Mit großer Betroffenheit nimmt die Opferperspektive Abschied von Ibraimo Alberto, der am 10. April 2026 im Alter von nur 63 Jahren völlig unerwartet gestorben ist. Mit ihm verlieren wir einen langjährigen Weggefährten, Freund und Kooperationspartner. Und wir verlieren einen Menschen, der über viele Jahre hinweg wie nur wenige für Würde, Menschlichkeit und Gerechtigkeit eingestanden ist.
Ibraimo Alberto wurde 1963 in Mosambik geboren. 1981 kam er als Vertragsarbeiter in die DDR. Er wollte lernen und träumte davon, Sport zu studieren. Stattdessen wurde er als Fleischer im Fleischkombinat Berlin eingesetzt. Später arbeitete er als Gruppenleiter im VEB Glaswerke Berlin-Stralau und kümmerte sich dort um die mosambikanischen Vertragsarbeiter. In seiner Freizeit spielte er leidenschaftlich gern Fußball und begann eine erfolgreiche Karriere als Amateurboxer. Diese führte ihn 1990 nach Schwedt/Oder. Für den Uckermärkischen Boxverein Schwedt 1948 boxte er in der Bundesliga. Daneben absolvierte er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter.
In der Oderstadt übernahm er viele Aufgaben und Ehrenämter. Er war Sozialarbeiter, engagierter Mitstreiter in Integrationsprojekten, Ausländerbeauftragter, Jugendclubleiter und Stadtverordneter. Vor allem aber war er jemand, an den sich Menschen wandten, wenn sie Hilfe brauchten. Jemand, der zuhörte. Der unterstützte. Der handelte.
Wir haben Ibraimo vor vielen Jahren kennengelernt. Denn überall dort, wo Menschen in seiner Stadt rassistische Gewalt erlebten, wo Bedrohung und Ausgrenzung zum Alltag gehörten, war er für sie da. Als Unterstützer. Als Vermittler. Als jemand, der Menschen Mut machte, wenn andere längst weggeschaut hatten.
Für die Opferperspektive war er weit mehr als ein Kooperationspartner. Uns verband der gemeinsame Kampf gegen Rassismus und rechte Gewalt.
Als einziger Schwarzer Integrationsbeauftragter Brandenburgs kämpfte er in Schwedt für die Rechte von Geflüchteten und Migrant*innen, für Respekt und Würde. Sein außergewöhnliches Engagement für Teilhabe und Zusammenhalt wurde vielfach geschätzt, fand institutionell jedoch nicht die notwendige Unterstützung. Ehrenamtlich konnte er diese Aufgabe übernehmen – bezahlt wurde er von der Stadt für diese Arbeit jedoch nicht.
Zugleich war er auch selbst betroffen von rassistischen Anfeindungen: Attacken auf offener Straße, Bedrohungen und Beleidigungen, Provokationen und Blicke, die jeden Tag signalisierten: Du gehörst hier nicht wirklich dazu. Ibraimo zeigte zahlreiche rassistische Angriffe an, doch geschah in den meisten Fällen nichts.
Besonders schmerzhaft war für ihn, als schließlich auch seine Kinder immer offeneren Rassismus erlebten. Nachdem eines seiner Kinder bei einem Fußballspiel rassistisch attackiert wurde, traf die Familie eine schwere Entscheidung: Sie verließ Schwedt. Ibraimo Alberto zog nach Karlsruhe. Dort begann er in einer Kita zu arbeiten. In Karlsruhe – so beschrieb es Ibraimo – konnte er wieder freier atmen.
Trotz der Entfernung blieb die Verbindung, die Freundschaft und der gemeinsame Einsatz. Denn Ibraimo engagierte sich weiter – für Betroffene rechter Gewalt, für die vergessenen Rechte der mosambikanischen Vertragsarbeiter*innen in der DDR, für Anerkennung, Respekt und Aufarbeitung.
Vielleicht war es genau das, was uns an ihm so tief beeindruckt hat: diese besondere Verbindung aus Stärke und Wärme. Ibraimo war ein Kämpfer. Aber keiner, der sich verhärtete. Er sprach offen über Angst, über Ohnmacht und darüber, was Alltagsrassismus mit Menschen macht. Über das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dass man dazugehört. Über die Erschöpfung, die entsteht, wenn man jeden Tag gegen Entwürdigung ankämpfen muss. Und trotzdem verlor er nie seine Menschlichkeit. Ibraimo wusste, was Unrecht bedeutet. Und er wusste, wie wichtig Solidarität ist. Seine Stimme war nie laut um ihrer selbst willen. Sie hatte Gewicht, weil sie ehrlich war.
Viele Menschen kannten Ibraimo Alberto als Aktivisten. Wir erinnern uns vor allem auch an ihn als Mensch: an seinen Humor, seine Wärme, seine Offenheit und seine außergewöhnliche Präsenz. Daran, wie er Menschen gesehen hat. Wie aufmerksam er war. Wie er Hoffnung geben konnte, selbst in schweren Momenten.
Uns bleiben die Erinnerungen an gemeinsame Gespräche, an politische Kämpfe, an traurige und schöne Momente. Uns bleibt große Dankbarkeit dafür, dass wir ihn kennen durften. Und uns bleibt sein Vermächtnis: nicht zu schweigen, nicht wegzusehen und es niemals hinzunehmen, wenn Menschen erniedrigt oder ausgeschlossen werden.
Allen Hinterblieben sprechen wir unsere tiefe Anteilnahme aus.
Danke, Ibraimo.
