Spendenaufruf für Orazio Giamblanco

1996 wurde der Italiener Orazio Giamblanco in Brandenburg von einem Skinhead fast totgeschlagen. Einmal im Jahr besucht der Tagesspiegel den seitdem schwer Behinderten. Wir dokumentieren die aktuelle Reportage von Frank Jansen über die Lebenssituation von Orazio Gianblanco,und rufen zu Spenden auf. Bitte überweisen Sie auf das Konto der Opferperspektive und tragen das Stichwort „Orazio“ auf den Überweisungsträger ein. Wir leiten […]

Quelle: Tagesspiegel / PNN
Orazio Giamblanco

Orazio Giamblanco

Leben mit der Last

von Frank Jansen

Orazio Giamblanco, Opfer rechter Schläger in Trebbin, benötigt täglich Betreuung. Eine schwere Aufgabe – auch für seine Frau und deren Tochter

Die kleine, kompakte Frau hilft ihm aus dem Rollstuhl und reicht eine der Krücken. Sie hält dem gebrechlichen Mann die rechte Hand hin, in die er seine linke drückt, zur Faust geballt, um sich aufzustützen. Dann greift er langsam nach den Krücken. Die Frau steht daneben, sie beobachtet jede Bewegung. So verharren beide für einen Moment im Bielefelder Fitnessstudio „Outfit“, in einer Halle voller Trainingsgeräte. Dann geht der Mann nach vorne, für einen Meter braucht er heute knapp zwei Minuten. Sie bugsiert ihn zu einem stählernen Apparat mit zwei Stangengriffen. Er steht davor, schweigend, den Blick starr nach unten gerichtet. Die Frau muss weiterhelfen. Erst drückt sie sein linkes Bein, das mit der Stahlschiene, etwas nach vorne, dann das rechte. Jetzt kann er sich setzen, langsam. Endlich ist es geschafft. Er packt die Griffe, die über einen Seilzug mit Gewichten verbunden sind, und rudert mit den Armen vor und zurück. Er kann das ganz gut.
Efthimia Berdes, 39, Griechin, Hilfsarbeiterin in einer Schokoladenfabrik in Bielefeld, guckt erleichtert. Sie sieht es als Lebensaufgabe an, mit ihrer Mutter Angelica deren Lebensgefährten zu pflegen. Orazio Giamblanco, 72, ist schwer behindert. Vor mehr als 17 Jahren, am 30. September 1996, drosch ihm ein Skinhead in Trebbin, einer Kleinstadt südlich von Berlin, eine Baseballkeule gegen den Kopf. Der Kahlkopf und „Kameraden“ hatten im Ort italienische Bauarbeiter gejagt. Giamblanco war erst wenige Tage zuvor aus Bielefeld nach Trebbin gekommen. Den Angriff hätte er beinahe nicht überlebt.
Im Frühjahr 1997 hat diese Zeitung Giamblanco das erste Mal besucht, er lag apathisch in einer Spezialklinik im niedersächsischen Coppenbrügge. Seitdem wird jedes Jahr berichtet, wie es Giamblanco geht. Er leidet unter spastischer Lähmung, unter Schmerzen in Kopf und Körper, unter Verdauungsstörungen, unter Depressionen, sprechen kann er nur mühsam. Seine kurzen Sätze hören sich an, als drücke ihm jemand die Kehle zu. „Ich habe viel schwer“, haucht Giamblanco beim Besuch Ende November. Dieses Jahr hat er es schwerer als sonst.

Efthimia Berdes, von ihrer Mutter und Orazio Efi genannt, hat den Stress nicht mehr verkraftet. Ein Fabrikjob mit Nachtschicht, in der Freizeit kaum etwas anderes, als der Mutter bei der Pflege von Orazio zu helfen, und das Jahr für Jahr, seit 1996. „Ich hatte schon seit Monaten Schlafstörungen“, sagt Efthimia. Im Mai folgte der Kollaps. Es begann mit Angstzuständen. Sie fühlte sich verfolgt, auch in ihrer Wohnung. Dann kam der Tag im Mai, an dem sie sich, verwirrt, selbst lebensbedrohlich verletzte. Krankenhaus, Intensivstation. Efthimia stehen Tränen in den Augen. „Ich habe gedacht, ich bin stark.“ Vier Wochen Krankenhaus, drei Monate in der Reha-Klinik in Bethel nahe Bielefeld, ihre Mutter Angelica besuchte sie fast jeden Tag. Entweder fuhren Freunde sie hin, oder sie musste ein Taxi nehmen. Einmal die Woche brachte das Rote Kreuz Orazio zu Efthimia. Er wollte öfter, sagt Angelica, doch das habe das Rote Kreuz abgelehnt. „Das hat Orazio und mich geärgert, aber er konnte ni chts machen.“

