criminal code. Offenders with a xenophobic crime motive would be explicitly sentenced more harshly. As expected, this application was deferred to an advisory committee, where it has since remained.</p>
<p>Other European countries are further along than Germany in this respect. In Great Britain a series of scandals stemming from racially motivated assaults by police officers strengthened the position of those victimized by racism considerably in terms of dealing with police investigations. The central focus is the victim’s subjectivity. The police define a »racist incident« as »any incident that the victim or another person perceives as racist« (Stephen Lawrence Enquiry 1999). How the incident is perceived affects the further development of the investigation. If the victim indicates that they perceive the incident to be racist, the police are obligated to include this in their initial evaluation and to investigate the situation accordingly. On the European level, the »European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia« (EUMC) commends this practice as exemplary and requests that all EU states follow the example. As of yet, this has not provoked any resonance in Germany. Hence, it is clear that there is no lack of suggestions, but rather a lack of political will.</p>
<h3><a name=07 href=#a07>Summary: a Definition of Right-Wing Violence</a></h3>
<p>A definition of right-wing violence should not be static, but rather understood and further elaborated on a case-by-case basis. It has become clear from issues raised up to this point that the police’s assessment criteria have not kept pace with the reality of the situation. The definitions that form the basis of Opferperspektive’s assessment of right-wing violence have used practical police experience as a reference point, but Opferperspektive was able to distance itself from the police definition and learn from it. At this point in time, Opferperspektive’s provisional definition of right-wing violence is:</p>
<ul>
<li>An incident is criminal when the offender intends and causes physical damage to individuals, or when material damage or arson targets certain groups of people. Coercion and threats that result in serious consequences for the victim also qualify as right-wing violence; insults alone do not.</li>
<li>The victim, a third party, or the police believe the offender was motivated by right-wing ideology.</li>
<li>Circumstances during the incident (for example, certain statements made by the offender, his/her attitude or connection to the right-wing scene) provide further indications that the offender was motivated by right-wing ideology.</li>
<li>For crimes motivated by right-wing ideology, certain types of enemy archetypes come into play: racism, hatred towards leftists and punks, anti-Semitism, social Darwinism towards the homeless and handicapped, hatred towards gays and lesbians.</li>
<li>The victim’s interpretation of the offender’s actions is relevant, not the actual physical characteristics of the victim or their legal status. For example, a racially motivated crime can be directed towards a person who mistakenly believes him/herself to be an immigrant.</li>
<li>If other »nonpolitical« motives are identifiable besides a right-wing motive, the incident is still considered motivated by this ideology, provided that the right-wing motive contributed to the escalation of the incident.</li>
</ul>
<h3>Works cited:</h3>
<p>Heitmeyer, Wilhelm and Georg Soeffner, eds. <em>Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme.</em> Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2003.</p>
<p>Heitmeyer, Wilhelm, ed. <em>Deutsche Zustände.</em> v3. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2005.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/archiv/monitoring-right-wing-violence-definitions-and-assessment-criteria">Monitoring Right-Wing Violence – Definitions and Assessment Criteria</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Jahr elf danach</title>
		<link>https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/das-jahr-elf-danach</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[mo]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Jan 2008 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles & Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Angriff]]></category>
