Interview: Angriff zu Himmelfahrt ohne Folgen?


„Also ich finde das, was passiert, ist sehr gruselig. Es wurde so getan, als ob ein Einzeltäter dafür verantwortlich gewesen wäre, was es einfach nicht war.“

Opferperspektive:
2016 hast du dich mit Freunden am Barnitzer Badesee in Cottbus zu Himmelfahrt verabredet, um dort den Tag und die Nacht in Zelten zu verbringen, als ihr von einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe Rechter angegriffen wurdet. Woran erinnerst du dich, wenn du an den Tag des Angriffs zurückdenkst?

B.M.:
Wir saßen an dem Tag in einer gemütlichen Runde beisammen, haben uns unterhalten und Musik gehört. Nach einer Weile kam eine Gruppe Männer, die rote Poloshirts trugen. Sie fuhren mit Autos vor und setzten sich mit Bierbänken einige Meter von uns hin. Anfangs hat die Gruppe nichts gemacht, aber mit der Zeit haben sie Beganlos (Pyrotechnik) gezündet. Das hat uns aufmerksam gemacht. Es folgten Sprechchore, bekannt aus dem Fußball.

Irgendwann näherten sich meinem Kumpel immer mehr Leute und es begann eine Streiterei. Das habe ich mitgekriegt und bin aufgestanden. Ich habe mich vor ihn gestellt, weil er damals auch erst 13 oder 14 Jahre alt war und die Männer wesentlich älter. Mein Freund hat eine dunklere Hautfarbe und an seinen Stiefeln waren linke Aufkleber. Das hat den Leuten scheinbar nicht gefallen und sie fragten mich, warum ich denn diesen N**** beschütze. Dann war auf einmal ein Halbkreis um mich herum, mit erstaunlich vielen Leuten. Hinter mir war der Grill, ein paar Zelte und meine Freunde. Das heißt, nach hinten zu fliehen war für mich keine Option, also wollte ich direkt durch die Gruppe der Angreifer hindurch. Einer hat nach mir geschlagen, ich bin ausgewichen und dann wurde direkt nach mir getreten. Um ausweichen zu können, musste ich dem Typen eine geben.

Einzelne aus der Gruppe sind mir hinterher gerannt. Sie haben mich geschlagen, getreten und versucht, mich zu Boden zu bringen. Ich hatte an diesem Tag eine sehr ungünstige Frisur. Ich hatte meine Haare mit viel Haarspray zu einen riesigen Igel gesprüht. Daran haben die Angreifer herumgezogen. Dann irgendwann im Gerangel bin ich hingefallen und wurde hinter einem Zelt weiter attackiert, sodass meine Freunde nicht mitbekommen haben, was passiert ist. Am Boden liegend wurde auf mich eingetreten. Ich hatte erstaunlicherweise keine blauen Flecken, bekam aber sehr viel gegen den Kopf. Das habe ich erst am Folgetag bemerkt, weil ich meinen Kopf nicht mehr selber halten konnte. Der hing die ganze Zeit rum und tat ziemlich weh. Ein Kumpel von mir hat dann mitbekommt, was los ist. Er wurde damals schon verkloppt und ist schnell abgehauen, was total verständlich ist. Er hat die Polizei gerufen, was eine Freundin laut rief, so dass die Angreifer das auch mitbekommen. Dann ist die Gruppe schnell abgehauen.

Was ich noch sagen wollte: Wir sind da geblieben. Wir hätten auch gehen können, was bestimmt sinnvoll gewesenen wäre. Aber wir wollten uns von denen nicht den Abend versauen lassen. Somit hatte der Angriff auf unsere Feier nicht wirklich einen großen Einfluss gehabt. Wir waren natürlich alle ein bisschen angespannter und vorsichtig. Zwei haben auch nicht übernachtet und sind los. Aber wir wollten uns eben nicht den Abend komplett kaputt machen lassen von den Trotteln und gingen davon aus, dass sie auch nicht direkt wiederkommen.

Als die Polizei kam, haben wir bei einem Auto unsere Aussage gemacht. Bei einem Zweiten standen zwei Angreifer. Ich dachte mir in diesem Moment gleich, das sind sie. Sie hatten die gleiche Kleidung an und hatten auch noch weitere Merkmale wie diejenigen, die zuschlugen. Wir haben sie vor Ort gleich identifiziert. Mir wurde von der Polizei angeboten, dass ich ins Krankenhaus gehen soll oder dass sie einen Notarzt holen. Das wäre sinnvoll gewesen, um Verletzungen zu checken und Spuren zu sichern. Aber das habe ich abgelehnt. Ich war da selber noch ziemlich im Stress und wollte einfach nur fertig grillen und das alles ignorieren. Das ist ja auch irgendwie Bestandteil von solch einem Angriff. Im Schockzustand reagiert man nicht ganz rational.

Opferperspektive:
Hast du nach dem Angriff Veränderungen bei dir, deinen Freunden oder deiner Familie bemerkt?

