Am 20. Februar 1996 starb Sven Beuter in Folge eines brutalen Neonazi-Angriffs in Brandenburg an der Havel. Seit 2020 erinnert die Gedenkinitiative Sven Beuter an ihn und die Tat. Anlässlich des 30. Jahrestags haben wir Mitwirkende in der Initiative zu ihrem Engagement interviewt.
Opferperspektive: Wie lang gibt es eure Gedenkinitiative schon und wofür setzt ihr euch ein?
Gedenkinitiative: Wir haben uns als Initiative im Sommer 2020 gegründet. Anlass war der 25. Todestag von Sven Beuter am 20.02.2021. Die meisten von uns waren aber auch schon in den Jahren zuvor in das Gedenken (organisatorisch) involviert. Zum 25. Todestag von Sven haben wir während der Coronazeit mehrere Online-Veranstaltungen organisiert, eine Zeitung mit dem Titel “Erinnern. Mahnen. Bilden.” herausgebracht und eine große Kundgebung am Todestag organisiert.
Opferperspektive: Eure Initiative organisiert anlässlich des 30. Todestags von Sven Beuter eine Gedenkdemonstration in Brandenburg/Havel. Was genau ist geplant?
Gedenkinitiative: In den vergangenen Jahren haben wir immer am Todestag von Sven Beuter eine kleinere Kundgebung in der Havelstraße 13 in Brandenburg an der Havel organisiert, wo sich die Gedenkplatte befindet. Zum 20. und 25. Todestag hatte die Antifa-Jugend Brandenburg überregional zu Gedenk-Demonstrationen mobilisiert. Neben der Demo 2016 organisierte die Antifa-Jugend Brandenburg damals auch mehrere Bildungsveranstaltungen. Diese Idee hatten wir 2020 übernommen und drei Online-Veranstaltungen durchgeführt sowie die Zeitung “Erinnern. Mahnen. Bilden.” in einer Auflage von 10.000 Stück in der Stadt verteilt.
Dieses Jahr organisieren wir als Initiative das erste Mal die große Demonstration alleine und dazu haben wir das Konzept mit den begleitenden Bildungsveranstaltungen beibehalten. Der erste der drei Abende, die wir im Februar organisiert hatten, stand unter dem Thema “Rechtsextreme Jugendbewegungen in Brandenburg”. Dies schien uns besonders wichtig zu sein, da immer mehr junge Neonazis an die “Baseballschlägerjahre” anknüpfen, die Zeit, in der auch Sven Beuter die rechte Gewalt mehrmals brutal getroffen hat. Vor dem letztendlich tödlichen Angriff am 15. Februar 1996 wurde er 1993 brutal von Neonazis mit einem Baseballschläger angegriffen, erlitt einen Schädelbruch und musste das Sprechen neu erlernen.
Bei der zweiten Bildungsveranstaltung wurde ein Vortrag zum Thema “Demokratie in der Krise” gehalten. Bei der dritten und letzten hatten wir das Thema “Erinnerungskultur – Chancen und Herausforderungen” gehabt. Hier war es uns wichtig, dass wir auch unsere eigene Gedenkarbeit kritisch hinterfragen.
Den Abschluss bildet die Gedenkdemonstration am 21. Februar. Hier wollen wir mit einer kraftvollen Demonstration vom Hauptbahnhof durch die Stadt bis zur Gedenkplatte in der Havelstraße 13 ziehen. Nach der Zwischenkundgebung dort geht es zurück zum Hauptbahnhof.
Opferperspektive: Was bedeutet für euch “Gedenken” und was ist euch dabei besonders wichtig? Wie hat sich das Gedenken an Sven im Laufe der Zeit verändert?
Gedenkinitiative: Wir haben unsere Gedenkarbeit seit unserem Zusammenfinden 2020 unter die drei Worte “Erinnern. Mahnen. Bilden.” gestellt. Damit sind die drei Bereiche, auf die unser Gedenken abzielt, gut benannt. Wir wollen zum Ersten an den Menschen Sven Beuter erinnern, wer und wie er war. Bei diesem Aspekt steht für uns Sven im Vordergrund. Zum Zweiten fassen wir unter dem Mahnen, dass wir die politischen Umstände der Tat thematisieren und auf die aktuellen politischen Missstände hinweisen und diese kritisieren. Als letzter Punkt ist uns das Bilden wichtig, auch um aufzuklären und den rechten sowie autoritären Entwicklungen unserer Zeit im Kleinen entgegenzuwirken.
Das Gedenken hat sich über die mittlerweile 30 Jahre stark verändert. Unmittelbar nach Svens Tod und in den Jahren danach wurden die Gedenk-Demonstrationen insbesondere auch von Personen organisiert, die Sven selbst kannten, mit ihm befreundet waren. Das hat über die Jahre stark abgenommen, weshalb leider vielleicht der Aspekt des Erinnerns in unseren Aktivitäten nicht allen Ansprüchen gerecht wird.
Opferperspektive: Wie ist die Resonanz auf eure Gedenkarbeit? Was wünscht ihr euch von der Stadt und den Menschen, die in Brandenburg an der Havel leben?