		<category><![CDATA[Der Tagesspiegel]]></category>
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		<category><![CDATA[Neonazis]]></category>
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		<category><![CDATA[Tagesspiegel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://localhost/das-jahr-elf-danach/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Orazio Giamblanco kam nach Trebbin, um dort zu arbeiten. Wenig später rangen Notärzte um sein Leben. Rechtsextreme hatten ihn überfallen – das war 1996. Aber nichts ist vorbei. Protokoll eines Kampfes gegen die Resignation.</p>
<p><em>Von Frank Jansen, erschienen im Tagesspiegel am 09.12.2007</em></p>
<p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/das-jahr-elf-danach">Das Jahr elf danach</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Er schwankt vorwärts, kippelt nach rechts und stößt gegen die Wand. Orazio Giamblanco presst mit aller Kraft die Griffe seiner Krücken und setzt das linke Bein, das in einer Plastikschiene steckt, einen halben Schritt vor. Er hält inne. Sein Blick ist starr auf seine orthopädischen Stiefel gerichtet. Er zieht das rechte Bein nach. Etwa drei Meter hat der kleine, untersetzte Mann hinter sich. Drei Meter von seinem Rollstuhl im breiten Flur zum Raum mit den vielen Fitnessgeräten. Wäre niemand in der Nähe, der sofort zupacken könnte, dürfte Giamblanco selbst diesen kurzen Gang nicht wagen. Doch er kann sich auf die junge Frau neben sich verlassen. Sie beobachtet jeden Schritt. </p>
<p>»Geht es, Orazio?« »Geht schon, Efi.« Sie ist die Tochter seiner Lebensgefährtin. Nach zehn Minuten hat Giamblanco es geschafft. Langsam dreht er den Rücken zu einem stählernen Gestell, oben stehen zwei lange Hebel ab. An der linken Seite des Geräts hängen Gewichte an einem Drahtseil. Giamblanco streckt sich und zieht die Hebel herunter. 25 Kilo gehen hoch. Langsam, aber immerhin zehnmal.</p>
<p>Im Bielefelder »Zentrum für Physiotherapie« trainieren Kranke und Gesunde nebeneinander. Die Fußballprofis von Arminia Bielefeld schwitzen hier an Kraftmaschinen und auf Laufbändern. Eine kleine Frau humpelt auf Krücken zu einem Gerät. »Zu uns kommen Leute, die hatten irgendeinen Unfall oder einen Schlaganfall«, sagt Tim Steffans. Seinem Vater gehört das Zentrum, der Sohn arbeitet hier als Physiotherapeut, ein freundlicher, offener Typ. »So eine Geschichte wie die von Giamblanco «, sagt Steffans, »hatten wir hier noch nie.« Es scheint, als hadere Steffans mit dem Schicksal des Patienten. »Er ist ja in keiner Weise schuld. Wenn Leute einen Schlaganfall kriegen, haben sie sich oft jahrelang falsch ernährt.« Steffans Stimme stockt. »Was Giamblanco passiert ist, geht einem noch näher als ein typischer Patient mit Schlaganfall.«</p>
<p>Was Giamblanco passiert ist. Am Abend des 30. September 1996 traf es Giamblanco blitzartig so hart wie andere nur ein Schlaganfall. Der Skinhead Jan W. und ein Kumpan fuhren mit dem Auto durch das brandenburgische Trebbin. Sie suchten nach den Italienern, die dort auf Baustellen arbeiteten, um sie zu verprügeln. Giamblanco, damals 55, war erst vor wenigen Tagen aus Bielefeld gekommen. Er und zwei Kollegen liefen den Rechtsextremisten in die Arme. Jan W. schlug ihm sofort seine Baseballkeule gegen den Kopf. In zwei Notoperationen kämpften die Ärzte im Krankenhaus Luckenwalde um Giamblancos Leben. Er wurde gerettet, aber sein Leben war ruiniert. Er leidet unter spastischer Lähmung, Hirnschädigung, Depressionen, er kann nicht mehr richtig sprechen. Eine Aussicht auf Genesung gibt es nicht.</p>
<p>Seit dem Frühjahr 1997 berichtet der Tagesspiegel über Giamblanco, dessen Lebensgefährtin Angelica Berdes und ihre Tochter Efthimia, die bei der Pflege hilft und an ihrem freien Tag zur Physiotherapie mitkommt. Die Geschichte des Orazio Giamblanco und der beiden Frauen hat viele Leserinnen und Leser bewegt, jedes Jahr kommen enorme Spendengelder zusammen. Dabei ist es »nur« eine Geschichte unter tausenden, die seit der Wiedervereinigung zu erzählen wären. Giamblancos Schicksal ist eine Zeile in einem dunklen Kapitel der Bundesrepublik, und nicht die letzte. </p>