B.M.:
Am Tag nach dem Angriff sind wir nach Hause gefahren. Das war ein ziemlicher Kampf. Wir hatten viel Gepäck, was ich mit dem Fahrrad transportieren musste. Das war mit einem kaputten Nacken nicht so angenehm. Als ich Zuhause ankam, wollte meine Mutti irgendwas von mir, aber sie hat wohl mitbekommen, dass es ein ungünstiger Zeitpunkt war. Ich habe angefangen zu heulen und hatte so etwas wie einen Zusammenbruch. Mir war kotzübel. Ich konnte an diesem und dem darauffolgenden Tag nichts essen. Ich hatte dann auch wirklich starke Schmerzen. Es ging gar nichts mehr. Wir sind zwei Tage nach dem Angriff ins Krankenhaus gefahren. Dort wurde ein Schleudertrauma und ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma festgestellt.

Nach dem Angriff habe ich mich deutlich unsicherer gefühlt. Auch mein Freundeskreis, also die Leute mit denen ich da war, wurde zersprengt. Der Kleinere, den ich verteidigte, wollte zum Beispiel keine Zeugenaussage machen. Das war natürlich ungünstig für mich, weil ich auf die Fresse gekriegt habe und nicht er und es wäre schön gewesen, wenn er die Aussage macht. Das hatte für Spannungen gesorgt. Er wurde ausgeschlossen, weil alle sein Verhalten blöd fanden. Zudem waren alle deutlich unsicherer. Wir haben uns seitdem nicht wie sonst fast täglich im Park getroffen, sondern jeder hat seinen eigenen Kram gemacht und ist weitestgehend Zuhause geblieben. Dadurch ist vieles kaputt gegangen.

Die Ausbildung hat aufgrund der Angriffsfolgen auch nicht geklappt. Ich konnte mein Praktikum im Altersheim nicht absolvieren, weil ich unter Anderem nicht mehr Heben konnte. Dadurch bin ich aus meiner Klasse rausgeflogen, was dann dazu geführt hatte, dass mir eine soziale Ressource wegfiel.

Ansonsten habe ich wenigen von dem Angriff erzählt, weil ich vermeiden wollte, dass alle gleich angerannt kommen und mich mit Hilfe überschütten. Mit Pech kann so etwas in Zwang ausarten, nach dem Motto: Du musst dir doch helfen lassen! Und das sorgt eigentlich nur für noch mehr Stress. Ein paar Leuten hatte ich es dann aber doch gesagt. Von denen hat sich jetzt keiner sehr anders mir gegenüber verhalten. Aber gerade jene, die es wussten, haben mir häufiger angeboten, dass sie mich in die Stadt fahren oder abholen, damit ich nicht laufen oder mit den Öffentlichen fahren muss. Also sie waren schon ein bisschen vorsichtiger.

Opferperspektive:
Nach vier Jahren fand am 11. März 2020 der Prozess am Cottbusser Amtsgericht statt, wo sich lediglich ein mutmaßlicher Täter dem Gericht verantworten musste. Dieser wurde mangels Beweisen freigesprochen. Die Gründe dafür, so die Analyse der juristischen Prozessbeteiligten, lagen in der lückenhaften Polizeiermittlung und der Dauer des Verfahrens, wodurch sich die Zeug*innen, trotz großer Bemühungen, an Vieles nicht erinnern konnten. Wie bewertest du das, was hier passiert ist?

B.M.:
Also ich finde das, was passiert ist, sehr gruselig. Es wurde so getan, als ob ein Einzeltäter dafür verantwortlich gewesen wäre, was es einfach nicht war. Der Angeklagte hat ausgesagt, dass er da war und dass er scheinbar nichts gegen den Angriff gemacht hat, obwohl er die Leute persönlich kennt. Also wäre das doch zumindest eine Mittäterschaft gewesen oder unterlassene Hilfeleistung.

Ich bin über den Freispruch sehr unzufrieden und “schlecht ermittelt” trifft es auch nicht ganz, denn es wurde eigentlich überhaupt nicht ermittelt. Es wurden zwar Zeugenaussagen aufgenommen, aber mehr auch nicht. Es wurden uns keine Bilder gezeigt von möglichen Tätern, obwohl es heißt, dass dieser Personenkreis polizeibekannt ist. Auch der Staatsschutz, der sich mit dem rechten Hooliganspektrum auskennt, soll zu den Tätern ermittelt haben. Man hätte auf die Facebookseite des Angeklagten gucken können, weil dort zu sehen ist, dass er dem Collettivo Bianco Rosso1 nicht komplett abgeneigt ist. Zudem zeigen sich noch weitere Bezüge zur rechten Szene. Aus diesem Grund glaube ich, dass seine Aussage so wirklich nicht stimmt. Er sagte, er kenne niemanden und dass er auch mit Fußball nichts zu tun hätte.

