An der Seite der Betroffenen – und Partnerin der Wissenschaft


Eine Perspektive aus der Rechtsextremismusforschung auf die Gewaltopferberatung der Opferperspektive. Von Christoph Schulze und Gideon Botsch.

Auf dem Papier betrachtet ist leicht einsehen, weshalb die Beratungsarbeit der Opferperspektive dringend geboten und unverzichtbar ist. Schließlich prägt der Rechtsextremismus und mit ihm rechte, rassistische und antisemitische Gewalt die gesellschaftliche Realität in unserem Bundesland mit. Das Leben von vielen Menschen in Brandenburg wurde und wird dadurch beeinträchtigt – wenn nicht gar genommen! – und die Gewalt wirkt auf das gesellschaftliche Klima im Land in der denkbar negativsten Art ein. Die Taten treffen meist Angehörige von vulnerablen und marginalisierten Bevölkerungsteilen. Also: Solidarität mit den Betroffenen! Und dafür braucht es eine parteiliche, unbürokratische, schnelle praktische Unterstützung – wenn angebracht leise im Hintergrund, wenn nötig laut in der Öffentlichkeit!

Der Opferperspektive kommt nicht nur das Verdienst zu, die Idee zu dieser spezialisierten Beratungsarbeit entworfen und erprobt zu haben. Sie hat darüber hinaus dieses Konzept über sage und schreibe 25 Jahre hinweg in der ganzen Fläche des Landes Brandenburg zur Anwendung gebracht. Am Anfang der zuerst ehrenamtlichen Arbeit stand der antifaschistische Impuls im Vordergrund, der grassierenden Gewalt und dem verbreiteten Wegsehen der Gesellschaft entgegenzutreten. Die Leidenschaft der Anfangsjahre hat die Opferperspektive sich bewahrt. Sie ist aber beim Idealismus nicht stehen geblieben, sondern hat dafür gesorgt, dass sich entsprechende Beratungsangebote bundesweit verbreiteten und sich über die Jahre immer wieder selbst reflektieren, kritisieren und professionalisieren konnten.

Am Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) bearbeitet seit 2016 die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle wissenschaftliche Fragestellungen zu den Feldern Antisemitismus und Rechtsextremismus. Aus der Finanzierung durch das Land leiten wir den Anspruch ab, dabei die Entwicklungen in Brandenburg besonders aufmerksam im Auge zu behalten. Schon vor 2016 wurde mit Blick auf das Bundesland am MMZ zum hiesigen Antisemitismus und Rechtsextremismus geforscht. Aus dieser wissenschaftlichen Praxis heraus können wir bezeugen, wie weit die Bedeutung der Opferperspektive über die für sich schon fulminant wichtige Unterstützung der Betroffenen hinausreicht. Bei der Forschungsarbeit im Land ist die Opferperspektive für uns eine wichtige Partnerin. Unlängst haben wir einen wissenschaftlichen Sammelband zu Geschichte und Gegenwart der rechten Gewalt im Bundesland veröffentlicht, in den die Expertise und Daten aus der Opferperspektive auf vielfältige Weise einflossen. Von ihrem Monitoring der rechten Gewalt und ihrer dokumentarischen Arbeit im Rahmen ihrer Chronologie von rechtsmotivierten Übergriffen können wir als Forschungseinrichtung direkt profitieren und sie mit anderen Datenquellen aus Zivilgesellschaft, Presse oder von der Polizei in Beziehung setzen.

Ein weiterer Effekt der Arbeit der Opferperspektive verdient es, hier hervorgehoben zu werden. Die aufsuchende Beratungsarbeit bringt es mit sich, dass die Mitarbeiter:innen der Opferperspektive permanent im Bundesland unterwegs sind, Netzwerke aufbauen, erhalten und erneuern und sich dabei einen ungeheuren Wissensschatz über lokale Ereignisse, Stimmungen und Entwicklungen im Themenfeld aneignen, der fortlaufend aktualisiert wird. Dieses Wissen fließt in die kritische Betrachtung des Brandenburger Rechtsextremismus ein und steigert das öffentlich zugängliche Wissen quantitativ und qualitativ. Ihre Netzwerke und Wissenssammlungen pflegt die Opferperspektive vorrangig zur Wahrung der Interessen ihrer Klient:innen, doch es profitiert die ganze Gesellschaft. Über manche beunruhigende Entwicklung im Land wäre ohne diese Arbeit viel weniger bekannt – dies reicht vom Tun militanter Neonaziorganisationen über queerfeindliche Stimmungen bis hin zu überlangsamer Arbeit in der Justiz. Die Opferperspektive ist somit ein wahrlicher Wachhund für die Demokratie in Brandenburg, ein Frühwarnsystem zur Wahrnehmung demokratiegefährdender Phänomene.

Dass die Opferperspektive auf von ihr wahrgenommene Probleme manchmal unpässlich, lautstark und unbequem hinweisen muss, gehört zu ihren Aufgaben. Wir wünschen für die Arbeit in den kommenden Jahren das Beste. Es ist erahnbar, dass schwere Jahre für die demokratische Zivilgesellschaft anstehen. Wir setzen darauf, in unserer Forschungsarbeit weiter auf die Impulse und Informationen aus der Opferperspektive bauen zu können.


Apl. Prof. Dr. Gideon Botsch ist Leiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle (EJGF) Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) der Universität Potsdam. Dr. Christoph Schulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am MMZ. Beide forschen seit vielen Jahren zur Entwicklung des Rechtsextremismus in Brandenburg.


Dieser Beitrag ist in der Dezemberausgabe 2023 der Schattenberichte erschienen.

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