Opferperspektive: Was hat Dich motiviert, an der Gedenkkundgebung anlässlich des 30. Jahrestags des Angriffs auf Deinen Vater teilzunehmen und wie haben Du und Deine Söhne diese erlebt?
Negus Martin: Meine Motivation war vor allem, als Teil der Noël-Martin-Stiftung dabei zu sein, um das Andenken an meinen Vater lebendig zu halten und meinen Kindern die Erinnerung an ihren Großvater zu vermitteln. Gleichzeitig wollte ich meine Unterstützung für die Stiftung zeigen und ein Zeichen gegen Rassismus setzen.
Die Kundgebung war überwältigend und sehr emotional für mich. Es war beeindruckend, die Unterstützung der Stadt und der Menschen zu sehen. Und, dass der Bürgermeister von Mahlow, der Ministerpräsident von Brandenburg und andere Politikerinnen erschienen waren, um ihre Unterstützung zu bekunden, und dabei zu helfen, die Botschaft gegen Rassismus zu verbreiten.
Für meine Söhne war es ein prägendes Erlebnis zu sehen, dass ihr Großvater in einer Reihe mit großen Bürgerrechtlerinnen wie Martin Luther King, Bob Marley, Marcus Garvey oder Rosa Parks steht – Menschen, die sich wie er für Bürgerrechte und Freiheit einsetzten.
Als Dein Vater in Mahlow angegriffen wurde, warst Du etwa 17 Jahre alt. Wie hast Du das damals erlebt?
Ich lebte damals in den USA. Ich erhielt einen Anruf, in dem mir mitgeteilt wurde, was meinem Vater zugestoßen war. Nach einiger Zeit konnte ich mit ihm sprechen – es war schockierend, ich konnte es nicht glauben. Es fühlte sich so unwirklich an.
Ich habe zu meinem Vater aufgeschaut, er war für mich ein sehr starker Mann – besonders wenn man sah, wie er ging. Für mich war er wie ein König, und er behandelte mich wie einen Prinzen. Als ich also von der Tragödie erfuhr, hat mich das völlig aus der Bahn geworfen. Ich bin einfach zusammengebrochen und habe geweint.
Als ich alt genug war, beschloss ich, nach England zu gehen, um ihm so gut ich konnte zu helfen und ihn zu unterstützen. Und das tue ich bis heute.
Was gab Deinem Vater die Kraft, nach dem Anschlag weiterzumachen?
Genau das habe ich auch selbst einmal gefragt. Seine Stärke war unglaublich. Es gab Momente, in denen es schmerzhaft war zu sehen, wie er fast aufgab. Doch dann hat die Geburt seiner Enkelkinder seinen Entschluss geändert. Aber nicht nur das – es war auch sein Tatendrang, Dinge zu erreichen, alle Widrigkeiten zu überwinden, selbst in einer Situation, in der die Leute erwarteten, dass er dazu nicht in der Lage sein würde.
Trotz seines Rollstuhls hat er mehr erreicht als viele andere: seine Mietobjekte, sein Pferderennen, seine Fähigkeit, Chancen zu erkennen. Es war erstaunlich, wozu er fähig war. Sein Verstand war sehr scharf.
Die Ärzte sagten, er würde nach der Verletzung nur noch 10 bis 15 Jahre leben – er lebte noch 24 Jahre. Das finde ich erstaunlich.
Wie nimmst Du Rassismus in der Gesellschaft heute wahr?
Rassismus ist ein tief verwurzeltes System. Rassismus hindert einen daran, einen Job zu bekommen, dort zu leben, wo man leben möchte, eine Ausbildung zu absolvieren – es gibt viele Hindernisse, wenn es um Rassismus geht.
Wofür wir in Mahlow auf die Straße gegangen sind, war der Versuch, dieses System zu zerstören. Deshalb war es für mich so bewegend zu erleben, wie die Stadt zusammenkam und im Namen meines Vaters demonstrierte.
Mein Vater war voller Weisheit. Einmal sagte er zu mir: „Ziegelsteine sind auf der ganzen Welt gleich – die Konstruktion des Rassismus auch. Man muss selbst zum Architekten oder zur Architektin werden, um die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern.“
Wie blickst Du in die Zukunft?
Ich blicke immer voller Hoffnung in die Zukunft – das muss man auch. Denn es ist die Zukunft, in der unsere Kinder aufwachsen werden. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Denn wenn man die Hoffnung aufgibt, hat man nichts mehr.
Meine eigene Erfahrung zeigt: Ich habe als Kind Rassismus und Ausgrenzung erlebt und dann miterlebt, wie sich die Situation für meine Kinder verbessert hat – Sie stehen sie nicht vor denselben Hindernissen wie ich damals. Und die Hindernisse, mit denen mein Vater zu kämpfen hatte, hatte ich nicht. Es verändert sich – aber nur langsam. Es ist ein langsamer Prozess, aber wir werden es schaffen.
Dein Vater hat die „Noël- und Jacqueline-Martin-Stiftung“ gegründet. Sie fördert den Austausch zwischen jungen Menschen aus England und Deutschland. Was kannst Du uns darüber erzählen?
Das ist eine wunderbare Initiative, denn sie gibt jungen Menschen die Chance, sich mit anderen auszutauschen, neue Menschen kennenzulernen, neue Kulturen zu entdecken und verschiedene Sprachen zu lernen. Vielfalt ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
Es bedeutet mir sehr viel, das Vermächtnis meines Vaters am Leben zu erhalten. Ich bin tief berührt, dass ich Teil der Stiftung sein und sie in seinem Sinne weiterführen darf.
Welche Erlebnisse von Deinem Besuch in Deutschland werden Dir in Erinnerung bleiben?
Als ich dieses Jahr in Mahlow ankam, fuhr ich mit dem Zug vom Flughafen hierher und unterhielt mich mit jemandem. Ich schaute gerade auf und warf einen Blick aus dem Fenster, als wir die Noël-Martin-Brücke passierten. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass sie dort war. Dann sah ich das Graffiti auf dem Betonpfeiler: „Rest in Peace Noël Martin“. Ich bekam Gänsehaut. Es war nur ein kurzer Moment, aber er hat mich tief bewegt; es war ein Zeichen.
Ich habe so viele Erinnerungen – dies war mein dritter Besuch in Deutschland. Das erste Mal war 2007. Es war überwältigend, ich wurde so herzlich empfangen, dass ich noch heute davon erzähle. Ich habe viele großartige Menschen kennengelernt, mit denen ich bis heute in Kontakt stehe. Menschen, die weiterhin für Gerechtigkeit kämpfen. Das ist schön zu sehen.
Mein zweiter Besuch war 2021, nach der Einweihung der Noël-Martin-Brücke.
Was mich wirklich bewegt hat, war mitzuerleben, wie die Schule in Mahlow die Geschichte meines Vaters in ihren Lehrplan aufgenommen hat und wie die Kinder etwas über ihn lernen. Das zu sehen, war so bewegend.
Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, dass diese Stadt Mahlow, meinen Vater nach all den Jahren nicht vergessen hat.
Gibt es noch etwas, das Du den Menschen in Mahlow oder den Leser*innen dieses Interviews sagen möchtest?
Den Menschen in Mahlow und überall sonst möchte ich sagen: Lasst uns die Erinnerung an meinen Vater Noël Martin, und an alle Opfer von Rassismus und rechtsextremer Gewalt wach halten. Wir dürfen niemals aufgeben – der Kampf gegen Rassismus geht weiter.