Zudem hatte ich den Eindruck, dass die Polizeizeugen komplett unvorbereitet im Gericht waren. Ein Standard wäre es gewesen, dass sie sich vorher wenigstens mal ihre Protokolle von dem entsprechenden Tag angucken. Hat scheinbar keiner gemacht, weil es hieß bei allen: „Weiß ich nicht. Ist zu lange her.“ Da war nichts, was irgendwie zu einer Klärung beigetragen hätte. Das ist alles peinlich, denn, wenn sie schon nichts machen, warum dauert es dann vier Jahre? Das macht es ja alles nur noch dämlicher. Die Zeugenaussagen verlieren natürlich an Wert.

Opferperspektive:
Gibt es neben dem Angriff von vor vier Jahren noch weitere Erlebnisse mit Rechten die du in Cottbus machst?

B.M.:
Ja häufig. Was mich vor allem stört, ist, wenn es sich an Andere richtet. Ich hatte ein Praktikum im Flüchtlingswohnheim. Dort habe ich in einem Büro gearbeitet, wo wir bei Anträgen halfen oder irgendwelche Ämtergänge begleiteten. Wenn ich Feierabend hatte, bin ich oft zusammen mit den Klienten Richtung Stadt gefahren. Dort begegneten uns sehr oft super dämliche Kommentare. Das eine mal wurde auch einer aus der Bahn an der Haltestelle rausgetreten. Zudem wurden wir oft angespuckt, was eben auch mich des öfteren getroffen hat. In den Augen der Täter war ich natürlich der erklärte Feind, weil ich sitze ja neben dem “bösen Ausländer“ und rede mit dem, weil es einfach ein netter Mensch ist. Da hat mich der Hass natürlich auch getroffen.

Aber auch sonst passiert es mir relativ häufig, dass ich angepöbelt werde. Das ist nicht immer total offensiv, wo sich dann einer vor dir aufbaut und dich verscheuchen will, sondern manchmal kleinere Randbemerkungen. Dieses geflüsterte: „Scheiß Zecke“. Gerade beim Einkaufen passiert das. Ich wohne in einem Stadtteil, wo viele Rechte wohnen. Vor allem wenn Fußballspiele stattfinden, gehen sie bei mir vor die Haustür zum Laden und holen sich ihr Bier. Und da sind dann auch sehr viele Rechte dabei. Von denen kommen massig Kommentare und es ist schwierig, sich im Laden dagegen zur Wehr zu setzten, weil mit Pech stehen sie draußen und warten auf mich.

Oft sind es auch kleine Sticheleien, wenn ich mir zum Beispiel mal ein Sternburgbier kaufe. Dann heißt es nur immer „Zeckenbier“, oder es kommen Kommentare, ob ich denn keine Erziehung genossen habe, aber eben völlig kontextlos. Ich stehe an der Kasse und dann werde ich einfach von jemand Unbekanntem angeranzt. Das ist dann zwar keine direkte Beleidigung, sondern ein Angreifen durch denunzieren. Dazu gehören auch Kommentare wie: „Boa du siehst ja voll arm aus.“ Ich denke, niemand hat das Recht, so etwas zu sagen.

Ich habe auch Freunde aus dem linken Spektrum denen das auch verdammt häufig passiert. Also gerade denen, die Andere nicht als „deutsch“ wahrnehmen, passiert so etwas täglich. Cottbus ist eher eine braune Zone. Da geht schon eine ganze Menge ab.

Opferperspektive:
Was hat dir geholfen und was hilft dir aktuell, mit den rechten Anfeindungen und Angriffen umzugehen?

B.M.:
Auf jeden Fall hat mich die Opferperspektive unterstützt. Das war nicht nur die Unterstützung bei juristischen Fragen, die mir auch geholfen hat, oder die Anträge die gestellt wurden. Das hätte ich ja alles selber nicht gewusst. Sondern es waren vor allem die persönlichen Gespräche mit euch. Also dass ich die Möglichkeit hatte, mich Leuten anzuvertrauen, hat enorm geholfen. Durch einen Mitarbeiter konnte ich außerdem ein bisschen Anschluss bekommen an andere Leute in Cottbus, die ähnliche Erfahrungen mit Rechten gemacht haben. Da konnte ich mich austauschen. Das hat Sicherheit geboten, weil mein soziales Umfeld durch den Angriff erstaunlich drastisch reduziert wurde und da hat sich dann was Neues aufgetan. Das hat auf jeden Fall geholfen.

Opferperspektive:
Gibt es noch etwas, was du den Leser*innen mitteilen möchtest?

B.M.:
Auf jeden Fall möchte ich sagen, dass ich es wichtig finde, sich einzumischen, wenn zum Beispiel einer in der Bahn angespuckt wird. Das ignorieren die meisten Leute. Sie reagieren einfach nicht drauf, bis zu dem Zeitpunkt, bis sie dazu aufgefordert werden. Also die Leute darauf hinzuweisen, das reicht manchmal schon, damit jemand kommt und auch unterstützt. Und wenn alles gut geht, gibt es eine Gruppe, die dann gegen einen solchen Trottel steht.

Opferperspektive:

Vielen Dank für das Interview und für dein Vertrauen!

 

1. Eine rechte Fangruppierung des FC Energie Cottbus, Anmerkung Opferperspektive)

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