Pressemitteilung des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG): Rechte Gewalt bleibt auf alarmierend hohem Niveau
Im Durchschnitt wurden 2025 täglich zwölf Menschen Opfer rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt. Mehr als die Hälfte aller dokumentierten Angriffe war rassistisch motiviert. Zwei Menschen wurden infolge rechter Gewalt getötet. Die Zahlen basieren auf dem Monitoring der unabhängigen Fachberatungsstellen des VBRG in 13 Bundesländern.
Nach Einschätzung des VBRG handelt es sich nicht um eine kurzfristige Entwicklung.
„Als Beratungsstellen stellen wir eine zunehmende Normalisierung rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in unserer Gesellschaft fest. Bedrohungen und Angriffe auf die körperliche Unversehrtheit zeigen sich längst nicht nur in gravierenden Gewalttaten. Sie begegnet Betroffenen zunehmend im Alltag – auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Nachbarschaft.“
Judith Porath (Geschäftsführung Opferperspektive) für die im VBRG zusammengeschlossenen Fachberatungsstellen
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei Angriffen auf Menschen, die sich für Demokratie und eine plurale Gesellschaft engagieren. Der VBRG dokumentierte 2025 insgesamt 663 Angriffe auf politische Gegner*innen sowie zivilgesellschaftlich Engagierte. Das entspricht einem Anstieg von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Betroffen waren unter anderem Ehrenamtliche, Vereine, Jugendzentren, alternative Wohnprojekte und Parteibüros.
Rassismus bleibt mit 1.729 dokumentierten Taten das häufigste Tatmotiv und macht mehr als die Hälfte aller registrierten Angriffe aus. Zudem erfassten die Beratungsstellen 325 queerfeindliche und 180 antisemitische Gewalttaten. Körperverletzungen bilden mit 1.800 Fällen erneut die größte Deliktgruppe. Hinzu kommen 1.166 Bedrohungen und Nötigungen sowie 20 versuchte Tötungsdelikte beziehungsweise schwere Körperverletzungen.
Die Auswirkungen reichen weit über die unmittelbaren körperlichen Folgen hinaus. Viele Betroffene berichten von Angst, sozialem Rückzug und der Aufgabe ihres gesellschaftlichen oder politischen Engagements. Weiterhin sind besonders betroffen Kinder und Jugendliche: 2025 registrierten die Beratungsstellen mindestens 232 betroffene Kinder und 372 Jugendliche.
„Diskriminierung und Gewalt sind keine voneinander getrennten Phänomene. Sie können Ausdruck derselben Dynamiken von Abwertung und Ausgrenzung sein. Viele Betroffene organisieren ihr Leben längst unter der Frage, wo sie sich frei bewegen können, ohne erneut diskriminiert oder angegriffen zu werden. Wenn Menschen beginnen, ihre Sichtbarkeit einzuschränken oder sich aus öffentlichen Räumen zurückzuziehen, dann betrifft das nicht nur die Betroffenen. Es verändert unsere Demokratie insgesamt.“
Dr. Cihan Sinanoğlu, Leiter Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor, DeZIM
„Hass gegen LSBTIAQ* Menschen ist kein Nischenthema, sondern er geht alle Menschen etwas an. Wir dürfen nicht zulassen, dass Millionen Queers wieder in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Denn politisch motivierte Hasskriminalität zielt nicht nur auf Individuen ab, sondern zusätzlich darauf, ganze Bevölkerungsgruppen einzuschüchtern. Aus Angst vor Übergriffen ziehen sich LSBTIAQ* von den sozialen Medien, politischen Ämtern und öffentlichen Räumen zurück oder denken übers Auswandern nach.“
Kerstin Thost, LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt e.V.
Die Beratungsstellen weisen darauf hin, dass ihre Zahlen nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes rechter Gewalt abbilden. Viele Betroffene erstatten keine Anzeige oder suchen aus Angst, fehlendem Vertrauen oder schlechten Erfahrungen mit Behörden keine Beratung auf.
„Das Erstatten einer Anzeige kostet viele Betroffene erhebliche Kraft. Es gibt engagierte Menschen bei Polizei und Justiz, die sorgfältig arbeiten und Betroffene ernst nehmen. Gleichzeitig berichten Betroffene und Beratungsstellen immer wieder davon, dass rechte oder rassistische Tatmotive nicht ausreichend erkannt werden, verständliche Rückmeldungen fehlen oder Verfahren ohne ein für sie nachvollziehbares Ergebnis enden. Solche Erfahrungen können das Vertrauen in Polizei, Justiz und den Rechtsstaat erheblich schwächen.“
Saaeid Saaeid, Syrisch-Deutscher Kulturverein Magdeburg und Sprecher des Flüchtlingsrats Sachsen-Anhalt fest
Der VBRG fordert Bund und Länder auf, die Rechte von Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu sichern, die unabhängige Fachberatungsstellen dauerhaft finanziell und gesetzlich abzusichern, die Strafverfolgung rechter Gewalt zu verbessern sowie die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und Opferschutz zu stärken. Außerdem müssten demokratische Initiativen langfristig gestärkt werden.
„Es braucht entschlossene politische und gesellschaftliche Antworten auf rechte Gewalt und ihre zunehmende Normalisierung! Die Normalisierung von Gewalt darf nicht schweigend hingenommen, sondern muss als dringendes politisches Problem verstanden werden. Angriffe auf die offene Gesellschaft müssen als das geächtet werden, was sie sind: Angriffe auf unsere Demokratie. Diskurse der Entmenschlichung und die Normalisierung menschenfeindlicher Positionen müssen gesamtgesellschaftlich verurteilt werden. Gleichzeitig braucht es ein klares Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen, die stellvertretend für uns alle angegriffen werden, sowie eine gezielte Stärkung von Demokratieprojekten.“
Judith Porath (Geschäftsführung Opferperspektive) für die im VBRG zusammengeschlossene Fachberatungsstellen
Über den VBRG
Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) ist der bundesweite Zusammenschluss unabhängiger Opferberatungsstellen. Seine Mitgliedsorganisationen unterstützen Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, dokumentieren Angriffe und veröffentlichen jährlich eine bundesweite Jahresbilanz.
Pressekontakt
Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. (VBRG)
Telefon: 030 – 33 85 97 77
E-Mail: presse@verband-brg.de