<p>In den vergangenen 17 Jahren sind wahrscheinlich tausende Menschen von Rechtsextremisten misshandelt worden. Allein in diesem Jahr hat die Polizei nach vorläufigen Erkenntnissen deutschlandweit über 550 rechte Gewalttaten gezählt. Bis Ende Oktober haben Neonazis und andere Rassisten mindestens 500 Menschen verletzt – deutlich mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Öffentlich bekannt werden nur Einzelfälle, aber auch diese wenigen Opfer geraten in der Regel spätestens nach dem Prozess gegen den oder die Täter in Vergessenheit. Wie es den Überfallenen, den Geschlagenen, den Traumatisierten ergeht, und ihren Angehörigen, lässt Giamblancos Beispiel erahnen.</p>
<p>Tim Steffans, der Therapeut, hockt sich vor ein Trainingsgerät, das die Beinmuskulatur stärken soll. Steffans hilft Giamblanco, sich hinzulegen und den Kopf zwischen zwei stabilisierende Lederpolster zu legen. Giamblanco stemmt die Füße gegen eine Stahlplatte, mit der sich die eingestellten 40 Kilo Gewicht heben lassen. Steffans drückt in Giamblancos linke Hüfte und unterstützt so die Streckbewegungen. Nach zehn Minuten hilft der Physiotherapeut beim Aufstehen, Giamblanco wirkt erleichtert. »Man muss was machen, um ihm die Kraft zu erhalten«, sagt Steffans, »damit er zu Hause an Krücken laufen kann.« Mehr sei nicht zu erreichen. Als der Physiotherapeut weg ist, nuschelt Giamblanco, »hab’ letztes Jahr mehr Sicherheit gehabt beim Laufen. Jetzt mehr Angst.« Es kam in diesem Jahr einiges zusammen, das ihm das Leben weiter erschwert hat: neue Gesundheitsprobleme und Ärger mit den Krankenkassen.</p>
<p>In einem zweiwöchigen Sommerurlaub in Griechenland, möglich dank der Spenden, litt Giamblanco tagelang unter starkem Nasenbluten. Vielleicht habe die extreme Sommerhitze den Blutdruck so steigen lassen, dass in der Nase Adern platzten, sagte der Arzt. Giamblanco war deprimiert: Gerade er, der Sizilianer, hat doch immer die Sonnenwärme geliebt. Wehmütig erinnert er sich an jene Reise im Juni 2003, als er mit der Unterstützung eines Tagesspiegel-Lesers seine Heimatinsel besuchen und die mediterrane Luft genießen konnte. Doch nach den zwei Wochen in Griechenland hat Giamblanco resigniert. »Urlaub im Sommer geht nicht mehr«, sagt er.</p>
<p>Orazio traue sich inzwischen auch nicht mehr, in der Wohnung an nur einer Krücke zu gehen, sagt seine Lebensgefährtin Angelica Berdes, eine Griechin. Die zierliche Frau, 56 Jahre alt, ist selbst angeschlagen. Seit mehreren Jahren geht sie zu einem Psychiater und nimmt Beruhigungsmittel. Im Mai musste sie sich wegen eines Leistenbruchs operieren lassen. Dem kompakten Orazio aufzuhelfen oder ihn aufzuheben, wenn er stürzt, geht über ihre Kräfte.</p>
<p>Gleich nach dem Angriff auf Giamblanco hatte sie ihre Arbeit aufgegeben. Ihr Leben besteht seitdem nahezu rund um die Uhr aus Pflege und Hilfe für Orazio. Nach dem Sommer »konnte er wegen Depressionen nachts nicht mehr schlafen«, sagt Berdes. Fünf-, sechsmal habe sie ihm aus dem Bett helfen müssen. »Meine Mutter war total übernächtigt«, klagt Efthimia, »sie sah fast aus wie ein Monster.« Als es nicht mehr ging, bat Angelica Berdes ihre arbeitslose Schwiegertochter Patrizia um Hilfe. Die junge Frau kommt jetzt abends in die Wohnung, legt sich auf der Couch hin und ist sofort da, wenn Giamblanco wach wird. Frühmorgens ist Angelica Berdes wieder zur Stelle. Nach wenigstens ein paar Stunden Schlaf.</p>
<p>In ihrer Freizeit ist Efthimia fast ständig bei ihrer Mutter und Orazio. Die 33-Jährige wohnt im selben Haus, gleich gegenüber, in einer eigentlich viel zu teuren Wohnung. Es ist nicht der einzige Preis, den die junge Frau für ihre Hilfe zahlt. Kurz nach dem Überfall auf Giamblanco musste sie ihre Lehre als Friseurin abbrechen, weil der Chef kein Verständnis für Fehlstunden hatte – die bei der Pflege eines Schwerbehinderten beinahe zwangsläufig sind. Seit 2000 arbeitet Efthimia Berdes wieder, als Produktionshelferin in einer Schokoladenfabrik, in drei Schichten und für wenig Geld. Ihre Beziehungen mit Männern halten nicht lange. »Keiner will akzeptieren, dass ich mich mit um Orazio kümmere«, sagt Efthimia Berdes. Den Traum von einer eigenen Familie aber will sie nicht aufgeben, »mit zwei, drei Kindern«. Doch sie ahnt, dass die Hilfe für Orazio eher noch schwieriger wird. Weil er mit seinen 66 Jahren und trotz der urwüchsigen Kraft, die der Sohn einer sizilianischen Bauernfamilie hat, körperlich und mental abbaut. Zumal in diesem Jahr nicht nur der verdorbene Sommerurlaub dem schwerbehinderten Mann und den zwei Frauen zu schaffen machte.</p>
