Die Machtverhältnisse einmal umgedreht

Die Frau rennt auf die Straße, sie schreit. »Gehen Sie weg!«, faucht sie. »Sie vertreiben meine Kunden!« Die blond-gefärbte Verkäuferin versucht hektisch die Interessenten, die sich vor ihren Schaufenstern drängen, zu verscheuchen. Sie lässt die Jalousien herunter, sie fuchtelt mit ihrem Handy, hinter ihr
erscheint drohend ein junger Glatzkopf – doch die Menschen vor den Schaufenstern verschwinden nicht. Sie inspizieren interessiert die Ware, die hier feilgeboten wird. Da versucht es die blonde Frau mit einem Trumpf, der ihr ganz besonders stark erscheint: »Kennen Sie die Gesetze der BRD?«, ruft sie den Leuten auf der Straße zu. Damit hat sie die Richtigen angesprochen.

»Wir kennen die Gesetze der Bundesrepublik ziemlichgenau«, spottet der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter, der selbst Notar ist. »Gehen Sie mal wieder rein in Ihren Laden und hören Sie auf zu schreien!« Es sind Parlamentarier aus dem Bundestag, der Europaparlament und den Landtagen, die sich hier in der brandenburgischen Stadt Wittstock vor einem ganz besonderen Laden versammelt haben – dort, wo sich die Neonazis ihre Ausstattung kaufen: Thor-Steiner-Pullover, deren Logo ein verfremdetes Zeichen einer SS-Panzerdivision ist oder Shirts der Marke Hate (Hass). Und es ist hier offenbar das erste Mal, dass die Machtverhältnisse umgedreht sind: Nicht die Rechtsradikalen zeigen Präsenz, sondern Demokraten.

Angesichts der Zahlenverhältnisse verzieht sich der Glatzkopf schnell wieder. Man sieht nur noch sein Hemd, auf dem steht »Solidarität mit Luni«. Luni, das ist der Spitzname des Sängers der rechtsradikalen Band Landser, der wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung im Gefängnis sitzt. Die blonde Verkäuferin keift nur noch: »Geht endlich, ihr gefährdet meinen Arbeitsplatz!«

Ein ganzer Bus voller Parlamentarier hat am Wochenende Orte besucht, in denen das Problem des Rechtsradikalismus besonders deutlich wird. Wittstock zum Beispiel. Ein Drittel seiner Einwohner hat die alte Tuchmacherstadt seit der Wende verloren. Die, die blieben, zeichnen sich nicht gerade durch heftiges demokratisches Engagement aus. Als einige aktive Bürger vor zwei Jahren zu einer Demonstration gegen einen rechten Aufmarsch aufriefen – da kam keiner. »Es war ein glatter Reinfall«, sagt Gisela Guskowsky vom Bürgerbündnis gegen Rechtsextremisten in Wittstock. Mittlerweile macht der ehemalige Leiter der örtlichen Polizeiwache mit, eine erfahrene Lehrerin, Mitarbeiter der evangelischen Kirche. Und sie bekommen Hilfe: von den mobilen Beratungsteams und vom Verein Opferperspektive. »Unsere wichtigsten Verbündeten«, sagt Guskowsky.

Verpuffende Hilferufe

Doch die Arbeit der Helfer ist bedroht. Zum Jahresende will das Bundesfamilienministerium das Geld streichen, neue Programme sollen die bewährten Strukturen ersetzen. Auch die angesichts heftiger Kritik zugestandene Verlängerung um sechs Monate hilft den Initiativen kaum. Bereits jetzt suchen sich die besten Fachleute andere Stellen. Die Mitarbeiter der Opferperspektive haben alle schon beim Arbeitsamt vorgesprochen. Sie hinterlassen ein Vakuum, in dem Hilferufe wie aus Wittstock verpuffen: »Sie müssen uns helfen«, beschwört ein Bürger die Abgeordneten. »Wir müssen erklären, was an der Demokratie so gut ist, dass wir sie stärken müssen.«

Denn die rechtsradikale Szene hat sich verfestigt, berichtet Jonas Frykman von der Opferperspektive in Potsdam. Demokratische Strukturen sind hier kaum wirksam«, sagt er. In Wittstock hat man es mittlerweile mit »drei Generationen Nazis« zu tun, die älteren hatten wieder Kinder, oft vertreten die Steppkes schon in der Grundschule die rechtsradikalen Thesen ihrer
Eltern.

Auch vor Gericht stehen nicht mehr nur dumpfe Glatzen in Springerstiefeln. »Früher zeichneten sich die Täter durch mäßige Intelligenz und starken Alkoholgenuss aus«, hat der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher in Neuruppin beobachtet. »Heute spielt der Alkohol keine Rolle mehr. Man begeht die Tat stocknüchtern. Im Zuschauerraum sitzen dann NPD-Funktionäre und die Angeklagten bekennen sich freimütig zum politischen Hintergrund ihrer Tat.«

Aktuelles , ,