Ernst-Haeckel-Gymnasium gegen rechte Gewalt

SchülerInnen des Ernst-Haeckel-Gymnasiums in Werder stellten zum 9. November einen Aktionstag mit vielen Veranstaltungen auf die Beine.

Aktionstag zum 9. November in Werder: Schüler sprachen mit Zeitzeugen,
Nazi-Aussteigern und der Polizei

MATTHIAS ANKE

WERDER Die Aufkleber an sämtlichen Straßenlaternen vor dem
Schulgelände waren noch frisch, als gestern der Tag am Werderaner
Ernst-Haeckel-Gymnasium begann. Doch es war kein gewöhnlicher, sondern
ein engagiert geplanter Aktionstag anlässlich des 9. Novembers, der
sich gegen eben jene Botschaften richtete, die von den Aufklebern
ausgingen: Hakenkreuze, faschistische Symbole und Propagandasprüche
von verbotenen Organisationen. In der Nacht geklebt, fand sie die
Polizei am Morgen überall in der Stadt verteilt.

„Wir wissen nicht, ob diese wilde Kleberei mit dem Aktionstag des
Gymnasiums zusammenhängt oder einfach mit dem Datum“, sagt
Polizeioberrat Mathias Tänzer gegenüber der MAZ. Als stellvertretender
Leiter des Schutzbereiches Brandenburg/Havel war er einer von zwölf
Referenten, die gestern ins Gymnasium kamen, um mit den Schülern über
Gewalt von Rechts zu sprechen. Der 9.November hatte sich geradezu
dafür angeboten. Dabei reifte die Idee, das Thema auf die Tagesordnung
der Schule zu setzen und am Tag der Reichspogromnacht vom 9. November
1938 zu diskutieren, gerade erst in den vergangenen Sommerferien.

Abiturient Steven Kenner überzeugte seinen Schulleiter samt aller
Lehrer mit dem Vorhaben, dass die jüngeren Klassen sich anhand von
Stationen mit der Problematik auseinandersetzen: Theater, Geschichten,
Religionen und Hip-Hop. Schüler ab der neunten Klasse erhielten
Berichte aus erster Hand. Von Matthias Adrian beispielsweise, der
einst sogar im Landesvorstand der NPD in Hessen arbeitete und den
Ausstieg geschafft hat. Schon als 14-Jährige seien er und seine
Mitstreiter in der Schule nicht aufgefallen, weil sie ohne Bomberjacke
und Springerstiefel erschienen. Lediglich braune Hemden trugen sie.
Nachmittags ging’s zum „Wehrsport“ in den Stadtwald von Frankfurt am
Main, um Löcher zu buddeln, wie Adrian in lockerer Art den Schülern
berichtete. Betont den rechten Irrsinn verhöhnend, schaffte er es in
Werder, dass die Rechten kurzerhand ausgelacht wurden. Als Referent
und Mitarbeiter der Aussteiger-Organisation „Exit Deutschland“ tritt
der heute 29-Jährige regelmäßig auch für die Friedrich-Ebert-Stiftung
auf und erklärt, „auf welchen Schwachsinn die vermeintliche Ideologie
der Rechten tatsächlich basiert“.

Dank der Ebert-Stiftung konnten in kurzer Zeit die zahlreichen
Referenten gewonnen werden, darunter die Senioren Schid und
Rentmeister mit ihren Kriegserlebnissen, Richter Müller oder die
Potsdamer Staatsanwältin Stari. Am Aktionstag machten auch alle Lehrer
mit. Eltern waren ebenso beteiligt – um vorzubeugen, denn in Werder
stehen ihre Kinder nach Polizeiangaben heute nicht mehr unter dem
Druck einer rechten Szene, wie es sie heute etwa in Belzig noch gibt.

Steven Kenners Einsatz hat persönliche Hintergründe, über die er nur
zaghaft spricht: „Als ich einst nach Groß Kreutz zog, war ich
automatisch mittendrin.“ Heute trägt er stolz sein T-Shirt mit der
Aufschrift „Ernst-Haeckel-Gymnasium gegen rechte Gewalt“, hat für den
Abend des Aktionstages sogar ein Benefizkonzert organisiert. Mit den
Eintrittsgeldern und den Erlösen vom T-Shirt-Verkauf sollen der
Potsdamer Verein „Opferperspektive“ und Werders Jugendclub 01
unterstützt werden.

Zudem will sich das Gymnasium an den Landtag wenden – mit einer
„Klagewand“, auf der Schüler ihre Gedanken zur Gewaltproblematik
angeschrieben haben und mit einer Unterschriftensammlung, die mehr und
bessere Jugendfreizeitangebote fordert.

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