Statistik rechter Gewalttaten in Brandenburg

Seit 2002 wertet die Opferperspektive registrierte rechte Gewalttaten statistisch aus.

Für das Jahr 2018 hat der Verein Opferperspektive 174 rechte Gewalttaten erfasst. Damit verbleibt die Zahl der Angriffe weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Niveau. 2017 zählte die Opferperspektive 171 rechtsmotivierte Übergriffe. Bereits 2015 warnte die Beratungsstelle vor einer möglichen Normalisierung rechter Gewalt. Mit Blick auf die anhaltend hohe Anzahl rechter Attacken in den vergangenen vier Jahren muss heute konstatiert werden, dass diese Normalisierung eingetreten ist.

Diese zeigt sich in Brandenburg vor allem an der Vielzahl rassistisch motivierter Angriffe. In 86 Prozent aller rechten Gewalttaten war Rassismus das Motiv. Dies ist erneut ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr und ein weiterer Höchstwert seit Beginn des Monitorings im Jahr 2001. Einen Rückgang gab es hingegen bei Übergriffen durch Rechte auf politische Gegner*innen. Die Beratungsstelle erhielt nur noch von 14 solcher Vorfälle Kenntnis.  Ein regionaler Schwerpunkt ist bei diesen Taten nicht auszumachen. Im vergangenen Jahr gab es allerdings jenseits von Cottbus und Rathenow kaum Versuche der rechten Szene, ihre Anhängerschaft auf der Straße zu mobilisieren und entsprechend wenig Konfrontation mit Gegendemonstrant*innen. In der Vergangenheit waren dies häufig Angriffssituationen. Eine Fokusverschiebung auf junge Geflüchtete bei rechten Tätergruppen diesbezüglich stellt aus Sicht der Opferperspektive einen Erklärungsansatz für den Rückgang bei Angriffen auf Alternative dar. Fünf Gewalttaten richteten sich gegen nicht-rechte Jugendliche oder Alternative. Jeweils zwei Übergriffe wurden aus einer antisemitischen Tatmotivation heraus verübt oder richteten sich gegen Journalist*innen, die rechte Veranstaltungen dokumentierten. Weiterhin wurde eine sozialdarwinistisch motivierte Tat gegen Wohnungslose erfasst. Hier muss betont werden, dass der Verein wie auch bei den anderen Tatmotivationen von einer hohen  Dunkelziffer ausgeht.

Wie in den Jahren zuvor bilden Körperverletzungsdelikte den herausragenden Schwerpunkt rechter Gewalttaten in Brandenburg. Die Opferperspektive zählte 83 einfache Körperverletzungen (2017: 79) und 64 gefährliche Körperverletzungen (2017: 69). Unter den als gefährliche Körperverletzung eingestuften Taten finden sich Übergriffe von erheblicher Schwere, einige Betroffene sprechen von erlebter Nahtoderfahrung. Weiterhin handelt es sich bei den meisten körperlichen Übergriffen um spontane Taten im öffentlichen Raum. Ein leichter Anstieg auf 20 Vorfälle ist für die Tatbestände Nötigung und Bedrohung festzustellen (2017: 13). Auch solche Taten haben oft massive Auswirkungen auf Betroffene, die im vergangenen Jahr bis hin zu Schul- oder Wohnungswechsel führten. Erstmalig seit Beginn des Monitorings wurde der Beratungsstelle keine rechtsmotivierte Brandstiftung im Land Brandenburg bekannt. Geflüchtetenunterkünfte scheinen nicht mehr der Kristallisationspunkt rechter und rassistischer Agitation zu sein.

Betroffene rechter Gewalt sind in Brandenburg überwiegend männlich (ca. 80 Prozent) und im jungen Erwachsenenalter. Im Jahr 2018 waren jedoch 19 Prozent der Betroffenen Frauen, was den höchsten Anteil von Frauen als Betroffene in den letzten drei Jahren darstellt. Die meisten der angegriffenen Frauen (44 von 50) wurden aus rassistischen Motiven angegriffen. Bei derartigen Angriffen ist die Tatmotivation oft mit starken Elementen sexistischer Abwertung verschränkt, was Betroffene zusätzlich belastet. Eine besondere Gruppe Tatbetroffener sind zudem junge Erwachsene aus Afghanistan, die vermehrt von der Opferperspektive beraten werden. Viele von ihnen sind psychisch und/oder physisch durch den Krieg in Afghanistan oder Gewalterfahrungen auf der Flucht vorbelastet. Das Erleben von rassistischer Gewalt in Deutschland und die Furcht vor Abschiebung in das lebensgefährliche Afghanistan reaktiviert und vertieft diese Traumata.

Stand: 12. April 2019

Die Fallzahlen des Landeskriminalamts (LKA) und der Opferperspektive sind nicht direkt vergleichbar. Die Opferperspektive erfasst zusätzlich zu den vom Landeskriminalamt nach der Definition Politisch motivierte Kriminalität-rechts gezählten Delikten auch Bedrohungen, Nötigungen und Sachbeschädigungen. Bis 2005 waren, wenn man nur die nach dem Erfassungssystem PMK-rechts erhobenen Delikte betrachtet, dennoch erhebliche Abweichungen vorhanden. Seit 2006 enthält die Statistik der Opferperspektive auch Fälle, die nur dem LKA bekannt wurden. Diese werden regelmäßig den Antworten der Landesregierung Brandenburg auf Kleine Anfragen der Landtagsfraktion der Partei DIE LINKE entnommen.

