“Ich dachte, die wollen meinen Mann töten”


Prozess nach rassistischem Angriff in Bad Freienwalde zu Ende

Aus unserem Rundbrief Schattenberichte Juli 2019

Vor vier Jahren griffen eine Gruppe von Neonazis nach einem Stadtfest in Bad Freienwalde drei Personen an und verletze diese zum Teil schwer. Im April 2019 fiel das Urteil: Drei der Angreifer*innen wurden verurteilt, ein weiterer Prozess steht aus. Von der Tat, dem Verhalten der Polizei und dem Einfluss, den der Angriff auf ihren Alltag hatte, erzählen und Yaro* und Isabell*.

Opferperspektive: Der Angriff ist bereits vier Jahre her -bei solch einem langen Zeitraum fällt es schwer, sich an den genauen Tathergang zu erinnern. Ein Gedächtnisprotokoll nach der Tat anzufertigen, kann hier helfen. Isabell, du hast in der Situation Tonaufnahmen machen können, die auch vor Gericht abgespielt worden sind. Dort sind die rassistischen Beschimpfungen und mindestens ein Schlag zu hören. Wie kam es dazu?

Isabell: Mein Mann bat mich Aufnahmen zu machen, weil er Sorge hatte, dass uns niemand glaubt was dort passiert. Der ganze Angriff ging schon früher los und hat sich über mehrere Situationen hingezogen. Zuerst haben die uns verfolgt, meinen Mann Yaro rassistisch beleidigt und angegriffen. Ich habe versucht die Polizei zu rufen und wurde auch angegriffen. Anschließend bin ich zur Polizeiwache gelaufen, um dort Hilfe zu holen. Doch dort reagierte niemand auf mein Klingeln, Klopfen und Rufen, obwohl die Wache besetzt war. Ich dachte, die wollten meinen Mann töten. Als ich auf dem Weg zurück auf ein Polizeiauto traf, sagte ich dem Polizisten, dass mein Mann Ausländer sei und gerade totgeschlagen wird. Die sind dann gewendet und nicht in die Richtung des Tatortes, sondern stadtauswärts. Es dauerte einige Minuten bis die Polizei dazu kam.

Opferperspektive: Und was machten die Polizisten vor Ort?

Isabell: Die Polizei hat sich zwischen uns und die Angreifer*innen gestellt. Aber die haben immer wieder über die Polizei hinweg geschlagen. Das war ein gewalterfüllter Mob. Ich dachte, es kommt noch mehr Polizei, aber die kam nicht.

Yaro: Ich habe mich als die Polizei kam sicherer gefühlt, aber das ging weg als sie uns keine Sicherheit bieten konnten. Als eine weitere Sirene zu hören war, sind die Angreifenden dann weg. Ich meinte noch zur Polizei, die sollen die Personalien aufnehmen. Der Polizist meinte, dass sie die kennen und das nicht machen bräuchten. Es wurde aber, das erfuhr ich später, nicht gegen alle ermittelt.

Opferperspektive: Bad Freienwalde ist eine kleine Stadt und die Täter*innen lokal verankert. Welchen Einfluss hatte der Angriff auf euren Alltag?

Yaro: In den letzten Jahren haben wir lange aus Angst auswärts eingekauft und haben nicht mehr am sozialen und kulturellen Leben teilgenommen. Wir sind denen auch immer mal wieder begegnet, die haben eine Mülltonne in unserer Einfahrt ausgeleert und laut rechtsradikale Hassmusik vor unserer Tür gehört.

Isabell: Das ist ein machtloses Gefühl, wenn man den Eindruck hat, die Polizei versucht es unter den Tisch zu kehren. Erst weitaus später wurde durch die Presse der Staatsschutz hinzugezogen. Sonst wäre wohl nichts passiert.

Opferperspektive: Der Richter hat in seiner Urteilsverkündung klare Worte für das rassistische Motiv gefunden und betont, dass es solche Taten nicht mehr in Bad Freienwalde geben darf und geben wird. Wie steht ihr dazu?

Isabell: Es ist unfassbar, dass es fast vier Jahre gedauert hat bis ein Prozess nur gegen einen Teil der Gruppe abgeschlossen wird und sich die Dauer auch noch auf die Urteile in deren Gunsten auswirkt.

Opferperspektive: Vielen Dank für eure Offenheit und viel Kraft für die Zukunft.

*Die Namen der Betroffenen wurden geändert

Die gesamte Ausgabe ist als PDF hier zu finden:

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