“Ich bin vorsichtiger geworden”


© Tanya Raab

Interview mit der jüdischen Aktivistin Tanya Raab über den Umgang mit Bedrohungen im Netz

Attacken im digitalen Raum zielen darauf ab, Nutzer:innen einzuschüchtern und ihre Stimmen verstummen zu lassen, um sie aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen. Es gehört zur Strategie rechter und rechtspopulistischer Akteur:innen, diese Stimmen gezielt mundtot zu machen. Vor allem marginalisierte und migrantisierte Stimmen, die im digitalen Raum durch den niedrigschwelligen Zugang zu sozialen Medien erst eine Möglichkeit finden, sich Gehör zu verschaffen, sind davon betroffen.

Solchen Anfeindungen ist auch Tanya Raab aus Brandenburg an der Havel ausgesetzt. Tanya ist jüdische Aktivistin und macht unter anderem auf Instagram Aufklärungsarbeit und Bildungsarbeit im Bereich jüdisches Leben und Antisemitismus. Sie war vorher schon außerhalb der sozialen Medien politisch aktiv,während des Corona-Lockdowns hat sich ihr Aktivismus dann in den digitalen Raum verlagert:

„Ich bin darauf gekommen, weil es sehr wenige Möglichkeiten gab, das offline zu machen. Ich habe auf Instagram gesehen, dass es dort sehr viele Leute gibt, die Aktivismus machen, aber nichts in diese Richtung und dachte mir, es wäre ganz cool, auch über jüdisches Leben zu sprechen, über Antisemitismus-Erfahrungen, darüber wie heute jüdische Menschen in Deutschland leben und was uns bewegt.“

Auf Instagram hat sie viel Anklang gefunden und ist nun regelmäßig im Austausch mit Menschen, die mehr über jüdisches Leben lernen möchten. Doch sehr schnell war Tanya auch Drohungen und Anfeindungen ausgesetzt.

„Es ist mir früh begegnet, als mein Account noch relativ klein war. Die Leute sind wahrscheinlich schon durch das Jewish in meinem Namen direkt auf mich gestoßen. Die Menschen, die mir die Beleidigungen geschrieben haben, die mir gedroht haben, kamen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Das ging dann bis zu Morddrohungen gegen mich und gegen meine Familie.“

Tanya berichtet vor allem über antisemitische Anfeindungen, aber auch über viele sexistische und LGBTIQ-feindliche Kommentare. Im Januar dieses Jahres wurde dann ein Artikel über Tanya im Telegram Kanal von Attila Hildmann veröffentlicht, der ihren Namen, Wohnort, Instagram-Account und Foto beinhaltete.

„Das war auch so ein Moment, der sehr erschreckend für mich war.“

Tanya geht mit den Anfeindungen und Drohungen unterschiedlich um:

„Es kommt sehr auf die Drohung oder Anfeindung an. Manche Sachen, die einfach aus puren Beleidigungen und Hass bestehen, da blockiere ich die Leute und melde sie bei Instagram. Mit manchen Menschen, die vielleicht ein bisschen konstruktiver schreiben, versuche ich ein Gespräch zu führen, je nachdem, wie meine Laune und wie meine Kapazitäten sind. Dann antworte ich ‚Hey, warum denkst du das? Wie kommst du darauf?‘ Und manchmal entstehen daraus auch Erkenntnisse.“

Von Anzeigen hat Tanya bislang abgesehen, da sie negative Erfahrungen mit der Polizei machen musste:

„Als Attila Hildmann diesen Aufruf gegen mich gestartet hat, habe ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Polizei es nicht ernst genommen hat. Danach habe ich mir nicht nicht mehr die Mühe gemacht, die ganzen anderen Sachen anzuzeigen. Was ich jetzt aber ändern möchte, definitiv.“

Der zuständige Beamte wollte Tanyas Anzeige damals nicht aufnehmen, weil kein Straftatbestand vorläge. Es sei lediglich „kein positives Feedback“ und damit müsse sie „umgehen können“.

„Ich habe ihn dann darauf hingewiesen, dass das kein „Feedback“ ist, sondern eine akute Bedrohung. Aber er hat das nicht ernst genommen. Attila Hildmann habe ja nicht direkt reingeschrieben ‚Bringt Tanja um‘, sondern nur meine Daten veröffentlicht. Dabei ist allen bekannt, aus wem diese Gruppen bestehen und dass dort auch gewaltbereite Menschen sind, die sich durch das Internet radikalisieren.“

Glücklicherweise sind die Beleidigungen und Bedrohungen gegen Tanya nicht in ihren analogen Alltag übergangen. Dennoch hat es Einfluss auf ihr Sicherheitsempfinden:

„Vor allem seitdem es diesen Aufruf gab, bin ich sehr vorsichtig geworden. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Tochter alleine unterwegs bin, trage ich keine jüdischen Symbole. Und auch wenn ich allein unterwegs bin, trage ich etwa einen Hut über der Kippa. Wenn ich Fotos auf Instagram poste, achte ich darauf, das nicht zu sehen ist, wo wir wohnen.“

Tanya thematisiert die Bedrohungen und antisemitischen Kommentare in ihren Postings und erfährt Solidarität aus der Community. Mit anderen jüdischen Aktivist:innen, die ähnlichen digitalen Bedrohungen ausgesetzt sind, ist sie ebenfalls im Austausch. Als in einer lokalen Zeitung ein Interview mit Tanya erschien, wurde die Opferperspektive im Rahmen der Online-Beratung aktiv und nahm Kontakt auf.

„Ich fand das gut, weil ich das Gefühl hatte, da ist endlich jemand, der mich ernst nimmt. Als das damals passiert ist, habe ich mich extrem hilflos gefühlt. Nachdem dann noch die Polizei versagt hat, dachte ich:‚Niemand hilft mir‘. Da fand ich das toll, dass ihr auf mich zugekommen seid und mir einfach gezeigt habt‚ wir sind da und wir können helfen, falls etwas passieren sollte.”

Sie resümiert:

„Es sollte im Bewusstsein bleiben, dass jüdische Menschen eine sehr verletzliche Gruppe sind, eine Gruppe ist, die geschützt werden muss. Ich weiß, dass viele jüdische Menschen ein Problem damit haben, sich so zu sehen, weil sie nicht immer als Opfer gesehen werden möchten. Dieses Bedürfnis habe ich auch. Aber leider müssen wir geschützt werden, da kommen wir, glaube ich, nicht drum herum.“

Zu der gesamten Ausgabe der Schattenberichte.

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