Statistik rechter Gewalttaten in Brandenburg

Seit 2002 wertet die Opferperspektive registrierte rechte Gewalttaten statistisch aus. Für das Jahr 2015 hat der Verein Opferperspektive bislang 203 rechte Gewalttaten (2014: 98, mit Nachmeldungen) registriert. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die rechten Gewalttaten damit um 120 % an. Sie richteten sich nach Kenntnis der Beratungsstelle gegen mindestens 706 Betroffene (415 direkte Betroffene und 291 indirekt Betroffene). Der Anteil der rassistisch motivierten Taten ist im Vergleich zum Vorjahr nochmals gestiegen und macht 68 Prozent aller registrierten Taten aus (2014: 63 Prozent).

Es wurden 137 Körperverletzungen – davon 76 gefährliche – registriert sowie 30 Bedrohungen, 10 Brandstiftungen, 19 Sachbeschädigungen und eine versuchte Tötung. Von einem hohen Dunkelfeld ist auszugehen.

36 Gewalttaten wurden aus Hass gegen politische Gegner_innen verübt, 9 richteten sich gegen nicht Rechte, 4 gegen sozial ausgegrenzte Menschen und vier Angriffe waren antisemitisch motiviert. Zwei Mal wurden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angriffen und einmal ein Menschen mit Behinderung. In 138 der 203 Fälle wurden Geflüchtete und Migrant_innen angegriffen, damit stieg der Anteil der rassistisch motivierten Gewalttaten nochmals um 5 Prozent.

Nicht erfasst wurden Kundgebungen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen vor Flüchtlingsheimen und Privatwohnungen, in denen Flüchtlinge leben. Sie sind von den Veranstaltern als Einschüchterung gemeint und werden von den Betroffenen als Bedrohung empfunden, können aber statistisch nicht als Gewaltdelikt gewertet werden.

Stand: 31. März 2016

Die Fallzahlen des Landeskriminalamts (LKA) und der Opferperspektive sind nicht direkt vergleichbar. Die Opferperspektive erfasst zusätzlich zu den vom Landeskriminalamt nach der Definition Politisch motivierte Kriminalität-rechts gezählten Delikten auch Bedrohungen, Nötigungen und Sachbeschädigungen. Bis 2005 waren, wenn man nur die nach dem Erfassungssystem PMK-rechts erhobenen Delikte betrachtet, dennoch erhebliche Abweichungen vorhanden. Seit 2006 enthält die Statistik der Opferperspektive auch Fälle, die nur dem LKA bekannt wurden. Diese werden regelmäßig den Antworten der Landesregierung Brandenburg auf Kleine Anfragen der Landtagsfraktion der Partei DIE LINKE entnommen.

Zahl rechter Gewalttaten und Geschädigter

Statistik 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
Gewalttaten (OPP) 130 117 137 140 140 159 104 101
Gewalttaten (LKA) 78 87 105 97 90 93 71 69
Direkt Geschädigte (OPP) 171 152 179 196 206 262 174 138
Statistik 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Gewalttaten (OPP) 108 87 95 85 98 203
Gewalttaten (LKA) 66 39 58 48 73 129
Direkt Geschädigte (OPP) 149 158 146 113 124 415

Zahl rechter Straftaten nach Tatmotiven

Motiv 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Rassismus 50 67 30 49 49 35 46 39 58 138
Antisemitismus 8 2 2 3 2 2 0 1 1 4
Homophobie 0 0 2 0 0 1 1 1 1 2
gegen Menschen mit Behinderung 1 1 1 0 0 0 0 2 0 1
gegen sozial Benachteiligte 0 1 1 1 0 1 2 2 2 4
gegen politische Gegner 30 39 34 26 25 25 31 30 19 36
gegen nicht Rechte 42 38 32 18 27 23 15 10 11 9
Sonstiges 1 0 0 0 0 0 0 0 0 9
Unklar 8 11 2 4 5 0 0 0 0 0

Stand: 31.März 2016

Die meisten rechten Angriffe fanden in Cottbus (28) und im Landkreis Spree-Neiße (29) statt, gefolgt von den Landkreisen Oberhavel (17), Uckermark (16) und Ostprignitz-Ruppin (16). Insbesondere in Cottbus korrespondierte der Anstieg rechter Gewalt im letzten Quartal des Jahres eindeutig mit der zeitgleichen Zunahme von rassistischen Protesten – so wurden allein am 23. Oktober im Anschluss an einen rassistischen Aufmarsch sieben Angriffe verübt.