Efthimia schien in all den Jahren die stärkste der drei zu sein. Mutter Angelica, eine zierliche Frau, 61 Jahre alt, wirkte noch erschöpfter. Sie geht schon lange zum Psychiater, um die seelischen Schäden in Grenzen zu halten. Angelica Stavropolou, die früher Berdes hieß und nach ihrer Scheidung wieder den Namen ihres Vater trägt, musste seit 1996 immer Kraft für zwei aufbringen, für Orazio und sich, gab sogar ihre Arbeit auf, um sich der Pflege zu widmen. Jetzt muss sie Kraft für drei aufbringen. Efthimia fühlt sich verpflichtet, ihre Mutter bei der Pflege von Orazio zu unterstützen. „Familie bleibt für mich Familie“, sagt sie. Dabei kam zu kurz, dass sie selber mal eine Familie gründen wollte. Für eine Liebesbeziehung hatte sie zu wenig Zeit, ebenso wenig für sich selbst. Zweimal die Woche geht sie zu Psychiatern, und sie nimmt Antidepressiva. Doch der Leidensdruck bleibt. Efthimia wirft sich vor, finanzielle Probleme verursacht zu haben. Da sie seit Monaten nicht mehr arbe itet, bekommt sie nur noch ein mageres Krankengeld. Die Wohnung, die sie bewusst direkt neben der von Orazio und ihrer Mutter nahm, ist dafür zu teuer. Und als die Depressionen im Mai begannen, mussten die drei eine Reise nach Sizilien, in Orazios alte Heimat, kurz vor dem Abflug stornieren. Versichert waren sie nicht.

Orazio und die beiden Frauen waren froh, auf das Geld zurückgreifen zu können, das die Leser dieser Zeitung nach der Reportage vom Dezember 2012 gespendet hatten. Die Frage nach Reiseplänen für Sizilien oder Griechenland im kommenden Jahr beantworten sie diesmal nur zurückhaltend. „Es täte uns gut“, sagt Efthimia, „aber ich weiß nicht, wann ich wieder arbeiten kann.“ Die Krankenkasse will sie jetzt zur Kur schicken. Efthimia befürchtet, schon über Weihnachten.
Hunderte Kilometer entfernt, sitzt der Mann, der die nicht enden wollende Bielefelder Tragödie verursacht hat. Jan W. hat zugeschlagen im rassistischen Wahn, und er hat dafür gebüßt. Das Landgericht Potsdam verurteilte ihn 1997 zu 15 Jahren Haft, wegen versuchten Mordes an Orazio Giamblanco. „Wenn ich jetzt so zurückdenke“, sagt der 39-Jährige, und stockt. Er kam vorzeitig aus dem Gefängnis, hat sich von der rechtsextremen Szene losgesagt, doch die Tat quält auch ihn noch immer. Wie jedes Jahr am 30. September ist er zu „seinem“ kleinen See gefahren und hat nachgedacht. Drei Stunden lang. „Ich habe mir Fragen gestellt. Wie konnte ich so werden?“ Jan W., eigentlich ein kräftig-kerniger Typ, selbstständiger Bauarbeiter, bereut seinen früheren mörderischen Machismo. 2006 hat er Orazio und den beiden Frauen zwei Briefe geschrieben, in denen er sich entschuldigt und versucht hat, zu erklären, wer er zehn Jahre zuvor war. Die drei in Bielefeld waren gerührt. Sie haben ihm verziehen . „Da ist mir ein ganz großer Stein vom Herzen gefallen“, sagt Jan W. Er wünscht Orazio Giamblanco „vor allem gute Besserung“.

In der Fitnesshalle bewegt Orazio zäh, fast schon verbissen die Stangen der Trainingsapparate, als könnte er ihnen die Hoffnung auf ein besseres Leben abringen. Am Schluss hilft Efthimia ihm wieder in den Rollstuhl und packt seine Beine in eine gefütterte Decke. Für einen Moment sieht sie zufrieden aus.

Frank Jansen

www.pnn.de/brandenburg-berlin

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