<p>Im September rief Efthimia Berdes beim Tagesspiegel an. Seitdem Orazio in der Knappschaft krankenversichert sei, »sollen wir vieles selber bezahlen, sogar für die Krankengymnastik«. Das könne doch nicht sein, früher hätten sie alle Leistungen ohne Zuzahlung erhalten, da Orazio ja schwer behindert sei. »Jetzt schläft er wieder schlecht und weint«, sagte Efthimia Berdes, »und wir blicken bei der Krankenversicherung nicht durch.«</p>
<p>Der Fall war tatsächlich kompliziert. Allerdings zeigte sich bei Recherchen, dass Giamblanco und die beiden Frauen unnötig zahlten. Die AOK Westfalen-Lippe hatte Giamblanco nach seinem 65. Geburtstag zur Rentenversicherung der Knappschaft Hamm überwiesen. Giamblanco war in seinem Berufsleben kurzzeitig bei der Knappschaft krankenversichert gewesen, deshalb hatte diese die Auszahlung der Altersrente zu übernehmen. Giamblanco hätte allerdings bei der AOK krankenversichert bleiben können, wenn er das beantragt hätte. Offenbar hatten er und die Frauen ein Informationsschreiben, das die AOK geschickt hatte, nicht verstanden. Jedenfalls reichte die AOK Giamblanco dann auch an die Krankenversicherung der Knappschaft weiter. Ohne den Hinweis, dass Giamblanco schwer behindert ist.</p>
<p>»Es muss von uns aus nicht proaktiv mitgeteilt werden, dass jemand schwer geschädigt ist«, sagt ein Sprecher der AOK Westfalen-Lippe. Nur wenn die Knappschaft »gezielt nach Vorerkrankungen fragt«, könne der Hinweis erfolgen. Doch die Knappschaft fragte nicht, weil sie keine Anhaltspunkte für eine Behinderung Giamblancos hatte. Er selbst und die Frauen gingen aber davon aus, dass die Knappschaft von den Gebrechen und der dann automatischen Befreiung von jeder Zuzahlung für Gymnastik, Arztbesuche und Medikamente wusste. Beide Krankenversicherungen hatten formal korrekt gehandelt. Giamblanco war der Dumme.<br />
Ein bürokratisches Missverständnis. Doch dann half das Versorgungsamt Cottbus. Das Amt ist für Giamblancos Opferentschädigungsrente zuständig, da er in Brandenburg überfallen worden war. Die Knappschaft wurde über seine Ansprüche informiert, sie teilte Giamblanco einen »Befreiungsausweis für Versorgungsberechtigte« zu. Aufatmen in Bielefeld.</p>
<p>Erleichtert ist auch ein 33-jähriger Mann in Trebbin: Jan W., der Täter von damals. Jedes Problem, das sein Opfer weniger hat, hat auch er weniger. Vor einem Jahr hatte er dem Tagesspiegel zwei Briefe an Giamblanco und seine beiden Frauen mitgegeben. Er versuchte, seine Tat und seine rechtsextreme Verblendung zu erklären. Jan W. war 1997 für den Angriff zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Er hat sich längst von der braunen Szene gelöst, 2004 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Giamblanco, Angelica und Efthimia Berdes waren gerührt, sie verziehen Jan W. »Da ist mir ist ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen«, sagt der. »Aber man denkt jeden Tag, wie hätte man die Situation damals vermeiden können.« W. schweigt ein paar Sekunden. »Ganz besonders, wenn ich durch Trebbin fahre, da an der Stelle vorbei, dann denke ich: Mensch, du Idiot, hättest du nicht im Auto sitzen bleiben können?«</p>
<p>Jan W. versuchte nach der Haft vergeblich, einen festen Job zu bekommen. Er hat sich dann selbstständig gemacht und arbeitet inzwischen als Ein-Mann-Unternehmen auf kleinen Baustellen. Er sagt, ein Rückfall in die »dämlichen Gedanken« von früher komme nicht in Frage. Es drängt ihn, sich noch einmal an Giamblanco und die beiden Frauen zu wenden. »Ich wünsche ihm gute Besserung«, sagt Jan W.</p>
<p>»Wir haben keinen Hass«, sagt Giamblanco. Aber allzu viel möchte er über die Tat und den Täter nicht reden. Er denkt nach. »Ich will noch ein bisschen was schaffen«, sagt er. Stille. »Vielleicht«, seine Stimme ist kaum zu hören, »komme ich noch mal nach Sizilien, wenn es nicht so heiß ist«.</p><p>The post <a href="https://www.opferperspektive.de/materialien/aktuelles_termine/das-jahr-elf-danach">Das Jahr elf danach</a> first appeared on <a href="https://www.opferperspektive.de">Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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