Die Hemmschwelle zur Gewalt ist deutlich gesunken und Täter_innen greifen oft spontan und bei Gelegenheit an. Besorgniserregend ist nach Sicht der Opferperspektive die gestiegene Brutalität der Angriffe wie zum Beispiel in Finsterwalde, wo Geflüchtete in der Nähe der GU aus einem Auto heraus beschossen wurden, sowie die Zunahme von Brand- und Sprengstoffanschlägen und von planvolleren Anschlägen wie der Brandanschlag auf eine zukünftige Unterkunft für Geflüchtete in Nauen oder die massive Pefferspray-Attacke auf Geflüchtete in der GU in Massow. Außerdem rückten verstärkt Menschen, die Geflüchtete unterstützen, sowie Journalist_innen und Politiker_innen in den Fokus der Täter_innen.

Die gesellschaftliche Resonanz für rassistische Positionen und für die Mobilisierung gegen Geflüchtete hat sich spürbar vergrößert und stellt nach Einschätzung der Opferperspektive den Nährboden für die eskalierende rechte Gewalt dar. Doch auch Politiker_innen der demokratischen Parteien tragen zu der Verschärfung des rassistischen Klimas bei, wenn sie Geflüchtete und ihre Fluchtgründe delegitimieren und den Zuzug von Schutzsuchenden als Krise inszenieren. Rassistisch eingestellte Durchschnittsbürger_innen fühlen sich dadurch in ihrer Menschenverachtung bestärkt und setzen so ihren Rassismus auch in Gewalt um.

 

Zahl rechter Gewalttaten nach Landkreisen und kreisfreien Städten

Landkreis/Kreisfreie Stadt 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Barnim 10 6 3 6 7 5 2 3 2 4 6 6 8 6
Brandenburg an der Havel 1 1 2 2 1 1 3 0 2 2 3 4 2 5
Cottbus 13 9 9 9 7 13 5 13 19 10 7 5 10 28
Dahme-Spreewald 12 3 7 9 13 6 4 4 3 3 4 0 4 10
Elbe-Elster 1 2 1 5 1 10 1 2 3 1 0 1 4 5
Frankfurt (Oder) 5 7 6 2 13 9 5 5 0 11 6 2 3 8
Havelland 14 18 24 17 11 13 6 10 2 2 3 0 4 9
Märkisch-Oderland 4 7 15 6 3 9 8 8 7 7 2 4 3 9
Oberhavel 6 6 5 7 10 12 8 1 8 4 3 1 7 17
Oberspreewald-Lausitz 7 1 4 4 2 3 2 4 2 3 6 2 5 5
Oder-Spree 3 1 12 15 7 9 6 3 3 5 5 2 6 7
Ostprignitz-Ruppin 9 6 7 9 7 8 6 7 15 13 9 4 3 16
Potsdam 12 15 15 27 22 14 17 12 7 7 10 12 8 13
Potsdam-Mittelmark 2 6 7 8 9 8 2 4 3 3 2 2 3 5
Prignitz 4 5 1 3 2 3 4 3 4 1 2 3 3 7
Spree-Neiße 15 5 1 0 7 13 10 8 16 4 10 20 9 29
Teltow-Fläming 3 4 10 5 10 9 4 6 7 2 8 4 4 8
Uckermark 8 15 8 6 8 14 9 6 5 5 10 6 6 16

Stand: 05. Mai 2015

Diese Daten geben die regionale Verteilung rechter Gewalttaten in Brandenburg nach Verwaltungsgebieten wieder. Die Landkreise und Städte können nicht direkt verglichen werden. Enthalten sind nur Daten, die der Opferperspektive bekannt wurden, und die Quellenlage ist unterschiedlich gut. In der Größe, Einwohnerzahl und Sozialstruktur gibt es zudem erhebliche Unterschiede.

Pressemitteilungen

Einmal im Jahr gibt die Opferperspektive eine Pressemitteilung heraus, in der die statistische Entwicklung rechter Gewalt dargestellt und analysiert wird. Auf Grund von Nachmeldungen weichen die dort publizierten Zahlen von der auf dieser Seite wiedergegebenen Statistik ab.

2015: Rechte und rassistische Gewalt in Brandenburg eskaliert

2014: Rassistische Gewalt steigt auch in Brandenburg

2013: Keine Entwarnung in Brandenburg: Anzahl rechter Angriffe bleibt auf gleichem Niveau

2012: Zunahme rassistischer Angriffe in Brandenburg

2011: Anzahl rechter Angriffe in Brandenburg weiterhin hoch

2010: Rechte Gewalt in Brandenburg stabilisiert sich auf hohem Niveau

2009: Rechte Gewalt in Brandenburg weiter auf hohem Niveau

2008: Weniger rechte Gewalttaten in Brandenburg

2007: Zahl rechter Gewalttaten unverändert hoch und Mehr rechte Gewalttaten

2005: Mehr rechte Angriffe auf alternative Jugendliche

2004: Rechte Gewalt erreicht Höchststand

2003: Gewaltige Abweichungen bei Angriffszahlen

2002: Mehr rechte Gewalt in Brandenburg

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