Zahl rechter Gewalttaten und Geschädigter

Statistik20022003200420052006200720082009
Gewalttaten (OPP)130117137140140159104101
Gewalttaten (LKA)78871059790937169
Direkt Geschädigte (OPP)171152179196206262174138
Statistik201020112012201320142015201620172018
Gewalttaten (OPP)10887958598*203221171174
Gewalttaten (LKA)6639584873129167124123
Direkt Geschädigte (OPP)149158146113124415335264262

*mit Nachmeldungen

Zahl rechter Straftaten nach Tatmotiven

Motiv2006200720082009201020112012201320142015201620172018
Rassismus506730494935463958138175143150
Antisemitismus8223220114102
Homophobie0020011112200
gegen Menschen mit Behinderung1110000201110
gegen sozial Benachteiligte0111012224001
gegen politische Gegner*innen30393426252531301936242514
gegen nicht Rechte42383218272315101191425
Sonstiges1000000009402
Unklar81124500000000

Stand: 12. April 2019

Die Situation bleibt landesweit besorgniserregend. Zwar ist punktuell ein Rückgang rechter Gewalttaten festzustellen, in den meisten Landkreisen ist jedoch ein teils erheblicher Anstieg bzw. gleichbleibend hohe Angriffszahlen zu verzeichnen. So stieg bspw. die Anzahl der rechten Gewalttaten in der Uckermark von 13 (2017) auf 27 im Jahr 2018. Besonders bedrohlich ist auch die Situation in Cottbus. Hier zeugen 35 rechte Angriffe davon, dass eine militante rechte Szene versucht, den öffentlichen Raum der Stadt zu dominieren.

Insbesondere der hohe Anteil rassistischer Gewalttaten lässt sich auf einen enthemmten Vertreibungswillen bei den Täter*innen zurückführen. Die Opferperspektive ruft Zivilgesellschaft, Kommunalverwaltungen und Landesregierung auf, alles dafür zu tun, die rechte Gewaltwelle zu beenden. Dazu ist es notwendig rassistischer Hetze entschieden entgegenzutreten, Diskriminierungen abzubauen und ein gewaltfreies Zusammenleben aller Menschen in Brandenburg zu fördern.

Zahl rechter Gewalttaten nach Landkreisen und kreisfreien Städten

Landkreis/Kreisfreie Stadt20022003200420052006200720082009201020112012201320142015201620172018
Barnim10636752324668651113
Brandenburg an der Havel11221130223425556
Cottbus139997135131910751028413235
Dahme-Spreewald123791364433404104410
Elbe-Elster121511012310145552
Frankfurt (Oder)57621395501162381656
Havelland1418241711136102230491123
Märkisch-Oderland4715639887724391329
Oberhavel66571012818431717111218
Oberspreewald-Lausitz71442324236255675
Oder-Spree3112157963355267992
Ostprignitz-Ruppin9679786715139431621164
Potsdam121515272214171277101281391111
Potsdam-Mittelmark26789824332235675
Prignitz45132343412337585
Spree-Neiße1551071310816410209292787
Teltow-Fläming341051094672844811146
Uckermark815868149655106616161327

Stand: 12. April 2019

Diese Daten geben die regionale Verteilung rechter Gewalttaten in Brandenburg nach Verwaltungsgebieten wieder. Die Landkreise und Städte können nicht direkt verglichen werden. Enthalten sind nur Daten, die der Opferperspektive bekannt wurden, und die Quellenlage ist unterschiedlich gut. In der Größe, Einwohnerzahl und Sozialstruktur gibt es zudem erhebliche Unterschiede.

Pressemitteilungen

Einmal im Jahr gibt die Opferperspektive eine Pressemitteilung heraus, in der die statistische Entwicklung rechter Gewalt dargestellt und analysiert wird. Auf Grund von Nachmeldungen weichen die dort publizierten Zahlen von der auf dieser Seite wiedergegebenen Statistik ab.

2018: Rechte Gewalt ist Normalität in Brandenburg

2017: Anzahl rechter Gewalttaten in Brandenburg ungebrochen hoch

2016: Rechte Gewalt in Brandenburg auf unverändert hohem Stand

2015: Rechte und rassistische Gewalt in Brandenburg eskaliert

2014: Rassistische Gewalt steigt auch in Brandenburg

2013: Keine Entwarnung in Brandenburg: Anzahl rechter Angriffe bleibt auf gleichem Niveau

2012: Zunahme rassistischer Angriffe in Brandenburg

2011: Anzahl rechter Angriffe in Brandenburg weiterhin hoch

2010: Rechte Gewalt in Brandenburg stabilisiert sich auf hohem Niveau

2009: Rechte Gewalt in Brandenburg weiter auf hohem Niveau

2008: Weniger rechte Gewalttaten in Brandenburg

2007: Zahl rechter Gewalttaten unverändert hoch und Mehr rechte Gewalttaten

2005: Mehr rechte Angriffe auf alternative Jugendliche

2004: Rechte Gewalt erreicht Höchststand

2003: Gewaltige Abweichungen bei Angriffszahlen

2002: Mehr rechte Gewalt in Brandenburg

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