Gedenkinitiative: Man kann schon sagen, dass wir mit unserer Gedenkarbeit in der Regel immer dieselben interessierten Menschen erreichen. Zu den kleineren jährlichen Kundgebungen kommen zwischen 30 – 50 Menschen. Die politisch Verantwortlichen in Brandenburg an der Havel sind an diesem Thema gar nicht interessiert und es gibt keine Beteiligung dieser Verantwortlichen an unseren Aktivitäten. Als 2016 auf Initiative von der Partei Die Linke die Debatte in der Stadtverordnetenversammlung aufkam, ob die Straße nach Sven benannt werden sollte, wurde schnell klar, dass die wenigsten Kräfte in der Stadt ein Interesse an dem Gedenken haben. Wir wollen aber an dieser Stelle auch klar betonen, dass wir kein institutionelles Gedenken möchten. Wir finden es wichtig, dass das Gedenken aus der Zivilgesellschaft heraus organisiert wird und sich die Gedenkarbeit nicht abhängig von staatlichen Institutionen oder Förderungen macht.
Opferperspektive: Welchen Herausforderungen begegnet ihr in eurer Arbeit?
Gedenkinitiative: Wie bereits oben angedeutet, ist die Spannung zwischen dem Erinnern an die Person Sven und dem Benennen der politischen Motive und der Verbindung zur heutigen Situation mitunter schwierig. Fragen, die wir uns stellen, diskutieren und auf die wir keine abschließende Antwort bisher gefunden haben, sind zum Beispiel für die Jüngeren in unserer Initiative, die Sven nie kennenlernen konnten: Wie können wir einer Person gedenken, die wir selbst nicht kannten?
Sven war ein sehr schüchterner junger Mann, der nicht gerne im Mittelpunkt stand. Der ausgestaltete mahnende Aspekt unseres bisherigen Gedenkens steht damit im Konflikt zum Erinnern an Sven, das ihm als Person gerecht wird. Er hätte es nicht gemocht, so im Mittelpunkt zu stehen. Diese Spannungen aufzulösen, ist für uns nicht leicht und wir haben darauf auch noch keine Antwort gefunden, wie das gelingen kann.
Ein Problem abseits dieser Fragen, das uns die letzten Jahre immer stärker vor Herausforderungen gestellt hat, ist, dass die Initiative in den vergangenen Jahren personell sehr geschrumpft ist. Die Arbeit lastet damit auf nur wenigen Schultern. Uns gelingt es bisher leider nicht, neue Menschen in die Gedenkarbeit einzubinden.
Wir sehen insgesamt zwei Herausforderungen für die kommenden Jahre: Als Erstes das Problem mit Engagement in der Initiative, dafür neue Menschen zu gewinnen.
Eine besondere Herausforderung sehen wir in der Weiterentwicklung der Gedenkarbeit, im Ausbrechen aus alten Mustern und im Nichtverharren in althergebrachten Gedenkformen. Umso wichtiger ist die breite Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren wie der Opferperspektive, die uns seit vielen Jahren in unserer Arbeit begleitet.
Opferperspektive: Wie ordnet ihr Svens Ermordung in die politische Situation in Brandenburg der 90er Jahre ein? Und wie schaut ihr auf die extreme Rechte und rechte Gewalt heute?
Gedenkinitiative: Svens Tod ist eine der, wenn nicht gar die drastischste Auswirkung der so genannten Baseballschlägerjahre in Brandenburg an der Havel. Betrachten wir die alltägliche Gewalt der Neonazis der 1990er Jahre, das Wegsehen staatlicher Behörden und das Schweigen einer gesellschaftlichen Mehrheit, dann war es leider nur konsequent, dass Neonazis mehrere Menschen im Land Brandenburg ermordet haben.
Heutige Entwicklungen lassen natürlich einen Vergleich mit den 1990er Jahren als notwendig erscheinen, auch wenn wir glauben, dass die heutige Zivilgesellschaft, auch in Brandenburg an der Havel, besser aufgestellt ist als damals und die Gewalt in der Fläche nicht die selben Dimensionen hat. Nichtsdestotrotz ist jede Gewalttat grausam und für die Betroffenen ein brutaler Einschnitt ins Leben, damals wie heute.
Die Polizei ist heute in der Thematik sensibler aufgestellt, wenngleich wir uns die Frage stellen sollten, ob wir uns von solch einer staatlichen Institution abhängig machen wollen und wie sehr oder ob wir auf deren Arbeit vertrauen wollen und können.
Nicht nur die AfD hat in den vergangenen Jahren ein politisches Klima erzeugt, das Hass und Hetze salonfähig gemacht und den politischen Diskurs weit nach rechts verschoben hat. Auch in Brandenburg an der Havel sind vermehrt junge Rechte und Neonazis präsent, die nicht nur vom optischen Auftreten an die so genannten Baseballschlägerjahre anknüpfen. Protegiert werden sie von der AfD, die sie auf ihren Wahlkampfveranstaltungen nicht nur duldet, sondern auch willkommen heißt.
Wir nehmen auch wahr, dass die antifaschistische Bewegung angesichts der scheinenden Übermacht in eine Art Lethargie verfallen zu sein scheint. Wir würden uns eine wieder breitere und besser vernetzte antifaschistische Bewegung wünschen.
Mehr Informationen zur Arbeit der Gedenkinitiative Sven Beuter findet ihr auf Instagram.
Hintergründe zu dem tödlichen Neonazi-Angriff auf Sven Beuter gibt es auf unserer Webseite
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