»Opferperspektive« weist den Vorwurf der Verleumdung zurück

Der Presse war zu entnehmen, dass die Polizei gegen den Rathenower Asylbewerber Christopher Nsoh, einem der Augenzeugen des Angriffs auf den britischen Journalisten Justin Jin in Rathenow, Anzeige wegen Verleumdung gestellt hat. Der Verein »Opferperspektive« ist über diese Vorgehen empört und wird Herrn Nsoh jede Unterstützung zukommen lassen, sich gegen diese Beschuldigung zu wehren.

Christopher Nsoh erklärt dazu:

»Was ich gesehen habe, dazu stehe ich. Die beiden Polizistinnen sprangen auf Herrn Jin zu, drehten ihm die Arme auf den Rücken und zwangen ihn in den Streifenwagen. Uns drei afrikanische Asylbewerber ließen sie zurück in der Gefahr, aus der sie Herrn Jin angeblich retten wollten.

Aus meiner Sicht vermittelte die Festnahme von Herrn Jin den Eindruck, dass die Polizistinnen, die ja wir gerufen hatten, unsere Schilderung des Angriffs ignoriert hatten und stattdessen der Version des rassistischen Angreifers gefolgt waren.

Wenn nun die höchste staatliche Autorität in Gestalt des Staatssekretärs Lancelle sich auf die Seite der beiden Polizistinnen stellt und zugleich die Ausländer der Lüge bezichtigt, ist das für mich unglaublich und peinlich. Das erweckt doch den Eindruck, Ausländer seien gegenüber Deutschen immer Lügner.«

Der Verein »Opferperspektive« betrachtet es u.a. als seine Aufgabe, Opfern rassistischer Gewalt die Möglichkeit zu vermitteln, gehört zu werden und ihre Sichtweise darzustellen.

In ihrer Beratungstätigkeit treffen die Mitarbeiter der »Opferperspektive« immer wieder auf Ausländer, die von einer Anzeige rassistischer Gewalttaten absehen. Nach einer Untersuchung des Dresdner Vereins »AnStiftung« beläuft sich der Anteil nicht angezeigter rassistischer Gewalttaten auf etwa 75 Prozent. Das hat unterschiedliche Ursachen, eine Ursache ist die Erfahrung in Einzelfällen, dass Ausländer beim Versuch, eine Anzeige zu stellen, von der Polizei abgewiesen oder diskriminierend behandelt wurden.

Die Reaktion des Potsdamer Innenministeriums, aus einer Wagenburgmentalität heraus Kritik an polizeilichem Fehlverhalten als Imageproblem zu betrachten und zurückzuweisen, ist enttäuschend und in keiner Weise geeignet, das erschütterte Vertrauensverhältnis der Opfer des Rathenower Angriffs wie auch anderer Ausländer in die Polizei zu verbessern. Die Ankündigung, man werde sogar rechtlich gegen Kritiker vorgehen, setzt Signale, zukünftig jede Kritik an polizeilichem Fehlverhalten zu unterlassen, und offenbart ein problematisches Demokratieverständnis.

Ein konstruktiver Umgang der Polizei mit der Kritik hätte dagegen sein können, sich zu fragen, welche Verhaltensweise bei den betroffenen Ausländern den Eindruck erzeugt haben, die Polizei habe auf Seiten des rassistischen Angreifers eingegriffen, sich dafür bei den Opfern zu entschuldigen und so die Basis für eine Verständigung zu legen.
Der Verein »Opferperspektive« lässt nichts unversucht, das Anzeigeverhalten von Minderheiten zu verbessern. Dieses Unterfangen muss jedoch aussichtslos bleiben, wenn, wie im Falle von Rathenow, Opfer mit dem Risiko rechnen müssen, anstelle der Täter selbst festgenommen zu werden.

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